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Vergiften Querdenker ihre Kinder mit Bleichmittel? Kinderschutzbund alarmiert

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Von: Fabian Raddatz

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Angesichts der seit Pandemiebeginn gestiegenen Fälle von Vergiftungen mit Chlordioxid zeigt sich der Kinderschutzbund Niedersachsen besorgt.
Angesichts der seit Pandemiebeginn gestiegenen Fälle von Vergiftungen mit Chlordioxid zeigt sich der Kinderschutzbund Niedersachsen besorgt. © Ute Grabowsky/imago/Montage

Weil die Fälle von Vergiftungen mit dem Bleichmittel Chlordioxid gestiegen sind, zeigt sich der Kinderschutzbund Niedersachsen besorgt.

Hannover – Aufgelöst in Wasser dient Chlordioxid als Bleiche und wird verwendet, um Sachen zu reinigen oder zu desinfizieren. Doch es gibt auch Menschen, die an die Heilwirkung von Chlordioxid – kurz CDL – glauben und das krebserregende Mittel konsumieren. Vor allem unter Anhängern der Querdenker-Ideologie und in der Esoterik-Szene ist es als „Corona-Heilmittel“ verbreitet.

Weil die Zahl der Notfälle im Zusammenhang mit Chlordioxid-Vergiftungen seit Pandemiebeginn zugenommen hat – zwischen 2019 und 2021 stieg die Zahl von sieben auf 50 Notrufe – zeigt sich der Kinderschutzbund Niedersachsen besorgt. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch Kinder das Mittel von ihren Eltern eingeflößt bekommen, heißt es.

Einem Bericht des NDR zufolge gingen bereits Jugendämter in fünf Landkreisen Verdachtsfällen nach, unter anderem in der Grafschaft Bentheim bei Osnabrück.

Chlordioxid-Vergiftungen in Niedersachsen: Kinderschutzbund alarmiert

Johannes Schmidt, Vorstand des Kinderschutzbundes Niedersachsen, findet deutliche Worte: „Wenn Eltern ihren Kindern die giftige Substanz CDL geben, täuschen sie die Kinder und berauben sie ihrer eigenen Würde“, sagte er dem NDR. „Perfider geht es wirklich nicht. Im Grunde genommen ist es ein sektenähnliches Verhalten.“ Er forderte die Gesellschaft auf, bei diesem Thema wachsam zu sein.

Bisher handele es sich laut dem niedersächsischen Gesundheitsministerium aber nicht um ein Massenphänomen, hieß es in dem Bericht. „Das lässt mich ehrlich gesagt relativ fassungslos zurück, wie man so handeln kann und seinem Kind Bleichmittel geben kann“, sagte zuletzt eine Sprecherin des Ministeriums in Hannover. „Das geht natürlich gar nicht, dafür gibt es gar keine wissenschaftliche Grundlage.“

So giftig ist Chlordioxid

Wie gefährlich Chlordioxid ist, erklärt Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie am Klinikum Bremen. „Chlordioxid ist eine toxische Substanz. Das kann Schleimhäute auflösen, es kann richtig Löcher in der Haut machen und dementsprechend hat es im und am Körper nichts zu suchen“, so Mühlbauer zum NDR.

Erste Anzeichen einer Vergiftung mit Chlordioxid seien Durchfall und Erbrechen, Husten, Atemnot sowie Schleimhautreizungen im Mund-, Nasen- und Rachenraum.

Der Toxikologe vermutet eine hohe Dunkelziffer: „CDL ist schwer nachzuweisen“, sagt Mühlbauer. Für Einrichtungen wie Schulen und Kindergärten seien die Chancen sehr gering, zu bemerken, wenn Kinder Chlordioxid bekämen.

Verabreichen Querdenker auch Säuglingen Chlordioxid?

Auch vor Säuglingen macht der gefährliche Trend keinen Halt: In einschlägigen Telegram-Gruppen tauschen sich Mitglieder offen über die Dosierung bei Kleinkindern aus, fragen: „Wie viel CDL dürfen Babys einnehmen in wieviel Wasser?“ Einige der Gruppen haben fast 15.000 Mitglieder.

Der Verkauf von Chlordioxid ist in Deutschland übrigens nicht verboten und kann einfach über Onlineshops bezogen werden. Nur als Heilmittel darf es nicht beworben werden. Trotzdem ist es in den einschlägigen Szenen als Mittel gegen Krankheiten wie Corona, Krebs oder Autismus verschrien.

Die Jugendämter bitten, bei Verdachtsfällen die Behörden zu kontaktieren. Das gehe auch anonym.

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