Niedersachsens erste Vertrauenslehrerin für queere Schüler 

Sexuelle Vielfalt in Schulen: „Die meisten outen sich erst nach Schulabschluss“

Viele Schülerinnen und Schüler erleben Diskriminierung wegen ihrer sexuellen Orientierung. Eine Schule in Niedersachsen geht das Problem an.

Hannover - Wenn Schülerinnen oder Schüler des Hainberg-Gymnasiums in Göttingen wegen der eigenen Sexualität oder Identität verunsichert sind, Diskriminierung erleben oder Fragen haben, können sie sich an Sandra Wolf wenden.

Seit zwei Jahren ist sie LSBTIQ*-Vertrauenslehrerin am Hainberg-Gymnasium in Göttingen - als erste Vertrauenslehrerin für queere Schülerinnen oder Schüler in Niedersachsen.

Am Hainberg-Gymnasium in Göttingen ist Sandra Wolf die Hauptansprechperson für Themen rund um sexuelle und geschlechtliche Vielfalt.

Für diesen Posten wurde die 48-Jährige von der Schülerinnenvertretung „HB queer“ gewählt. Die Gruppe hat sich zusammengetan, um die Schule diskriminierungsfreier zu gestalten. Ihr Anliegen: Die Schule soll ein Ort sein, an dem sich alle wohlfühlen können. Die Gruppe hatte sich auch dafür starkgemacht, Unisex-Toiletten an der Schule einzuführen.

Erste Vertrauenslehrerin für queere Schüler in Niedersachsen: „Das Amt gibt es gar nicht“

Vertrauenslehrkräfte sind an Schulen kein Muss und daher auch eine Seltenheit. „Das Amt gibt es gar nicht, das haben unsere Schüler neu erfunden“, sagt Wolf im Gespräch mit kreiszeitung.de. Die Lehrerin beschäftigt sich schon viele Jahre mit unterschiedlichen Formen der Diskriminierung, besonders was LSBTIQ*-Themen angeht.

„Es gibt nur wenige Lehrkräfte, die sich so intensiv mit dem Themengebiet beschäftigen - das hat die Schülerinnen und Schüler scheinbar überzeugt“, erklärt sie zur Wahl.

Wenn sich junge Menschen an Sandra Wolf wenden, geht es in der Regel um das Thema „Outing“. Am Hainberg-Gymnasium ist sie die Hauptansprechperson für Themen rund um sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Orientierung und Geschlechtsidentität. „Sich zu outen, ist die Haupthürde für queere Jugendliche. Da haben sie am meisten Angst vor“, sagt Wolf. „Die meisten outen sich erst nach dem Schulabschluss, um Mobbing zu umgehen“, weiß sie.

  • LSBTIQ* steht für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Trans*, Inter*, Queer.
  • Lesbisch: Lesbische Frauen fühlen sich zu Personen des gleichen Geschlechts hingezogen.

    Schwul: Schwule Männer fühlen sich zu Personen des gleichen Geschlechts hingezogen.
  • Bisexuell: Bisexuelle Menschen fühlen sich zum gleichen sowie zum gegensätzlichen Geschlecht hingezogen.
  • Trans*: Bei transgeschlechtlichen Menschen entspricht die geschlechtliche Zugehörigkeit nicht dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
  • Inter*: Bei intergeschlechtlichen Menschen entsprechen die körperlichen Geschlechtsmerkmale nicht den medizinisch etablierten ausschließlich weiblichen oder männlichen Erscheinungsformen.
  • Queer: Der Begriff queer wird heute oft verwendet, um insgesamt von nicht-heterosexuellen und nicht-cisgeschlechtlichen Menschen zu sprechen.
  • Cis: Cis-geschlechtliche Menschen identifizieren sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
  • Gender*divers: Gender*diverse Menschen ordnen sich keinem der zwei Geschlechter zu, verorten sich „zwischen“ den Geschlechtern oder sind einem weiteren, z.B. einem dritten Geschlecht zugehörig.
  • Binär: Binär steht für „zweiteilig“ und reduziert nur auf die zwei Geschlechter männlich und weiblich.

Auch für andere Lehrerinnen und Lehrer steht Wolf als Ansprechpartnerin zur Verfügung, wenn sie fachliche Unterstützung suchen oder den Unterricht sensibler gestalten wollen. Die Reaktionen innerhalb der Schule seien durchweg positiv: „Ich bekomme Mails von Kolleginnen, die sich bedanken, dass ich das mache und unsere Schule so vielfältig gestalte.“

Sexuelle Vielfalt in Schulen: „In meiner Schulzeit war das Thema ein komplettes Tabu“

In einer Befragung des Deutschen Jugendinstituts berichten acht von zehn der befragten Jugendlichen, mindestens einmal Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität erlebt zu haben.

Knapp ein Viertel (24 Prozent) der befragten Jugendlichen nutzt eine Selbstbeschreibung, die sich nicht an einem heterosexuellen, binären System orientiert. Sie beschreiben sich etwa als bisexuell, transgender oder queer.

Wenn sie keine Identifikationsmöglichkeiten im Außen haben, denken junge Menschen: So wie ich bin, bin ich falsch.

Sandra Wolf,  LSBTIQ*-Vertrauenslehrerin am Hainberg-Gymnasium in Göttingen.

Dabei habe sich schon einiges getan. „In meiner Schulzeit war das Thema ein komplettes Tabu. Um uns herum gab es keine queeren Personen und auch das Internet, mit seinen vielen Möglichkeiten der Identifikation, gab es damals nicht“, sagt die 48-Jährige. „Wenn sie keine Identifikationsmöglichkeiten im Außen haben, denken junge Menschen: So wie ich bin, bin ich falsch.“ In ihren Augen ist es die Aufgabe der Schulen, den Unterricht deshalb diverser zu gestalten.

Rubriklistenbild: © privat

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