Sexuelle Belästigung

Nein heißt nein: Wie sich Catcalling anfühlt – Betroffene berichten

„Süße, komm mal rüber!“, Kuss- und Pfeifgeräusche oder anzügliche Gesten. Das gehört für viele zum Alltag. Drei Betroffene sind sich einig: Catcalls sind keine Komplimente, sondern sexuelle Belästigung.

Antonia Quell aus Fulda * hat im August 2020 online eine Petition gestartet. Sie und fast 70.000 Menschen fordern, dass verbale sexuelle Belästigung strafbar sein soll. Die Petition gegen sogenanntes Catcalling liegt dem Bundesjustizministerium vor. Gesetzlich hat sich seitdem nichts geändert. 70 Prozent der unterzeichnenden Personen fühlen sich direkt betroffen, 13 Prozent fühlen sich verantwortlich.

Einer Studie des Bundesfamilienministeriums zeigt: Etwa 44 Prozent der befragten Frauen und 32 Prozent der befragten Männer haben Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Während Männern dies meist am Arbeitsplatz erleben, erfahren Frauen sexuelle Belästigung in den meisten Fällen durch Unbekannte im öffentlichen Raum. Dieses Catcalling betrifft demnach meist Frauen.

Verbale sexuelle Belästigung ist in Deutschland kein Straftatbestand. Nur in bestimmten Fällen gilt Catcalling als Beleidigung oder Nötigung. In Frankreich wird mündliche sexuelle Belästigung dagegen seit 2018 mit Bußgeldern geahndet. Auch in Portugal, Belgien und in den Niederlanden ist Catcalling strafbar.

Auch Pasqual Schmidt (19) aus Bremen macht regelmäßig Erfahrungen mit Catcalling.

„Ich finde dich hübsch, ich will dich ficken“: Erst als Pasqual mit der Polizei droht, verschwindet sein Verfolger

Doch auch, wenn Catcalling nicht strafbar ist, sind die anzüglichen Äußerungen für viele Personen allgegenwärtig. Wie für den 19-jährigen Pasqual Schmidt aus Bremen. Als er kürzlich innerhalb Hamburgs auf dem Weg zu einem Freund war, habe ihn ein Mann nach seinem Namen gefragt. „Ich finde dich voll hübsch, ich will dich ficken, wir machen schnell“, habe er gesagt.

Auch nach klarer Verneinung seiner aufdringlichen Fragen habe der Unbekannte den 19-Jährigen verfolgt. „Erst als ich mit der Polizei gedroht habe, ist er gegangen.“ Die Begegnung hat er gefilmt und auf Instagram hochgeladen.

Mit dem Hashtag #textmewhenyougethome wurden Frauen im März in den sozialen Medien laut. Sie wollen mit ihren Ängsten ernst genommen werden und fordern ein Umdenken in der Gesellschaft. Autorin Maria Sandig appelliert für mehr Sensibilität seitens der Männer *.

Besonders, wenn Pasqual als Drag auf die Straße geht, bekommt er anzügliche Kommentare zu seiner Erscheinung. Doch er hat einen Weg gefunden, damit umzugehen.

Catcalling ist für den jungen Bremer nicht neu. „Ich gehe auch gerne als Drag auf die Straße. Mit Perücke und geschminkt. Da passiert mir sowas oft. Normalerweise lache ich über solche Menschen. In Hamburg war mir nicht nach Lachen“, sagt er. Doch auch, wenn er als Junge unterwegs ist, erlebt er ähnliches.

Auch da seien Beleidigungen wie „Schwuchtel“ oder Fragen wie „Willst du an meinem Schwanz blasen?“ nicht selten. Da es ihm in Bremen und Hamburg besonders häufig passiert, will er nach Berlin ziehen. „Dort passiert mir sowas so gut wie nie. Die Stadt ist offener für bunte Menschen. Der Norden dagegen ist konservativer“, meint er.

Vier Bremerinnen setzen sich mit Malaktionen gegen Catcalling ein. Die Idee kommt aus New York, nun tragen die jungen Frauen den Protest gegen Sexismus * auf die Straßen der Hansestadt.

So kannst du dich gegen Catcalling wehren

  • Ignorieren: Das kann funktionieren, kann für dich aber auch unbefriedigend sein.
  • Reagieren: Zurückpfeifen, wenn dir eine Person hinterherpfeift. Das kann die andere Person überraschen und sich stärkend oder beruhigend auf dich auswirken.
  • Grenzen aufzeigen: Sage der Person klar und deutlich, dass sie aufhören soll.
  • Hilfe holen: Wenn du dich unsicher fühlst, kannst du das deutschlandweite Heimwegtelefon (030-12074182) anrufen. Solltest du alleine unterwegs sein und dich bedroht fühlen, rufe im Notfall die Polizei.

Auch Lena S. aus Buchholz in Niedersachsen kennt das Problem mit Männern, die aufdringlich sind. „Ich war im Sommer auf dem Weg zum Praktikum. Ich hatte mir vorgenommen, mehr Menschen anzulächeln, wenn ich morgens schlecht gelaunt bin.“ So auch bei einem Mann, der ihr mit dem Fahrrad entgegenkam. „Etwa 500 Meter danach bemerkte ich, dass sich im Augenwinkel etwas bewegt. Ich hatte Kopfhörer drin, hab also davor nichts bemerkt.“

Auch Lena aus Niedersachsen hatte schon einige unangenehme Situationen durch vulgäre Anmachen.

Der Mann hatte seine Wegrichtung geändert, die Straßenseite gewechselt und ist Lena hinterhergefahren. „Er stellte mir viele Fragen. Arbeitest du hier? Wann können wir uns sehen? Ich sagte dann, dass ich keine Zeit habe und auch nicht mit ihm reden mag“, erinnert sich die 23-Jährige.

