„Musik ist alles für uns“ - Sinti-Festival will Vorurteile abbauen

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Kussi Weiss (l) und der Veranstalter des Django-Reinhardt-Festivals, Ricardo Laubinger.

Hildesheim - Von Christina Sticht. Sie sind Deutsche und leben seit 600 Jahren hier. Von den Nazis wurden sie verfolgt - und noch heute erfahren Sinti Diskriminierungen. Die Hildesheimer Gemeinde setzt auf Verständigung mit Hilfe von Swing, Jazz und Flamenco.

„Ist das hier nicht ein traumhafter Ort?“, sagt Ricardo Laubinger, während die Bühne für das 15. Django-Reinhardt-Festival aufgebaut wird. Der Festival-Organisator steht im Innenhof von Gut Steuerwald und blickt sich um. 1310 als bischöfliche Burg am Stadtrand von Hildesheim erbaut, beherbergt das malerische Gut heute einen Reitstall mit 90 Pferden. An diesem Wochenende wird es wieder zum Treffpunkt für internationale Gypsy-Musiker. Sie alle huldigen dem legendären Jazz-Gitarristen Django Reinhardt, der 1910 in einem belgischen Zigeunerwagen zur Welt kam und 1953 bei Paris ebenfalls in einem Wagen starb.

„Django ist der König für uns, wir lieben ihn“, sagt Kussi Weiss. Der 38-Jährige wird am Samstag mit seinem Kussi-Weiss-Trio auf der Bühne stehen. Wenn er nicht gerade durch Jazzclubs tourt, lebt Kussi Weiss nur ein paar hundert Meter entfernt vom Festivalort an der Münchewiese. Nach dem Krieg ließen sich Hildesheimer Sinti-Familien hier zunächst in Baracken und Wagen nieder, in den 90er Jahren wurden mit Landesförderung Häuser gebaut. Etwa 200 Angehörige der nationalen Minderheit leben hier, mit ihren Wohnwagen brechen sie nur noch in den Sommerferien auf.

Ricardo Laubinger ist Vorsitzender des Verbandes der Sinti in Niedersachsen. Das Ziel des Festivals sei, Vorurteile abzubauen, sagt der 56-Jährige. „Musik ist alles für uns. Wenn die Sinti Musik machen, kommen alle - leider meist nur, wenn wir Musik machen.“ Allerdings habe sich das Zusammenleben mit der Mehrheitsgesellschaft verbessert. „Heute fahren zum Beispiel Radfahrer bei Ausflügen durch unsere Siedlung und schauen sich um. Das wäre früher undenkbar gewesen.“

Rund 2500 Sinti wohnen insgesamt im Raum Hildesheim, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung ist im Vergleich zu anderen Städten groß. Die Stadt ist eng mit der Geschichte der vor 600 Jahren aus Indien eingewanderten Volksgruppe verbunden. Erstmals für den deutschen Raum wurden Sinti in einer Hildesheimer Urkunde aus dem Jahr 1407 erwähnt - die Bezeichnung lautete damals nicht Zigeuner, sondern Tatern.

Laubinger leitet eine soziale Begegnungsstätte und motiviert dort junge Sinti, einen Schulabschluss und eine Ausbildung zu machen. Nach seiner Einschätzung hängen die Sinti, was Bildung angeht, mindestens 30 Jahre zurück. Dies habe mit der Verfolgung während des Nationalsozialismus zu tun. „Damals durften die Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Nach dem Krieg hatten die Eltern Angst, ihre Kinder überhaupt rauszulassen“, sagt der 56-Jährige.

Etwa eine halbe Millionen Sinti und Roma starben in den Konzentrationslagern der Nazis. In diesem März wurde die Straße, die durch die Hildesheimer Sinti-Siedlung führt, in Lily-Franz-Straße umbenannt. Die 2011 gestorbene Sintizza aus Hildesheim überlebte das KZ Auschwitz, ihre Lebensgeschichte schildert sie in dem Buch „Polizeilich zwangsentführt“. Mit dem Beschluss des neuen Straßennamens Ende 2014 wurde auch der Bebauungsplan geändert. Aus „Zigeunersiedlung an der Münchewiese“ wurde „An der Münchewiese“.

Hildesheims Stadtsprecher Helge Miethe sagt: „Die hiesige Sinti-Gemeinschaft, die zu den ältesten in ganz Deutschland zählt, ist ein wichtiger Bestandteil und eine Bereicherung unserer Stadtgesellschaft - wir pflegen mit ihr einen intensiven Austausch und Kontakt.“

dpa

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