Anfeindungen nach dem Tod eines 19-Jährigen im Gewahrsam

Delmenhorster Polizisten im Kreuzfeuer

Eine Autofahrerin zeigt bei einer Verkehrskontrolle den Stinkefinger.
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Auch das kommt vor: Eine Autofahrerin zeigt bei einer Verkehrskontrolle den Stinkefinger.

Seit dem Tod eines 19-Jährigen im Polizeigewahrsam werden die Delmenhorster Beamten im Netz massiv angefeindet. Viele Nutzer sind sich sicher: Dass der junge Mann 2014/2015 aus dem Irak nach Deutschland gekommen ist, muss mit seinem Tod zusammenhängen. Das vermutet auch der Flüchtlingsrat Niedersachsen. Anschuldigungen, die nicht nur den Leiter der örtlichen Polizeiinspektion verärgern, sondern auch die Gewerkschaft.

Delmenhorst – Das Urteil stand schnell fest: „Ihr seid Mörder und keine Polizisten“, „Schweine“, „Bastarde“, „Ich wünsche Ihnen und Ihren ehrenlosen radikalen Kollegen einen schnellen Tod auf der Autobahn“. Seit dem Tod eines 19-Jährigen aus Delmenhorst in Polizeigewahrsam sehen sich die örtlichen Beamten Anfeindungen ausgesetzt, die das gewohnte Maß bei Weitem übertreffen. Da meldet sich jemand gleich zehnmal über Notruf: „Eh, hör mal zu Alter, Ihr seid doch die, die kleine Kiffer totschlagen.“ Oder ein Kollege bekommt während einer Versammlung zu hören: „Den Polizisten, die dabei gewesen sind, sollte man eine Kugel in den Kopf schießen.“ Und per Briefpost schreibt ein aufgebrachter Kritiker: „Wir empfehlen allen Personen Ihrer Dienststelle, die daran beteiligt waren, in Zukunft gut auf sich und ihre Familien aufzupassen. Der Staat kann töten. Wir können das auch.“

Jörn Stilke, Leiter der Polizeiinspektion in Delmenhorst, sieht hier die Grenzen überschritten. Statt der verfassungsrechtlich verankerten Unschuldsvermutung erfahren seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hundertfach Vorverurteilungen, Verunglimpfungen und Beschimpfungen. „Das hat in meinen Augen nur noch wenig mit einer freien Meinungsäußerung zu tun.“ Gut 20 Zuschriften habe er zur Strafanzeige gebracht.

Ermittlungen noch nicht abgeschlossen

Weil die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind, kann er sich zum eigentlichen Tathergang nicht äußern. Doch so viel ist bekannt: Zwei Polizisten in Zivil hatten den 19-jährigen Qosay K. am 5. März im Delmenhorster Wollepark wegen möglichen Drogenkonsums kontrolliert. Dabei kam es zu einer Auseinandersetzung, bei der die Beamten auch Pfefferspray einsetzten. Später brach der junge Mann in der Gewahrsamszelle Nummer zwei zusammen. Ein Notarzt, der sich bereits zu einer Blutentnahme auf dem Weg ins Polizeigebäude befand, versorgte den Patienten zeitnah; einen Tag später starb er dennoch in Oldenburg im Krankenhaus.

Laut Staatsanwaltschaft liegen erste rechtsmedizinische Gutachten vor. „Daraus ergibt sich im Wesentlichen, dass der junge Mann an einem Multiorganversagen noch unklarer Genese verstorben sei.“ Er habe Blut in Lunge und Bauch gehabt. Der Mageninhalt deute darauf hin, dass auch eine „Intoxikation mit Fremdsubstanzen“ als Todesursache infrage komme. Weitere umfangreiche Untersuchungen müssten noch folgen.

Kritik aus dem Flüchtlingsrat

Verletzungen des Toten an Kopf, Kinn und Wange passten zwar zum Bild einer körperlichen Auseinandersetzung mit den Beamten. Diese Einwirkungen hätten aber nichts mit der Todesursache zu tun, unterstrich die Staatsanwaltschaft. Ein belastbarer Hinweis auf die Todesursache steht also noch aus. Doch darauf möchte die Internet-Community, die auf Beschimpfungen aus ist, nicht warten. Ihr Beweis dafür, dass in Delmenhorst Unrecht geschehen sein muss, ist so simpel wie undifferenziert: Der 19-Jährige war nach Angaben von Lea Voigt, Anwältin seiner Familie, in den Jahren 2014/2015 als Jugendlicher aus dem Irak geflohen – und nun nach einer Polizeikontrolle gestorben.

Die Herkunft des jungen Mannes spielt auch für den Flüchtlingsrat Niedersachsen eine zentrale Rolle bei der Bewertung des tödlichen Schicksals: „Tag für Tag werden Menschen mit einer – oft auch nur angenommenen – Flucht- oder Migrationsgeschichte von der Polizei kontrolliert und eingeschüchtert“, sagt der Referent der Geschäftsführung, Sascha Schießl. Der Flüchtlingsrat gehe davon aus, dass die Polizei mit einem blonden Mann mit deutschem Namen anders umgegangen wäre als mit dem Mann, der als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland kam.

Entschuldigung abgelehnt

Diese Hypothese bringt Dietmar Schilff, den Landesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei Niedersachsen, auf die Palme: „Die Aussagen legen auf inakzeptable Weise eine pauschale, strukturelle und systematische Ungleichbehandlung von Menschen mit Fluchthintergrund durch die Polizei nahe, die jeder Grundlage entbehrt.“ Er zeige „absolut kein Verständnis für die destruktive und undifferenzierte Kommunikation des Flüchtlingsrates“, sagt Schilff und fordert den Flüchtlingsrat dazu auf, „seine diffamierenden Aussagen klarzustellen und sich bei den Tausenden Polizistinnen und Polizisten im Land zu entschuldigen“.

Doch dazu wird es wohl nicht kommen: „Für eine Einschränkung unserer Aussagen oder gar eine Entschuldigung besteht kein Anlass“, lässt Sascha Schießl wissen. Dabei beruft er sich auf die Erfahrungen junger Menschen, denen eine Migrationsgeschichte zugeschrieben wird, mit Polizeikontrollen im Umfeld des Wolleparks in Delmenhorst und spricht von „Racial Profiling“ – also der Erstellung des Gesamtbildes einer Persönlichkeit nach ethnischen Kriterien.

Irgendjemand beschimpft uns immer.

Jörn Stilke, Leiter der Polizeiinspektion Delmenhorst

Wie aber soll Racial Profiling möglich sein, wenn nicht nur Hans und Franz in Delmenhorst ermitteln? „Wir heißen auch Samira, Long Hai, Erkan, Delsad, Özlem, Kadrilj und Amjad“, sagt Dienststellenchef Stilke. In seiner Inspektion arbeiten Menschen mit einem Herkunftshintergrund, der in der Türkei, im Irak, in Polen, Russland, Rumänien, Indien und China liegt. Auch diese Beamten werden gegenwärtig pauschal als fremdenfeindlich und rassistisch diffamiert.

Beispielsweise von „slfmdmemes“, der eindrucksvoll twittert: „Fickt euch ihr Bastarde der #polizeidelmenhorst und alle anderen Bullen sollen sich genauso ficken. (Polizei kommunistischer und sozialistischer Staaten ausgeschlossen)“. Und so ist es mittlerweile fast egal, was die Delmenhorster Polizisten auf ihrem Twitter-Kanal posten: „Ob es um einen Verkehrsunfall oder einen verlorenen Schlüssel geht – irgendjemand beschimpft uns immer.“

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