Experten sehen keinen klaren Sieger

Gekuschelt wird nicht: Schlagabtausch beim TV-Duell

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Landtagswahl Niedersachsen - TV-Duell

Hannover - Wenige Minuten vor Beginn ihres Fernsehduells posieren Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und sein Herausforderer Bernd Althusmann (CDU) händeschüttelnd für die Kameras. Althusmann ist ohne Krawatte erschienen, er gibt sich locker. „Viel Spaß beim Entwickeln!“, ruft er den Fotografen hinterher. Unwillkürlich muss auch sein Kontrahent Weil lächeln.

Das war es aber schon mit der Nettigkeit. Denn bei ihrem einzigen TV-Duell vor der Niedersachsen-Wahl geht es schnell zur Sache. Der 58-jährige Weil und sein acht Jahre jüngerer Gegenspieler schenken sich nichts. NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz eröffnet die Runde gleich mit der Frage nach Elke Twesten. Anfang August war die Grünen-Landtagsabgeordnete zur CDU übergelaufen und hatte damit Weils rot-grüne Regierung gekippt.

Mit verkniffenem Gesicht, die Lippen zusammengepresst, macht Weil den Moralischen: Die CDU habe Twesten mit offenen Armen empfangen und damit die Wählerentscheidung umgedreht. Dieser Fehler hänge Althusmann nun „wie ein Mühlstein“ um den Hals. Althusmann bleibt ruhig. Die Abgeordnete habe das selbst entschieden, entgegnet er mit offenem Blick. Als Weil bei seinem Vorwurf bleibt, reißt dem CDU-Spitzenkandidaten der Geduldsfaden. „Wollen wir uns nur über diesen Fall unterhalten oder über andere Themen reden, die die Menschen in diesem Land bewegen?“, poltert er los.

Ein Kampf um jede Stimme

Dies ist kein Kuschel-Duell wie das von Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Weil und Althusmann wissen: Es ist ein Kampf um jede Stimme. Denn in Niedersachsen deutet alles auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hin. In der jüngsten Umfrage hat sich die SPD mit 33 Prozent vor die CDU geschoben, die auf 32 Prozent kommt. Zwei andere Befragungen hatten CDU und SPD gleichauf gesehen.

NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz moderierte das TV-Duell.

Doch sowohl für Althusmann als auch für Weil könnte es schwierig werden, nach einem möglichen Wahlsieg eine Koalition hinzubekommen. Laut Umfragen reicht es weder für Rot-Grün noch für Schwarz-Gelb. Rechnerisch möglich: Eine große Koalition, ein Ampel-Bündnis aus SPD, Grünen und FDP sowie eine Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und FDP. Schafft es die Linke in den Landtag, geht auch Rot-Rot-Grün.

Da die CDU zuletzt in den Umfragen zurückgefallen ist, muss Althusmann angreifen. Er knöpft sich Weil bei der Koalitionsfrage vor. Der Ministerpräsident solle doch endlich Rot-Rot-Grün abschwören. „Sie eiern herum, Sie sagen den Menschen nicht die Wahrheit.“ Weil bleibt dabei: Er wolle die Linken unter fünf Prozent halten. Althusmann wirkt dann wenig überzeugend, als er sagt, er selbst wolle sich zu Koalitionsfragen überhaupt nicht äußern.

Streit um Fakten ist allgegenwärtig

Immer wieder streitet sich der CDU-Spitzenkandidat mit Moderator Cichowicz über Fakten, unterbricht den Journalisten selbst beim Fragenstellen. Damit wirkt er zu sehr auf Krawall gebürstet.

Weil hingegen bleibt gelassen. Seine zu Beginn steife Körperhaltung lockert sich, als die Debatte auf Sachthemen wie Bildungspolitik und Inklusion kommt. Hier wirkt der Ministerpräsident trittfest und kompetent. Inhaltlich erfahren die Zuschauer nicht viel Neues - beide Politiker wiederholen die bekannten Positionen.

