Lockerungen der Corona-Regeln

Wann kommt das Ende der Maskenpflicht? Virologe schätzt Lage ein

Längst ist die Maske im Gesicht beim Einkauf zur Normalität geworden. Mit sinkenden Inzidenzwerten kommt nun aber die Frage nach dem Ende der Maskenpflicht auf.

Hannover/Gießen - Noch im Januar ging es darum, wie reibungslos der Übergang von einfachen Alltagsmasken mit bunten Mustern zu den schützenderen und dann auch verpflichtend zu tragenden FFP2- oder OP-Masken ablaufen wird und wer sie wo kostenlos erhält. Nun kommt mit den stetig sinkenden Inzidenzwerten, den steigenden Impfzahlen und den mit beidem verbundenen weiteren Lockerungen die Frage auf, wann diese Maskenpflicht aufgehoben wird.

Name:Justus-Liebig-Universität Gießen
Gründung:1607
Studenten:28.480 (WS 2020/21)
Trägerschaft:staatlich

Noch zu Beginn der Pandemie hieß es, das Wichtigste, um sich gegen eine Ansteckung zu schützen, seien Abstand und regelmäßiges, gründliches Händewaschen. Eine Maske müsse nicht jeder tragen, sagte auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Die Maskenpflicht gab es im April 2020 noch nicht und schien auch nicht in greifbarer Nähe. Da seien sich Bund und Länder einig, wie Markus Söder (CSU), Bayerns Ministerpräsident, verkündete. Ein Jahr später zeigt sich, dass sich Bund und Länder dann doch auch einig waren, dass eine Maskenpflicht sinnvoll ist.

Mit den sinkenden Inzidenzwerten und weiteren Lockerungen für den Alltag kommt auch die Frage auf, wann die Maskenpflicht endet.

Auch aus Mangel an professionellen Masken wurden erst die sogenannten Community-Masken zum Maß aller Dinge. Gefühlt halb Deutschland griff zu Nadel, Zwirn, alten Bettlaken und Gummibändern. Google wurde gegen Ende April 2020 besonders häufig auf die Suche nach „Schnittmuster Maske“ geschickt und die Masken im Gesicht der Menschen wurden immer bunter und kreativer. Mittlerweile sind die selbstgenähten Prototypen in die Schrankschublade gewandert und warten dort auf einen möglichen erneuten Einsatz. Aktuell ist es jedoch kaum vorstellbar, dass sie jemals wieder Standard werden.

Mit den zunehmenden Infektionszahlen kam die Pflicht zur medizinischen oder FFP2-Masken

Mit den Corona-Wellen verschärfte die Politik die Auflagen, medizinische und FFP2-Masken wurden Pflicht. Die einen ächzten unter den „Maulkörben“, protestierten dagegen auf der Straße oder zogen vor Gerichte. Andere verwiesen auf Klinikpersonal, das über Stunden mit Maske um die Leben anderer kämpft und am Ende gezeichnet ist: Fotos verschwitzter Krankenschwestern mit Maskenabdruck machten die Runde.

Mit der Einführung der Maskenpflicht griffen viele zur Nähmaschine, um der Mund-Nasen-Bedeckung etwas Individuelles zu geben. Auch viele Geschäfte nahmen bunte Alltagsmasken in ihr Sortiment auf.

Nun sinken die Zahlen jedoch stetig, der Sommer kommt, im Gepäck hat er etliche Lockerungen der zuvor strikten Corona-Beschränkungen und mit der vorsichtigen Hoffnung auf ein Ende der Pandemie, wird auch über ein Ende der Maskenpflicht nachgedacht. Dass der Gedanke nicht auf viel Gegenliebe stößt, zeigte das Vorhaben Niedersachsens: Das Bundesland hatte laut darüber nachgedacht, in seiner neuen Corona-Verordnung die Maskenpflicht für den Einzelhandel in den Regionen zu beenden, in denen der Sieben-Tage-Inzidenzwert unter 35 fällt und dort bleibt. Nach breiter Kritik auch aus der Bundesregierung machte das Land allerdings einen Rückzieher. Und aus Expertensicht ist das auch gut so, auch wenn Niedersachsen an einigen Stellen dann doch das Abnehmen der Maske erlaubt.

Frühestens, wenn wir Impfquoten von 70 bis 80 Prozent erreicht haben, könnte man darüber nachdenken.

Friedemann Weber, Virologie der Uni Gießen

„Frühestens, wenn wir Impfquoten von 70 bis 80 Prozent erreicht haben, könnte man darüber nachdenken“, sagt der Virologe Friedemann Weber von der Uni Gießen der Deutschen Presse-Agentur. Er meint vollständig Geimpfte. „Wir haben immer noch eine Pandemie mit einem unklaren weiteren Verlauf unter anderem durch Virusvarianten.“

Maske schützt, bevor der Infizierte überhaupt weiß, dass er ansteckend ist

„Eine Aufhebung der Maskenpflicht im Einzelhandel wäre gerade das völlig falsche Signal und sehr kurzsichtig gedacht.“ Der eingeschlagene Weg sollte aus Webers Sicht beibehalten werden. Zumal der Aufwand, Maske zu tragen, gering sei - der Gewinn für die Pandemie-Bekämpfung hingegen groß. „Die Maske tut doch niemandem weh.“ Zumal nach einer im Fachblatt „Science“ veröffentlichten Studie des Virologen Christian Drosten das Maximum der Virus-Ausscheidung ein bis drei Tage vor Beginn der Symptome liegt. Der Infizierte merkt also noch gar nicht, dass er krank ist und andere anstecken könnte. Eine Maske kann da viel ungewolltes Ungemach verhindern.

