Ex-Pfleger Niels H. 

Nach Klinikmorden rasche Einführung von Stationsapothekern gefordert

Hannover - Angesichts der Serie von Patientenmorden in Delmenhorst und Oldenburg hat die Apothekerkammer Niedersachsen das Land zur zügigen Einführung von Stationsapothekern aufgerufen.

Schon als sich der Umfang der Patientenmorde eines Ex-Krankenpflegers bloß erahnen ließ, griff Niedersachsen zu Maßnahmen für mehr Sicherheit in Kliniken. Ein Sonderausschuss des Landtags suchte Schwachstellen, ein landesweiter Patientenschutzbeauftragter wurde bestimmt, die Leichenschau verschärft und Kliniken wurden zum Einstellen von Patientenfürsprechern verpflichtet.

Ein neues Krankenhausgesetz soll in den Kliniken zudem deutschlandweit erstmalig Stationsapotheker vorschreiben. Wegen der vorgezogenen Landtagswahl steht das Gesetz nun aber auf der Kippe, die Apothekerkammer schlägt Alarm. „Angesichts dieser Mordserie zu sagen, dieses Gesetz vertagen wir, möglicherweise verschwindet es, wäre nicht verantwortungsgemäß“, sagte der Landeschef des Bundesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker, Matthias Bohn, am Mittwoch in Hannover.

Auffälligkeiten schneller erkennen

Im direkten Kontakt mit Klinikpatienten und -ärzten stehende Stationsapotheker hätten die Mordserie wohl nicht komplett verhindert. Auffälligkeiten beim Medikamenteneinsatz aber, wie dies bei der größten Mordserie der Nachkriegszeit der Fall war, wären schneller entdeckt worden und eine größere Zahl der Todesfälle hätte verhindert werden können, so Bohn. 

Der bereits als Patientenmörder verurteilte Ex-Pfleger Niels H. hat nach letzten Ermittlungen mindestens 84 weitere Menschen umgebracht. Dazu spritzte er Patienten eine Überdosis von Medikamenten. Einzelne Kliniken in Niedersachsen haben bereits Stationsapotheker zusätzlich zur klassischen Krankenhausapotheke, so seit mehr als vier Jahren das Klinikum Region Hannover. 

„Mit dem regelmäßigen Austausch von Ärzten und Pflegekräften mit Pharmazeuten im klinischen Alltag wollen wir die Qualität der pharmazeutischen Therapie verbessern, die Sicherheit für die Patienten erhöhen und zudem den Einsatz von Medikamenten wirtschaftlicher machen“, sagte die Finanzchefin des Klinikums, Barbara Schulte. 

Behandlungsqualität stärken

Stationsapotheker könnten helfen, die Behandlungsqualität und die Patientensicherheit zu erhöhen. In anderen Bundesländern sind Stationsapotheker bereits ohne gesetzliche Vorgabe unter anderem in den Universitätskliniken in Dresden, Jena, Heidelberg, Regensburg und Hamburg-Eppendorf tätig, teilte die Apothekerkammer mit. 

Angesichts der Serie von nun wohl mindestens 90 getöteten Patienten in Delmenhorst und Oldenburg rief die Apothekerkammer das Land dazu auf, die bereits erarbeitete Änderung des Krankenhausgesetzes möglichst noch vor der Landtagswahl am 15. Oktober zu beschließen. Aber es gibt Widerstand, und zwar von der Krankenhausgesellschaft, die diesen am Mittwoch untermauerte.

Finanzierung des Personals weiter offen

Krimineller Missbrauch von Medikamenten wie im Fall des Patientenmörders lasse sich durch zusätzliche Apotheker nicht verhindern. Eine Berufsgruppe wie die Apotheker durch gesetzliche Eingriffe zu privilegieren, gehe zulasten des übrigen Personals. Die Finanzierung der Stationsapotheker sei offen, die Krankenkassen in Niedersachsen hätten diese bereits abgelehnt. Außerdem seien so viele Apotheker so schnell nicht verfügbar. 

Die Apothekerkammer kontert, sie habe bereits 20 Bewerbungen, und für die schätzungsweise nötigen 150 Stationsapotheker in Niedersachsen - einer pro 300 Patienten - gebe es genug Interessenten auch aus anderen Bundesländern.

Im Ausland bereits üblich

Im Ausland, wo Stationsapotheker oft üblich seien, seien die Erfahrungen positiv, meinte Bohn. Ob der Landtag das Gesetz doch im September noch im Schnellverfahren durchbringt oder, wie von der Krankenhausgesellschaft gefordert, in der kommenden Regierungsperiode noch einmal in Ruhe berät, ist noch offen. 

Das Novellierung des Krankenhausgesetzes sieht außerdem ein anonymes Fehlermeldesystem vor, über das Krankenhausmitarbeiter Verdachtsmomente für fehlerhaftes oder kriminelles Verhalten äußern können, ohne Sanktionen fürchten zu müssen.

dpa

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