Milchpulver ausverkauft

Wie Hamsterkäufer Babys die Nahrung wegschnappen

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Mehr als 100 Packungen der Milupa-Milch „Aptamil“ wurden in einem bis unter das Dach  vollgestopften Bremer Auto entdeckt.

Syke - von Martin Sommer. Ausverkauft. Zum wiederholten Mal blickt die junge Mutter in leere Regalfächer, wo normalerweise das Milchpulver für Säuglinge steht. Was nach einem deutschen Baby-Boom aussieht, hat tatsächlich einen anderen Grund: Das knappe Pulver geht auf Weltreise.

Eine dieser Touren stoppte am Dienstagabend unvermittelt in Brinkum (Landkreis Diepholz): Bei einer Verkehrskontrolle luden Polizisten und Zollbeamte mehr als 100 Packungen der Milupa-Milch „Aptamil“ aus einem bis unter das Dach vollgestopften Bremer Auto. Der Fund ist strafrechtlich nicht relevant – auch nicht ungewöhnlich.

Andrik Hackmann, Sprecher der Polizeiinspektion Diepholz, kennt solche Einkaufstouren. Erst kürzlich hat er ein osteuropäisches Fahrzeug mit mehreren Insassen auf ihrer Überlandfahrt kontrolliert. Das Auto voller Milupa. Die Milchbubis führten sogar eine Liste mit sich, auf denen nicht zehn, sondern „eher 50 bis 100“ Drogeriemärkte verzeichnet waren, wie Hackmann gestern schilderte. Dass hier keine Selbstversorger unterwegs waren, liegt auf der Hand. Andrik Hackmann: „Die Gewinnspanne muss enorm sein.“

Im Auktionsportal Ebay finden sich in diesen Tagen hunderte „Aptamil“-Angebote. Auffallend ist, dass von vielen Verkäufern ein weltweiter Versand angeboten wird; einige sind sogar mit chinesischen Schriftzeichen angereichert. Aus gutem Grund.

Nirgendwo ist die Nachfrage größer als in China. Nach einer Serie von Lebensmittelskandalen haben die jungen Eltern das Vertrauen in die heimischen Produkte verloren. Im Jahr 2008 starben sechs Säuglinge, 300 000 erkrankten, weil chinesisches Milchpulver mit der Chemikalie Melanin gestreckt worden war. Auch danach tauchten immer wieder verbotene Zusätze und Verunreinigungen auf, zuletzt fanden die Lebensmittelkontrolleure Quecksilber. Wer es sich in China leisten kann, ordert deshalb lieber auf dem grauen Markt die überteuerte Westware. Und diese fehlt dann in deutschen Regalen.

Drogeriemärkte haben die Milch-Abgabe längst sanktioniert: „Liebe Kundin, lieber Kunde, aufgrund der hohen Nachfrage können wir die Milchnahrung aller Marken nur noch in haushaltsüblichen Mengen (maximal drei Packungen) abgeben“, heißt es in den Babyabteilungen aller Rossmann-Filialen. Dennoch sieht Konzern-Sprecher Josef Lange die Situation nicht als dramatisch an: „Es gibt seit 2008 immer mal wieder eine Verknappung für die Anfangsmilchen einiger Marken. Deswegen muss in Deutschland kein Säugling hungern.“

Christoph Werner, als dm-Geschäftsführer verantwortlich für das Ressort Marketing und Beschaffung, bestätigte gestern, „dass wir auch in unseren Märkten die Warenpräsenz nicht überall gewährleisten können“. Die Ursache sieht er in Hamsterkäufen. „Das Resultat ist eine noch schnellere Erschöpfung des Warenbestandes.“

Milupa rackert sich unterdessen ab. „Wir haben unsere Produktion in den vergangenen 18 Monaten bereits fast verdreifacht und produzieren noch immer in drei Schichten, sieben Tage die Woche“, kommt es aus der Zentrale. Ein direkter Export nach China ist aber kein Thema. Wegen der chinesischen Vorgaben und Regularien, heißt es.

Babys in Deutschland sollen aber nicht darben: Kunden, die leer ausgegangen sind und nachweislich aus Deutschland bestellen, erhalten über die kostenlose Milupa-Hotline ihre Trockenmilch per Post.

Hotline: 0800/2782645

Großkontrolle in Brinkum-Nord

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