Präsident Werner Hilse im Interview

Landvolk: Wunden der Milchkrise noch nicht überwunden

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Landvolk-Präsident Werner Hilse

Hannover - Niedersachsen ist Deutschlands Agrarland Nummer Eins - auf den in Berlin stattfindenden Bauerntag blicken damit auch die Landwirte in diesem Bundesland mit Spannung. Seit dem vergangenen Jahr habe sich die wirtschaftliche Situation für die Betriebe zwar verbessert, aber es seien noch nicht alle Verluste wieder wettgemacht, sagt der Präsident des Landvolks Niedersachsen, Werner Hilse.

Auf dem Bauerntag in Hannover sprach Hilse mit Elmar Stephan von der Deutschen Presse-Agentur dpa. 

dpa: Vor einem Jahr war der Bauerntag in Hannover, geprägt von der Krise auf dem Milchmarkt. Wie ist die Situation heute? 
Hilse: Im Milchbereich ist es zwar besser, aber die Wunden der vergangenen anderthalb Jahre sind noch nicht verheilt. Im Moment haben wir die Situation, dass man zwar fast wieder von den Milchpreisen leben kann, und vielleicht geht es auch noch ein bisschen nach oben. Es ist aber noch längst noch nicht alles wieder wettgemacht, was als Verluste in den letzten Jahren angefallen ist. 

Wir haben ein Wahljahr, und auch die Landwirtschaft wird eine größere Rolle im Wahlkampf spielen - was erwarten Sie?
Wir haben alle vier Jahre Wahlen, und die Parteien versuchen, sich über gesellschaftliche Themen zu profilieren. Da ist die Landwirtschaft in den vergangenen Jahren in den Fokus gerückt. Sicherlich auch durch die Krisen, die sie hatte, aber auch durch Diskussionen zum Tierschutz oder Bodenschutz. In diesen Bereichen versuchen die Parteien, sich zu profilieren. Die Grünen haben ja jüngst einen Sechs-Punkte-Plan vorgelegt. 

Wenn man das analysiert, kommt man zu der Erkenntnis, dass vieles schon auf den Weg gebracht ist. Es liegt nicht alles im Argen. Vieles lässt sich auch nicht einfach durch ein Fingerschnippen umsetzen, so einfach läuft das nicht in der Landwirtschaft. Wir sind in der Natur und arbeiten mit der Natur, und sind damit in einem sehr umfassenden Sinn auch nachhaltig. 

Was halten Sie von dem Vorschlag des niedersächsischen Landwirtschaftsministers Christian Meyer, die EU-Subventionen zugunsten von mehr Mitteln für Tierwohl-Maßnahmen umzuschichten?
Wir reden über eine EU-Agrarpolitik, und da wird die spannende Frage sein, wie sich die überhaupt weiter entwickeln wird. Bis zum Jahr 2020 wird sich nichts ändern, vielleicht sind Änderungen wegen des Brexits auch erst ab 2022 möglich. Umschichtung heißt immer, ich nehme den einen was weg, um es anderen zu geben. In der Landwirtschaft ist es nicht so, dass irgendjemand etwas zu viel bekommt. Es werden immer die Flächenprämien genannt, weil das so plakativ ist. 

Aber die Landwirte, die Acker- und Bodenbewirtschaftung betreiben, sind auf diese Prämien angewiesen. Fallen sie weg, haben sie auch kein Auskommen mehr, die EU-Zahlungen machen einen Großteil des Einkommens aus und sind dringend notwendig. Landwirtschaft ist kein Business, wo man schnell Millionär wird. 

Wie reagieren Sie auf die Kampagnen radikaler Tierschützer in den vergangenen Wochen, die mit heimlich gedrehten Aufnahmen aus den Ställen arbeiten?
Das wird ja mit der Absicht gemacht, ein Problem aufzuzeigen. Und auf vielen Bildern, die gemacht worden sind, kann man sehen, dass manches auch nicht stimmt. Auf der anderen Seite werden diese Bilder in der Regel nachts gemacht, wie in einem Kriminalfilm - die Bilder sähen bei Tag anders aus. Und es werden fast nur Situationen mit kranken Tieren gezeigt. Kranke Tiere gibt es, es gibt verletzte Tiere - da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder muss man die Tiere wieder gesund kriegen. Oder man muss die Tiere nottöten. Das ist immer eine fließende Grenze. Dadurch gibt es immer wieder solche Bilder. 

Und ganz oft gibt es eine falsche Vorstellung darüber, wie Landwirtschaft funktioniert. All diese Diskussionen bewirken letztlich genau das, was man nicht will: Die Landwirte fühlen sich nicht mehr mitgenommen, und sie sehen auch nicht die Chance, bei einer Änderung der Produktionsweise ihren Betrieb weiterzuführen. 

Diskussionen über eine Veränderung der Landwirtschaft sollten gut organisiert sein, denn sonst wird der Strukturwandel verstärkt und es gibt immer weniger Betriebe. Das haben wir gerade bei der Sauenhaltung gesehen, wo neue Regelungen nicht dazu führen, dass alle Bauern weitermachen. 

Zur Person: Werner Hilse, 65, ist seit 2003 Präsident des Landvolks Niedersachsen und seit 2006 Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes. Er führt einen Betrieb mit Ackerbau und Schweinemast im Landkreis Lüchow-Dannenberg.

dpa

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