Exklusiv-Interview

Ministerpräsident Weil zeigt sich selbstkritisch: „Land war nicht optimal vorbereitet“

Stephan Weil (SPD) stattete gestern der Kreiszeitung einen Besuch ab. Vor dem Interview sah er sich mit Geschäftsführer Henning Schröder (links) und Chefredakteur Hans Willms den Umbau der Redaktion an.
+
Stephan Weil (SPD) stattete am Freitag der Kreiszeitung einen Besuch ab. Vor dem Interview sah er sich mit Geschäftsführer Henning Schröder (links) und Chefredakteur Hans Willms den Umbau der Redaktion an.

Syke – Auch wenn die Corona-Pandemie noch nicht vorbei ist, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil ist zuversichtlich, dass das Schlimmste überstanden ist.

Erst vor wenigen Tagen erklärte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil im Landtag in Hannover: „Wir haben die 3. Welle überwunden.“ Daher soll es schrittweise Lockerungen geben. Niedersachsen hat einen Stufenplan für den weiteren Ausstieg aus dem Corona-Lockdown beschlossen.

Im Interview mit Chefredakteur Hans Willms zeigt sich Ministerpräsident Stephan Weil bei einem Besuch im Verlagshaus der Mediengruppe Kreiszeitung selbstkritisch, was den Umgang mit der Pandemie im Land angeht.

BundeslandNiedersachsen
Fläche47.614 km²
Einwohner7,9 Millionen
MinisterpräsidentStephan Weil (SPD)

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil im Interview

Herr Weil, was verbindet Sie mit Hubertus Hess-Grunewald, dem Präsidenten von Werder Bremen?
Das ist ein uralter Studienkumpel von mir. Wir haben zusammen Jura studiert. Bei uns hieß er immer nur „Hupe“. Ob er in Bremen auch noch so genannt wird, weiß ich nicht. Aber ich habe mich richtig gefreut, als ich ihn im vorletzten Jahr beim Stoppelmarkt in Vechta wiedergesehen habe.
Es heißt, Sie wären einmal gemeinsam von Göttingen aus zu einem Fußballspiel nach Hannover gefahren. Herr Grunewald musste hinten auf einem Eimer sitzen, weil in Ihrem Auto die Sitzbank fehlte. Legende oder echte Studenten-Anekdote?
Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen, aber in der damaligen Zeit war ich schon ziemlich fundamentalistisch eingestellt. Vielleicht stimmt die Geschichte und nur Anhänger von Hannover 96 hatten echte Sitzplätze. Das wäre mir heute natürlich peinlich.
Apropos Fußball: Wann werden Sie wieder ein Spiel von Hannover 96 besuchen dürfen?
Ich hoffe, dass mit dem Anpfiff der neuen Saison wieder bessere Zeiten beginnen, zum einen, was die Möglichkeit angeht, wieder ein Fußballspiel zu besuchen, zum anderen aber auch, was den sportlichen Erfolg von Hannover 96 betrifft. Da ist derzeit viel Luft nach oben.
Das Land Niedersachsen bereitet schon die nächsten Lockerungen vor. Warum glauben Sie, dass wir das Schlimmste überstanden haben?
Wir haben immerhin eine realistische Chance auf bessere Zeiten. Der Impffortschritt ist unübersehbar, in Niedersachsen sind schon mehr als 35 Prozent der Bürger geimpft. Und darüber hinaus setzen wir auch auf das Wetter, denn mit besserem und wärmerem Wetter ist immer eine Verlagerung der Aktivitäten von drinnen nach draußen verbunden. Das ist auch ein aktiver Beitrag zum Infektionsschutz. Es gibt also gute Gründe, zuversichtlich zu sein, aber wir müssen gleichzeitig auch vorsichtig bleiben.
Sicherlich haben sich in den vergangenen Monaten nicht immer alle Menschen richtig verhalten. Welche Fehler hat die Politik gemacht?
Das ist schwer zu sagen. Im internationalen Vergleich schneidet Deutschland alles in allem gut ab, es war offenbar vieles richtig. Aber keiner von uns kann behaupten, dass er alles richtiggemacht hätte. Es begann damit, dass Deutschland leider in die Pandemie hineingestolpert ist. Es gab zwar Pandemiepläne in den Schubladen, aber die sind nicht weiter geführt worden. Der Maskenstreit –auch in der Wissenschaft – in den ersten Wochen der Pandemie war nicht hilfreich. Wir hätten uns vieles kommunikativ leichter machen können, wenn wir alle dieselben Signale gesendet hätten. Manchmal war der Chor ganz einfach zu vielstimmig. Es ist sicher keine ungetrübte Bilanz, aber im Ergebnis wie gesagt durchaus ansehnlich.
Welche Fehler haben Sie selbst gemacht?
Niedersachsen hatte durchweg immer deutlich unterdurchschnittliche Infektionszahlen, vieles war offenbar richtig. Aber auch unser Land war im Februar/März 2020 nicht optimal vorbereitet, zum Beispiel bei der Schutzausrüstung. Und bei der zweiten Welle hätte ich noch frühzeitiger öffentlich auf die Bremse treten sollen. Und vielleicht habe ich mich auch mit der einen oder anderen öffentlichen Äußerung verdribbelt. Ich bin allerdings sicher, dass niemand von uns aus einer solchen Stresssituation ganz ohne Schrammen herauskommen kann.
Was haben Sie aus den vergangenen Monaten gelernt – oder andersherum: Was würden Sie bei einer erneuten Pandemie besser machen?
Deutschland wird nie wieder so schlecht vorbereitet in eine Pandemie hineinschlittern. Wir haben wichtige Schwachstellen identifiziert. Dazu gehört auch und gerade die Situation in den Senioren- und Pflegeheimen mit teilweise furchtbaren Todeszahlen. Auch die dort erlittene Vereinsamung der Bewohnerinnen und Bewohner schreit danach, das System zu überprüfen und zu verbessern. Die Betreuung der dort lebenden Menschen ist zu sehr auf Kante genäht. Das ist dann in einer solchen Extremsituation besonders spürbar. Da müssen wir ran!
Die ersten Bundesländer heben jetzt die Priorisierung auf. In Niedersachsen müssen viele Menschen länger auf ihre Erstimpfung warten, weil es an Nachschub an Impfstoffen mangelt. Woran liegt das?
Niedersachsen wird im Mai deutlich mehr Impfstoff bekommen als im April und im Juni deutlich mehr als im Mai. Aber der Bund liefert mehr Impfstoff an die Hausarztpraxen, und weniger an die Impfzentren. Auch in den Impfzentren gibt es weiterhin Impfstoff, aber der wird in den nächsten Wochen vornehmlich für die Zweitimpfungen benötigt. Durch die konsequente Belieferung der Hausärzte aber werden aus bislang 52 Impfzentren in Niedersachsen viele Tausend. Anfang Juni sollen zudem viele Betriebsärzte an den Start gehen. Das gibt uns die Möglichkeit, große Belegschaften sehr schnell durch zu impfen. Es wird also beim Impfen in den nächsten Wochen sehr konsequent weitergehen.
Ein anderes Thema. In gut vier Monaten wählen wir einen neuen Bundestag. Wie wird es der SPD und Olaf Scholz gelingen, aus dem anhaltenden Umfragetief ein besseres Wahlergebnis zu machen?
Die wichtigste Frage im Bundestagswahlkampf wird die K-Frage sein. Arnim Laschet hat nicht einmal die eigene Partei hinter sich, Annalena Baerbock hat zwar einen beeindruckenden Start gehabt, aber jetzt wird sie sich Tag für Tag daran messen lassen müssen, ob sie wirklich mitbringt, was dieses Amt erfordert. Bei Olaf Scholz ist völlig klar, er hat die Kragenweite für das Amt. Darauf setze ich!
Warum dümpelt die SPD bei den Umfragen seit Monaten zwischen 14 und 16 Prozent umher?
Erkennbar ist es uns bisher nicht gelungen, unsere klare Idee von einer gerechten Modernisierung des Landes rüberzubringen. Darüber hinaus richtet sich der Fokus in einer solchen Krisenzeit ganz stark auf die Regierungsspitze. Das ist auf Bundesebene Angela Merkel und auf Landesebene der Ministerpräsident. Der Gedanke, dass es mit der Ära Merkel langsam aber sicher zu Ende geht, sickert bei den Bürgerinnen und Bürgern nur ganz langsam ins Bewusstsein ein. Die Karten für die Bundestagswahl sind noch lange nicht gemischt!

