Prozessbeginn gegen Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen

Im Namen des Volkes

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Koffer und Körbe der Gefangenen stapeln sich im Konzentrationslager Auschwitz bis unter die Decke. SS-Mann Oskar Gröning hat sie aufgelesen und anschließend das Geld darin sortiert.

Lüneburg - Von Felix Gutschmidt. Oskar Gröning hat in seinem Leben so manches Mal danebengelegen. Er meldet sich freiwillig zur Waffen-SS, um „im Krieg nicht zu spät zu kommen beim letzten Siegen“. Er glaubt, dass es die Aufgabe des deutschen Volkes sei, das Weltjudentum zu vernichten. Und obwohl er von Oktober 1942 bis September 1944 selbst im Konzentrationslager Auschwitz arbeitet, meint er, nicht schuldig zu sein. Er sei nur ein „Rädchen im Getriebe“ gewesen.

So kann man sich irren: Deutschland verliert den Krieg. Die ganze Nation trägt die Verantwortung für den Tod von sechs Millionen Menschen. Jetzt klagt die Staatsanwaltschaft Hannover den 93-jährigen an, in mindestens 300.000 Fällen Beihilfe zum Mord geleistet zu haben. Heute ist der erste Verhandlungstag am Landgericht Lüneburg. Es ist einer der letzten großen Prozesse wegen NS-Verbrechen in Deutschland.

In Niedersachsen wurden zuletzt drei von vier Verfahren gegen ehemalige SS-Leute aus dem Konzentrationslager Auschwitz eingestellt, weil die Angeklagten tot oder verhandlungsunfähig waren. Auf der Liste der Staatsanwaltschaft Hannover ist Gröning ist der einzig verbliebene Name. Dass es 70 Jahre nach der Befreiung des KZ überhaupt zu einem Prozess kommt, ist der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen zu verdanken. Sie hatte im Zuge der Untersuchung des Falles John Demjanjuk im Jahr 2011 die Definition von Beihilfe zum Mord geändert.

Danach muss die Justiz nicht mehr nachweisen, dass ein Angeklagter direkt an den Morden in Auschwitz beteiligt gewesen ist. „Für uns reicht die Tätigkeit eines Aufsehers in diesem Lager für die Annahme von Beihilfe zum Mord aus“, sagt der Leiter der Behörde, Kurt Schrimm. Frühere Ermittlungen gegen Gröning wegen des Verdachts der Beteiligung an NS-Verbrechen hatte die damals zuständige Staatsanwaltschaft in Frankfurt/M. 1985 eingestellt.

Die Presse hat Gröning den Beinamen „Buchhalter von Auschwitz“ verpasst. Er soll – so steht es in der Anklage – im Bereich der Gefangeneneigentumsverwaltung geholfen haben, das auf den Bahnrampen im Lagerbereich Birkenau zurückgelassene Gepäck neu eingetroffener Häftlinge wegzuschaffen. „Damit sollten die Spuren der Massentötung verwischt werden“, erklärt die Staatsanwaltschaft. Vor allem aber sei es seine Aufgabe gewesen, das Geld der Todgeweihten zu sortieren, zu zählen und an das Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt der SS in Berlin zu schicken. Dadurch habe er dem NS-Regime wirtschaftliche Vorteile verschafft und das systematische Tötungsgeschehen unterstützt.

Die in der Anklage genannte Zahl von mindestens 300.000 Morden bezieht sich nur auf den Zeitraum vom 16. Mai bis 11. Juli 1944, in dem 425.000 meist jüdische Ungarn in Auschwitz ankamen – fast alle starben in den Gaskammern. Man habe sich aus Beweisgründen auf diesen schmalen Korridor beschränkt, teilt die Staatsanwaltschaft mit. Wohlgemerkt: Oskar Gröning arbeitete fast zwei Jahre für die SS in Auschwitz. Der 93-Jährige leugnet das nicht. Im Gegenteil: Bereits vor zehn Jahren hat er dem „Spiegel“ ausführlich über diese Zeit berichtet. Wie er als 21-Jähriger in dem KZ ankommt. Wie er bereits an Tag eins erkennt, dass er in einem Vernichtungslager arbeitet. Wie er unweit der Gaskammern seine Turnübungen macht. Wie er zusieht, als die Leichen vergaster Juden auf Scheiterhaufen verbrannt werden.

