Gegen zu viel Bürokratie

Elf Maßnahmen gegen Lehrer-Überlastung - nun will das Land handeln

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Kultusminister Tonne will Niedersachsens Lehrer entlasten.

Hannover - Nach den Zeugnisferien will Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) ein Maßnahmenpaket mit elf Punkten zur Entlastung der Lehrer von bürokratischen Aufgaben beraten.

Ein Runder Tisch mit den Lehrerverbänden sei für März geplant, kündigte er am Mittwoch in Hannover an. Zu den vorgelegten Maßnahmen gehören demnach eine nur noch freiwillige, anlassbezogene Schulinspektion, das Aussetzen von Vergleichsarbeiten oder die Möglichkeit von Korrekturtagen bei kurzen Fristen im Abitur.

„Die Richtung, die der Kultusminister hier einschlägt, stimmt“, sagte der Vorsitzende des Philologenverbandes, Horst Audritz. Anders sieht es die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Der Minister versucht hier, offene Knochenbrüche mit einem Pflaster zu verarzten“, sagte Landeschefin, Laura Pooth. Zwar sah sie einige der geplanten Punkte wie das Aussetzen der Vergleichsarbeiten positiv, rügte aber: „Die vorgeschlagenen Einzelmaßnahmen bringen Lehrkräften jährlich Zeitersparnisse im Minutenbereich, was keineswegs ausreicht.“ Neben einer besseren Bezahlung der Grund-, Haupt- und Realschullehrkräfte forderte sie die Einführung von Entlastungsstunden.

Der niedersächsische Landesschülerrat machte sich unterdessen für eine kostenfreie Schulbeförderung auch für Oberstufen- und Berufsschüler stark. „Jeder Politiker wirbt damit, dass Bildung kostenlos sein muss - aber der Weg zur Schule und zurück gehört dazu“, sagte der Vorsitzende André Brinkmann der dpa. Kultusminister Tonne müsse sich dafür einsetzen, dass eine entsprechende Zielvereinbarung im Koalitionsvertrag schneller umgesetzt werde. Darin hatten SPD und CDU eine schrittweise Einführung des kostenfreien Transports für Oberstufenschüler und Berufsschüler ins Auge gefasst.

Neue Einstellungen gefordert

Der Landeselternrat forderte Tonne auf, zur Unterstützung der Lehrer mehr Erzieher, Therapeuten und Integrationsbegleiter einzustellen. Die Zahl der Kinder mit Inklusions- und Integrationsbedarf steige, viele Lehrer fühlten sich zunehmend überfordert, sagte der Vorsitzende Mike Finke. „Diese Fachleute müssten fest an den Schulen beschäftigt sein, damit sich die Lehrer wieder auf das Unterrichten konzentrieren könnten.“

Zum Start des zweiten Schulhalbjahres am 1. Februar wurden nach jüngstem Stand 1137 von 1250 ausgeschriebenen neuen Lehrerstellen besetzt, davon 99 Stellen oder 8,7 Prozent mit Quereinsteigern. Allerdings sei das Einstellungsverfahren noch nicht abgeschlossen. Die Unterrichtsversorgung erreiche nun landesweit im Schnitt 99,4 Prozent - 0,7 Prozentpunkte mehr als im Schuljahr 2017/18, so Tonne.

„Die Durchschnittswerte zur Unterrichtsversorgung sagen nichts über die Situation vor Ort aus“, sagte GEW-Landeschefin Pooth und nannte vor allem die Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen den Schulformen besorgniserregend. Die Landtagsfraktionen von SPD- und CDU sprachen dagegen von einer erfreulichen, moderaten Verbesserung, die aber noch keinen Anlass zum Optimismus darstelle. Beide begrüßten die geplante Lehrer-Entlastung. „Wir wollen, dass so viel Zeit wie möglich beim Kind ankommt“, sagte die CDU-Landtagsabgeordnete Mareike Wulf. Dafür müssten die Verbände und Gewerkschaften noch stärker als bislang berücksichtigt werden.

Unterrichtsversorgung „statistisch geschönt“

Die oppositionelle FDP dagegen nannte die Unterrichtsversorgung „lediglich statistisch geschönt“. „Ohne die Verlagerung der vorschulischen Sprachförderung und den Rückgang der Schülerzahlen wäre der Wert erneut gesunken“, sagte der FDP-Abgeordnete Björn Försterling. Die angekündigten Entlastungsmaßnahmen für Lehrkräfte seien längst überfällig, müssten schleunigst umgesetzt werden und dürften nicht an Runden Tischen „zerredet werden“.

Von den Abordnungen werden 540 mehr Lehrer betroffen sein als im 1. Schulhalbjahr 2018/19. Insgesamt steigt die Stundenzahl von Lehrern, die an anderen Schulen aushelfen, auf rund 22.000 an. Dennoch habe sie gegenüber dem Vergleichszeitraum vor einem Jahr um 2450 Stunden reduziert werden können, erklärte der Kultusminister.

Bei den vorgeschlagenen Entlastungen nannte er unter anderem die Dokumentation der individuellen Lernentwicklung der Schüler, die künftig nur noch bei bestimmten Anlässen nötig wird. Zudem soll die Anzahl der Fachkonferenzen reduziert, die Archivierung von Klassenarbeiten erleichtert und die Dokumentation beim Übergang von der Grundschule an eine weiterführende Schule „verschlankt“ werden.

dpa

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