Catcalling im eigenen Haus: „Er sagte, er könne ein Loch bohren, um mich zu beobachten“

Der deutlich ältere Mann lässt nicht locker: „Wann hast du Zeit? Wie heißt du? Wohnst du hier? Ich bin einfach weitergelaufen und habe wirklich freundlich gesagt, dass ich ihn nicht treffen möchte und auch jetzt keine Zeit habe mich zu unterhalten. Aus Angst, dass sich die Situation verschlimmert“, sagt Lena. „Als ich nicht mehr darauf reagiert habe, ist er verschwunden.“

Auch mit ihrem Nachbarn hatte die 23-Jährige schon einige unangenehme Situationen. „Bei meinem Einzug habe ich ihn flüchtig kennengelernt. Sein Kellerraum ist neben meiner Wohnung. Er sagte, er könne ein Loch bohren, um mich zu beobachten“, erzählt sie. Bemerkungen wie diese kämen seitdem ständig.

Eine Demonstrantin in Berlin macht klar, dass ein Nein auch Nein bedeutet. Opfer herabwürdigender sexistischer Äußerungen oder Handlungen sind in der Regel Frauen.

Auch Tilda J. aus Bremen hat genug von vulgären Anmachen auf der Straße und findet es deshalb wichtig, darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen. „Ich habe erlebt, dass Männer mir und einer Freundin hinterherrufen, insbesondere beim Joggen.“ Sprüche wie „Na, ihr Hübschen – das sieht ja gut aus“ oder Männer in Autos, die hupen – beides sei ihr schon öfter passiert.

„Letztens habe ich auch von einem Restaurantbesitzer, deutlich älter als ich, einen Spruch beim Restaurantbesuch gedrückt bekommen: Er würde mich ja gerne nach Hause fahren.“ Als die 25-Jährige konterte, dass sie daran kein Interesse habe, habe er ihr nur hinterhergerufen, was für ein blöder Spruch dies von ihr sei. „Erschrocken hat mich dabei besonders, dass die Kellnerinnen, die das mitgehört haben, auf meine Reaktion erstaunt reagierten, anstatt mich in Schutz zu nehmen“, sagt die Bremerin.

Ann-Kristin Hartz ist Diplom-Psychologin und steht Frauen und Mädchen bei Erfahrungen mit sexueller Gewalt zur Seite.

Diplom-Psychologin Ann-Kristin Hartz: Diese Motive stecken hinter Catcalling

Ann-Kristin Hartz ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin. Sie arbeitet in einer Beratungsstelle für Frauen und Mädchen in Braunschweig, die Erfahrungen mit sexueller Gewalt gemacht haben.

Welche Motive stecken hinter Catcalling?
Menschen und insbesondere Männer, die so etwas tun, wollen Macht demonstrieren. Vielleicht gefällt die Frau ihnen. Doch bei Catcalling geht es nicht um die Kontaktaufnahme oder ein Kompliment. Die Personen machen es und amüsieren sich darüber, wenn sich die Frau erschreckt oder schneller geht. Meist geht es auch darum, Grenzen ausloten und Spielchen zu spielen.
Es geht also um Macht. Doch was haben die Personen davon?
Vielleicht suchen sie Bestätigung, weil die Freunde dabei sind und das vielleicht auch witzig finden. Nach dem Motto: Ich bin der tolle Held, weil ich mich traue. In dem Moment geht es darum, den eigenen Selbstwert zu steigern. Mit der Denkweise: Ich habe das in der Hand, ich kann das einfach machen und irritiere die Person und jage ihr Angst ein.
Geht Catcalling häufiger von Männern aus aus von Frauen?
Catcalling geht definitiv eher von Männern aus. Im Bereich der sexualisierten Gewalt ist der männliche Täteranteil insgesamt deutlich größer.
Warum ist Catcalling so problematisch?
Leider ist es ein gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten. Durch die sozialen Medien und durch konkrete Aktionen gegen Catcalling ändert sich das langsam, aber das muss die breite Masse erst einmal mitbekommen. Wenn Menschen Catcalling erleben, hat das Auswirkungen auf sie und ihr Verhalten. Gerade Frauen denken darüber nach, was sie anziehen, welche Wege sie gehen, ob sie im Dunkeln unterwegs sind. Das vermindert die Lebensqualität. Für Personen mit Traumata und Gewalterfahrungen kann es zudem Erinnerungen auslösen.

kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Hannibal Hanschke/ dpa

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Meistgelesene Artikel

Corona-Regeln im Supermarkt: Was im Dezember bei Aldi, Lidl, Edeka und Rewe gilt

Corona-Regeln im Supermarkt: Was im Dezember bei Aldi, Lidl, Edeka und Rewe gilt

Corona-Regeln im Supermarkt: Was im Dezember bei Aldi, Lidl, Edeka und Rewe gilt
Weihnachtshaus in Niedersachsen verzaubert zum 1. Advent mit 60.000 Lichtern

Weihnachtshaus in Niedersachsen verzaubert zum 1. Advent mit 60.000 Lichtern

Weihnachtshaus in Niedersachsen verzaubert zum 1. Advent mit 60.000 Lichtern
Leb wohl, E-Auto? Die Produktion ist bedroht – international

Leb wohl, E-Auto? Die Produktion ist bedroht – international

Leb wohl, E-Auto? Die Produktion ist bedroht – international
Veganerin isst im Suff Chicken Nuggets – und zeigt ihre Freunde deswegen an

Veganerin isst im Suff Chicken Nuggets – und zeigt ihre Freunde deswegen an

Veganerin isst im Suff Chicken Nuggets – und zeigt ihre Freunde deswegen an

Kommentare