Den nächsten heftigen Schlagabtausch gibt es beim Thema Volkswagen. Althusmann hält Weil vor, er habe im Abgas-Skandal seine Aufsichtspflicht nicht ernst genommen. „Sie sind am Ende vom Konzern-Vorstand durch die Manege gezogen worden.“ Irgendwann zieht Weil herablassend die Augenbrauen in die Höhe: „Ich glaube, Sie überblicken wirklich nicht, wovon Sie reden. Das mache ich Ihnen aber auch nicht zum Vorwurf, das ist nicht leicht zu verstehen.“ Das sitzt. Und am Ende der Debatte steht es ähnlich wie in den Umfragen: ziemlich unentschieden.

Medienexperten sind sich beim Fazit uneins

Medienexperten sind sich entsprechend uneins über den Ausgang des TV-Duells. Weil habe im Gespräch meist mit dem Moderator gesprochen - Althusmann dagegen sei Weil direkt angegangen, sagte Kommunikationswissenschaftler Joachim Trebbe von der FU Berlin. „Er kam konfrontativer und auch ein bisschen arrogant rüber, Weil dagegen kompetenter.“ Wer die Nase vorne hatte? „Das ist sehr schwer zu sagen; vom Gefühl her würde ich vermuten, dass Althusmann einen hauchdünnen Vorsprung hatte.“

Anders sieht dies Wilfried Köpke von der Hochschule Hannover. „Diesmal würde ich doch sagen, Weil lag in der Performance deutlich vorne.“ Das könne man festmachen an den Punkten Körpersprache, der hohen Verbindlichkeit und der Faktenstärke. „Er wirkte nicht wie ein Getriebener. Er wirkte wie einer, der kämpfen mag.“ Bei Althusmann habe man den Eindruck gehabt, er müsse jetzt kämpfen.

dpa

Ein Kommentar von Felix Gutschmidt:

Für Althusmann reicht es nicht

Über Bernd Althusmann lässt sich vieles sagen. Ein Mann der Offensive ist er nicht. Im Duell mit Ministerpräsident Stephan Weil versucht der CDU-Herausforderer zwar noch mal, Rot-Grün im Allgemeinen und den SPD-Spitzenkandidaten im Speziellen zu attackieren. Er hat sogar die Krawatte abgelegt, um besonders kämpferisch daherzukommen, aber glaubwürdig ist das nicht. Zu formelhaft sind seine Aussagen. Ob Koalitionsfrage, Bildungspolitik oder innere Sicherheit: Da gab es nichts Neues. Nichts, was der Wähler nicht schon gehört oder gelesen hatte.

Und Weil? Auch nicht gerade mitreißend. Statt den politischen Gegner mit einem überraschenden Coup in Bedrängnis zu bringen, pariert er routiniert Althusmanns Attacken. Aber im Gegensatz zum Herausforderer muss der Ministerpräsident auch nicht angreifen. Als Amtsinhaber ist Weil automatisch in der Defensive. Außerdem spielt die Zeit für ihn. Seit Wochen steigen die Werte der SPD. Weil weiß das, und lässt es sein Gegenüber spüren. Sein Auftreten grenzt mitunter an Arroganz. Das ist schwer auszuhalten, vor allem für Althusmann.

Unter dem Strich ist das TV-Duell ein Abbild der vergangenen viereinhalb Jahre im Parlament. Der Opposition ist es nie gelungen, die Schwächen dieser Regierung aufzuzeigen. Ein unsäglicher Untersuchungsausschuss zur Sicherheitspolitik, eine lächerliche Vergabeaffäre oder der peinliche Versuch, den Ministerpräsidenten wegen Einflussnahme des VW-Konzerns in die Ecke zu drängen, der schnell zum Eigentor wurde: Die CDU hat sich zu viel mit Lappalien aufgehalten, statt sich konsequent am Lehrermangel, der umstrittenen grünen Agrarpolitik oder dem zunehmenden Ärztemangel abzuarbeiten. Das reicht für ein paar Schlagzeilen. Für einen Ministerpräsidenten Althusmann reicht es nicht.

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