Kosten: 135 Millionen Euro

Nach sechs Jahren: Marineschiff Gorch Fock segelt wieder

Das Schulschiff Gorch Fock hat wieder Wasser unterm Kiel. Auf den Meeren wirbt der Segler wieder für Deutschland, an Land bleibt juristischer Ärger.

Wilhelmshaven – Ohne großes Tamtam übernimmt die Marine in Wilhelmshaven wieder ihr saniertes Segelschulschiff Gorch Fock. Am Donnerstag übergibt die Bremer Lürssen-Werft den Dreimaster. Sie hatte in den vergangenen zwei Jahre an dem Schiff gebaut. Es ist der schlichte offizielle Schlussstrich unter ein fast sechs Jahre langes Drama.

Länge:89 Meter
Stapellauf:23. August 1958
Indienststellung:17. Dezember 1958
RufzeichenDRAX

Gorch Fock: Segelschiff kehrt in Heimathafen Kiel zurück

Den neuen Glanz ihres schnittigen weißen Traditionsseglers will die Marine bei der Rückkehr in den Heimathafen Kiel am kommenden Montag (4. Oktober). feiern. „Wir freuen uns sehr, dass dieses Schulschiff zurückkommt, das wir dringend für die Ausbildung brauchen“, sagte ein Sprecher des Marinekommandos in Rostock.

Zwar hat die Gorch Fock seit Dezember 2015 die meiste Zeit still und sicher auf dem Trockenen gelegen; die Stammbesatzung lebte auf einem Wohnschiff und beaufsichtigte die Arbeit der Werften. Doch die Sanierung hat die Marine und eine Verteidigungsministerin in Bedrängnis gebracht, der Steuerzahler hat die hohe Summe von 135 Millionen Euro schultern müssen. Und als Wirtschaftskrimi ist die Geschichte noch nicht ausgestanden. Zum Vergleich: Der Bau hat 1958 8,5 Millionen DM gekostet.

Wir haben das alles sehr genau verfolgt

Guido Oeltermann, Chef einer Vereinigung ehemaliger Seefahrer

„Wir haben das alles sehr genau verfolgt und auch immer Kontakt zur Crew gehalten“, sagt Guido Oeltermann, Chef einer Vereinigung ehemaliger Seefahrer auf der Gorch Fock. „Wir sind alle froh, dass das Schiff nicht abgewrackt worden ist, sondern wieder fahren kann.“

Segelschiff Gorch Fock: Kosten mit 135 Millionen Euro laufen aus dem Ruder

Den Ärger über die aus dem Ruder gelaufenen Kosten kann Oeltermann nachvollziehen. Aber er ist „tausendprozentig“ davon überzeugt, dass die Marine den Großsegler braucht, um ihren Offiziersnachwuchs zu schulen. Er ist von 1993 bis 1997 als Navigator auf der Gorch Fock gefahren. „Sie können nirgendwo diese Wucht von Wind und Wellen so gut erfahren wie auf einem Segelschiff“, sagt der 1. Crew-Chef der Bordkameradschaft. „Es zählt die Teamarbeit. Dieses Miteinander und Füreinander einstehen - das kann man dort gut vermitteln.“

Allerdings sieht Oeltermann es genauso wie der Bundesrechnungshof in einem Bericht von Anfang 2019: Die Sanierung sei schlecht vorbereitet gewesen. Die kleine Elsflether Werft, die schon oft an der Gorch Fock gearbeitet hatte, bekam 2015 den Zuschlag für ein Gebot von knapp zehn Millionen Euro. Für diese Summe sollten eigentlich nur kleinere Reparatur- und Instandsetzungsarbeiten durchgeführt werden.