Da die Ansteckungsgefahr draußen geringer ist, als in Innenräumen, ist eine Aufhebung der Maskenpflicht zunächst für Aktivitäten im Freien weniger risikoreich, wenn es soweit ist.

Dass die Gefahr einer Ansteckung nach Einschätzung von Aerosolforschern in Innenräumen deutlich höher ist, als an der frischen Luft, ist mittlerweile bekannt. Gerhard Scheuch, der frühere Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin ist daher auch der Ansicht, dass die Maskenpflicht, wenn sie dann irgendwann aufgehoben wird, auch zuerst für Aktivitäten im Freien aufgehoben werden soll. Zoobesuch ohne Maske vor dem Besuch eines kleinen Souvenirladens ohne Maske.

Wo viel Raum und Luft ist, sei das Ansteckungsrisiko ebenfalls geringer, wie beispielsweise in großen Theatern und Museen, Freibädern, Schwimm- und Sporthallen. „Da reicht die Aerosolkonzentration kaum aus, um andere zu gefährden.“ Doch auch dabei gibt es Tücken - denn selbst in vermeintlich Frischluft-durchfluteten Freibädern gibt es enge Umkleiden. „Da muss man schauen, dass die super belüftet sind.“

Die Wolke bleibt drin.

Gerhard Scheuch, früherer Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin 

Gerade in kleinen, engen, unbelüfteten Räumen sei die Gefahr am höchsten, sagt Scheuch. Als weiteres Beispiel nennt er Aufzüge. „Hier sind oft nur zwei bis vier Kubikmeter Luft. Wenn Leute drin sind, noch weniger.“ Schon während einer kurzen Fahrt könne man sich anstecken, auch wenn man alleine ist. „Die Wolke bleibt drin.“

Unterschiede der Masken kennen und sie richtig tragen

Wichtig ist vor allem, die Unterschiede zu kennen und die Masken richtig zu tragen. Der medizinische Mund-Nasen-Schutz, auch OP-Maske genannt, besteht in der Regel aus drei Lagen Kunststoff-Vlies. Für die Masken gelten bestimmte Anforderungen und sie sind grundsätzlich nur zum einmaligen Tragen gedacht. Die Maske schützt die Menschen in der nahen Umgebung vor Flüssigkeitsteilchen, die dieser zum Beispiel schon beim Sprechen abgibt. Der Eigenschutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus ist bei den Masken begrenzt.

Korrekt getragen schützt die FFP2-Maske nicht nur andere Menschen in der Umgebung, sondern bietet auch dem Träger einen sehr guten, wenn auch keinen hundertprozentigen Schutz vor einer Ansteckung.

Die dichteren, ebenfalls aus Vlies gefertigten Feinstaubmasken der Klassen FFP2, N95 oder KN95 bestehen in der Regel zusätzlich aus elektrostatischem Material, an dem kleine Partikel gebunden werden. Diese Wirkung schwindet aber mit der Zeit. Die FFP2-Maske schützt jedoch nicht nur andere Menschen in der Umgebung, sondern bietet auch dem Träger einen sehr guten, wenn auch keinen hundertprozentigen Schutz vor einer Ansteckung. Die zuvor verbreiteten Alltagsmasken hingegen sind dazu gedacht, andere zu schützen, weshalb es auch wichtig war, dass möglichst viele sie tragen, um sich gegenseitig zu schützen.

Masken bleiben voraussichtlich noch eine Weile Teil des Alltags

Dass korrekt getragene Masken die Verbreitung der Coronaviren deutlich bremsen können, hat ein internationales Team um Forschende des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz (MPIC) in einer jüngst veröffentlichten Studie gezeigt: Um die sogenannte Reproduktionszahl - die angibt, wie viele Menschen ein Infizierter im Mittel ansteckt - von etwa drei auf unter eins zu reduzieren, müssten demnach mindestens 60 bis 70 Prozent der Menschen chirurgische Masken korrekt anwenden. Bei FFP2-Masken wären es etwa 40 Prozent. „Bei infektiöseren Varianten von Sars-CoV-2 müssten die Raten entsprechend höher sein“, heißt es.

Masken werden eine wichtige Schutzmaßnahme gegen Sars-CoV-2-Infektionen bleiben – sogar für geimpfte Personen, speziell, wenn der Impfschutz mit der Zeit nachlässt.

Christian Witt, Leiter des Forschungsbereichs Pneumologie an der Charité Berlin

Daher sollten wir uns darauf einstellen, dass solche Masken wohl noch eine ganze Weile halbe Gesichter verdecken werden. Der Leiter des Forschungsbereichs Pneumologie an der Charité Berlin, Christian Witt, prognostiziert: „Masken werden eine wichtige Schutzmaßnahme gegen Sars-CoV-2-Infektionen bleiben – sogar für geimpfte Personen, speziell, wenn der Impfschutz mit der Zeit nachlässt.“ Mit Material der dpa.kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Oliver Berg / picture alliance / dpa

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