Von Hans Willms

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Italien nach Sieg gegen die Schweiz im EM-Achtelfinale

Italien nach Sieg gegen die Schweiz im EM-Achtelfinale

Wales siegt dank Bale und Ramsey - Türkei vor Turnier-Aus

Wales siegt dank Bale und Ramsey - Türkei vor Turnier-Aus

Biden und Putin gehen beim Gipfel in Genf aufeinander zu

Biden und Putin gehen beim Gipfel in Genf aufeinander zu

Leidenschaft reicht nicht: Fehlstart nach Hummels-Eigentor

Leidenschaft reicht nicht: Fehlstart nach Hummels-Eigentor

Meistgelesene Artikel

Neue Corona-Verordnung: So will Niedersachsen die Maskenpflicht lockern

Neue Corona-Verordnung: So will Niedersachsen die Maskenpflicht lockern

Neue Corona-Verordnung: So will Niedersachsen die Maskenpflicht lockern
Wann endet die Corona-Pandemie? Karl Lauterbach warnt vor Delta-Variante

Wann endet die Corona-Pandemie? Karl Lauterbach warnt vor Delta-Variante

Wann endet die Corona-Pandemie? Karl Lauterbach warnt vor Delta-Variante
Corona-Inzidenz unter 10: Niedersachsen plant weitere Lockerungen

Corona-Inzidenz unter 10: Niedersachsen plant weitere Lockerungen

Corona-Inzidenz unter 10: Niedersachsen plant weitere Lockerungen
Niedersachsen: Mann stirbt bei Arbeitsunfall durch Heuballen

Niedersachsen: Mann stirbt bei Arbeitsunfall durch Heuballen

Niedersachsen: Mann stirbt bei Arbeitsunfall durch Heuballen

Kommentare