Elsflether Werft an der Unterweser: Sanierungskosten der Gorch Fock explodieren

Doch je länger die Arbeit dauerte, desto mehr Schäden an der 1958 gebauten Bark traten zutage. Es stellte sich heraus: Diese Summe wird nicht reichen. Immer größere Schäden am Rumpf, an Trägern und Schottwänden stellen die Spezialisten der Werft an der Gorch Fock fest. Mehrfach werden die geschätzten Reparaturkosten hochgesetzt: Erst auf mehr als zwölf Millionen, dann auf gut 22 Millionen.

Die „Gorch Fock“ fährt aus dem Hafen. Vor der Rückgabe an die Marine ist das sanierte Segelschulschiff zu einer zweiten Probefahrt ausgelaufen. Bei der ersten Probefahrt nach fast sechs Jahren Sanierung hatte es Anfang September einen Motorschaden gegeben.

Die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) brach nicht ab, sondern winkte zweimal höhere Kosten durch. Als die Rede von 64 Millionen Euro war, wurde ein Baustopp verhängt. „Ich glaube schon, dass man viele Schäden vorher gefunden hätte, wenn man genauer gesucht hätte“, sagt Oeltermann.

Hinzu kamen dubiose Machenschaften auf der Werft in Elsfleth an der Unterweser. Die zwei Vorstände sollen Einnahmen von der Marine in Nebengeschäfte gesteckt haben, anstatt die Subunternehmer zu bezahlen. Etwa 20 Millionen Euro fehlten, als im Februar 2019 eine neue Werftführung Insolvenz anmeldete. Seitdem habe man mehrere Millionen Euro wieder auftreiben können, sagt der Generalbevollmächtigte der Elsflether Werft, Tobias Brinkmann. Allerdings haben nach derzeitigem Stand 287 Gläubiger Forderungen von 80 Millionen Euro angemeldet.

Gorch Fock: Motorschaden bei Probefahrt

Die Lürssen-Werft übernahm den Instandsetzungsauftrag im Herbst 2019. Aber auch in der Regie des auf Marineschiffe und Luxusjachten spezialisierten Schiffbauers verzögerte sich die Rückgabe. Anfangs waren nach Werftangaben „Änderungen an den schiffbaulichen Arbeiten“ – sprich Nachbesserungen – notwendig, zuletzt schlug Corona zu. Auf einer ersten Probefahrt erlitt die Gorch Fock einen Motorschaden, eine zweite Probefahrt vergangene Woche verlief dann erfolgreich.

Bald soll die das Segellschif Gorch Fock mit Kadetten und Kadettinnen an Bord wieder segeln und auf den Meeren ein Botschafter der Bundesrepublik sein. Es sollen zu den bisherigen rund 800.000 Seemeilen noch einige hinzukommen. An Land geht derweil das juristische Nachspiel weiter. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück erwartet bald den Abschluss ihrer Ermittlungen wegen Betrugs, Untreue und Korruption. Beschuldigt sind die beiden früheren Chefs der Elsflether Werft, bei einem zivilen Mitarbeiter des Marinearsenals Wilhelmshaven geht es um Bestechlichkeit.

Millionenschaden durch überhöhte Rechnungen – illegales Tropenholz in der Gorch Fock?

Doch es gibt auch Dutzende Verfahren gegen Zulieferer. Um an Aufträge zu kommen, sollen sie zugestimmt haben, der Elsflether Werft jeweils 15 Prozent der Rechnungssumme gutzuschreiben. Die Bundeswehr schätzt den Schaden durch überhöhte Rechnungen auf etwa 16 Millionen Euro. Naturschützer bemängeln außerdem, auf der Gorch Fock sei illegal importiertes Tropenholz verbaut worden. Weil Gerichte ihre Klagen deswegen abgewiesen haben, sind sie vor das Bundesverfassungsgericht gezogen.

Die gute Nachricht: Es soll beim Kostenrahmen von 135 Millionen Euro geblieben sein. Allerdings gelten die jahrelangen Arbeiten an dem Schiff inzwischen als Sanierung, die einem Neubau gleichkommt. So wurde die Außenhaut zu 80 Prozent ausgetauscht. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa | Sina Schuldt

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