Der Massenmord ist für ihn „ein Mittel der Kriegsführung“. Als Fließbandarbeiter der Tötungsmaschine stehe man da, und es gebe nur noch das Gefühl: „Ich bin eingespannt in das Notwendige, das fürchterlich ist. Aber notwendig“, sagt Gröning dem „Spiegel“. Diese Offenheit mit der eigenen Biografie macht den Fall Gröning zu etwas Besonderem. Zunächst hatte es sich der ehemalige SS-Mann wie viele große und kleine Nazis gemütlich gemacht in der Bundesrepublik mit Eigenheim, Teckelclub und Briefmarkensammlung. Der Krieg ist zu Hause kein Thema. „Mädchen, tu dir und mir einen Gefallen: Frag nicht nach!“, sagt Gröning seiner Frau. Sie hält sich daran. Als er Jahrzehnte später seine Haltung ändert, will sie nicht zuhören. Wie so viele.

Für seine erwachsenen Söhne schreibt er seine Geschichte auf. Der eine reagiert gar nicht, der andere stellt schriftlich ein paar Fragen, das war‘s. „Die Menschen haben eine Scheu davor“, sagt Gröning. „Das ist es, was ich nicht verstehe.“ Wenigstens die Presse will hören, was er zu sagen hat. Wie kommt es, dass Gröning auf einmal sein Schweigen bricht? Es ist die Begegnung mit einem Holocaust-Leugner, die ihn 1985 zum Umdenken bewegt. Er schreibt dem Mann einen Brief. Der Inhalt ist schnell erzählt: Der Holocaust ist real. Alleine in Auschwitz sind mehr als eine Million Menschen ermordet worden. Ich muss es wissen, denn ich war dabei.

Passagen dieses Briefes tauchen nach Informationen des „Spiegel“ ein paar Monate später in einer Neonazi-Zeitschrift auf. Gröning kann sich nicht länger hinter seiner bürgerlichen Fassade verstecken. Er muss sich bekennen, und genau das macht er. Gröning sagt in Verfahren gegen ehemalige NS-Leute aus. Er gibt dem britischen Sender BBC ein langes Interview. Auch heute will er etwas sagen zu den Vorwürfen gegen ihn. Das kündigt der Anwalt des 93-Jährigen, Hans Holtermann, an. Dieses Versprechen rechnet selbst die Gegenpartei dem Angeklagten hoch an.

Thomas Walter, der mehr als 30 Nebenkläger vertritt – Überlebende und Hinterbliebene von Opfern des Holocausts –, sagt der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“: „Oskar Gröning steht zu seiner Verantwortung. Er will sich nicht, wie es Demjanjuk versucht hat, als prozessunfähig aus dem Verfahren stehlen.“ Wenn das Landgericht Gröning schuldig spricht, erwartet ihn eine Freiheitsstrafe von nicht unter drei Jahren. Den Nebenklägern geht es jedoch nicht so sehr um die Frage, wie lange ein alter Mann weggesperrt werden könnte, sondern um „sehr späte Gerechtigkeit, die sie von der deutschen Justiz erwarten“, sagt Walter. Ein wesentliches Element dieser Gerechtigkeit halte Gröning in den Händen: die Wahrheit.

Vernichtungslager Auschwitz

Das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gilt als bedeutendstes Symbol für den Holocaust. Am 27. April 1940 befahl der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, im polnischen Oswiecim (Auschwitz) ein Konzentrationslager zu bauen. Knapp zwei Monate später wurden die ersten Häftlinge ins „Stammlager Auschwitz“ gebracht. Ab September 1941 wurden dort Gefangene auch mit dem Giftgas Zyklon B getötet. Nach der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942, bei der die Nazis die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen hatten, wurde Auschwitz-Birkenau zum zentralen Ort des industriellen Völkermordes.

In dem zwischen Krakau und Kattowitz gelegenen Lager im besetzten Polen wurden im Zweiten Weltkrieg mehr als eine Million Menschen ermordet. Die meisten Opfer waren Juden aus dem von Nazi-Deutschland besetzten Europa. Auch rund 70.000 Polen, 21.000 Sinti und Roma, 15.000 sowjetische Kriegsgefangene und Menschen aus vielen anderen Nationen wurden in Auschwitz getötet oder starben an Krankheiten und Hunger. Vor 70 Jahren, am 27. Januar 1945, befreiten Soldaten der Roten Armee rund 7000 überlebende Gefangene. Nach einem UN-Beschluss wird an diesem Tag seit 2006 der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. dpa

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