Schutz vor Schlachtung

Kuhaltersheim in Butjadingen: Kratzbürste und Leckstein statt Schlachthof

Karin Mück sitzt mit ihrem Hund und einer Kuh im Gras
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Karin Mück sitzt mit ihrem Hund und einer Kuh im Gras

Was passiert mit den Kühen, wenn sie nicht mehr genügend Milch geben? Oft werden sie geschlachtet. Wenige gehen in Rente – etwa auf Hof Butenland in Butjadingen.

Butjadingen – Von Gnadenbrothöfen für alte Pferde* hat man schon öfter gehört. Aber ein Kuhaltersheim, das ist wohl ziemlich einmalig. Sogar die „New York Times“ hat schon über Karin Mück und Jan Gerdes berichtet. Die beiden betreiben in Butjadingen einen Bauernhof, auf dem Tiere leben, die ausgedient haben. Darunter auch 38 Rinder, die weder gemolken noch geschlachtet werden.

Gemeinde in Niedersachsen:Butjadingen
Fläche:129 km²
Bevölkerung:6.389 (31. Dez. 2008)
Landkreis:Wesermarsch

Die Kühe haben ganz unterschiedliche Vorgeschichten. Einige waren jahrelang Milchkühe. Manche kommen von Tierversuchslaboren oder Zirkussen. Andere wurden von Tierärzten auf den Hof gebracht, wie Kuh Chaya. Die braun-weiß gefleckte Kuh habe sich kurz vor der Schlachtung so gewehrt, dass eine Tierärztin sie zu ihnen gebracht hätte, erzählt Gerdes. „Und dann gibt es auch einige, die sind vom Nachbarn über den Graben gesprungen und die durften dann auch bei uns bleiben.“

Auf Hof Butenland können sich die Kühe frei bewegen, ob auf den Wiesen oder im Stall. Statt täglich gemolken zu werden, können sie sich an Bürsten schubbern, im Schlamm wälzen und an Salzlecksteinen schlabbern.

Butjadingen: Zu viele Anfragen für das Kuhaltersheim auf Hof Butenland

Mittlerweile erreichen die beiden täglich Anfragen, ob sie weitere Tiere, insbesondere Rinder, aufnehmen können. „In vielen Fällen müssen wir leider absagen, da wir sehr genau überlegen müssen, ob unsere personellen und finanziellen Kapazitäten ausreichen“, schreiben sie auf ihrer Webseite. Als Kuhaltersheim liege ihnen besonders daran, Kühe, die bereits einen längeren Leidensweg hinter sich haben, vor dem sicheren Tod im Schlachthaus* zu bewahren. „Daher lehnen wir Anfragen zu Kälbern ab, sofern hier nicht (für uns selbstverständlich) auch die Mutter mit befreit werden kann.“

Die Betreiber des Kuhaltersheims: Karin Mück und Jan Gerdes

Bevor eine Kuh einziehen kann, möchten die beiden Fotos und nähere Informationen wie zum Beispiel die Vorgeschichte, das Alter, die Anzahl von Geburten und den Gesundheitszustand. Stimmen die beiden der Aufnahme der Kuh zu und liegt eine amtstierärztliche Bescheinigung über BHV1-Freiheit vor, steht dem Leben im Kuhaltersheim nichts mehr im Wege. BHV1 ist eine Seuche unter Rindern, infizierte Tiere müssen geschlachtet werden.

Hof Butenland in Butjadingen: Die Tiere „können traurig sein, die können lustig sein“

Neben den Rindern leben auch einige weitere Tiere auf dem Hof in Niedersachsen. Mastenten, die eigentlich fürs Weihnachtsmahl vorgesehen waren, Warzenenten aus einer Befreiungsaktion, Hühner aus Legebatterien, Gänse, Hunde aus dem Tierschutz und Katzen sowie Schweine und Pferde.

„Sie haben alle auch ihre Freundschaften, die haben ihre Ängste, die haben ein Schmerzempfinden, die können traurig sein, die können lustig sein“, beschreit Gerdes die Tiere. Den Begriff Nutztier lehnt er ab. Dies sei ein künstlicher Begriff, um „eine Tierqual zu verniedlichen“. Schon Kinder erlebten diese Verniedlichung, sagt Karin Mück. „Wenn man sich die Kinderbücher anguckt, da sind die Tiere ja alle glücklich und springen fröhlich auf der Weide rum“, sagt sie. Sie fordert, dass Kinder ab einem gewissen Alter einen Schlachthof besuchen sollten.

Butjadingen: Hof Butenland in den Kinos

Seit 1981 ist Gerdes offiziell Betriebsleiter auf Hof Butenland. Als erster Bauer der Region stellte er seinen Betrieb auf biologische Landwirtschaft um, was eine Verkleinerung der Herde und damit Vergrößerung des Stallplatzes* sowie die Abschaffung der Anbindehaltung zur Folge hatte. Auch durften die neugeborenen Kälber etwas länger bei ihren Müttern bleiben. Doch auch „bio“, habe für die Tiere letztlich keinen Unterschied bedeutet: ließ die geforderte Milchleistung einer Kuh nach oder bekam sie gesundheitliche Probleme, sei sie, oft schon im Alter von zwei, drei Jahren, geschlachtet worden, erklärt Gerdes. „Ich habe dann aber gemerkt, auch Bio-Kühe sind nicht wirklich glücklich, weil sie ja doch geschlachtet werden“, erzählt er und beendet 2001 die Nutzung von Tieren und deren Erzeugnissen.

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An dem Tag, als die verbliebenen Kühe zum Schlachthof gebracht werden sollen, fehlte der Platz für die letzten zwölf. Anstatt einen neuen Transport zu bestellen, fasste das Paar den Entschluss, die Kühe auf dem Hof zu behalten. Seitdem ist Hof Butenland ein Altersheim für Kühe, das durch Spenden finanziert wird. Anders geht es auch nicht: „Das ist in diesem System nicht vorgesehen, das, was sie machen“, sagte einmal eine Amts-Veterinärin zu den Hofbetreibenden.

Eine Geschichte, die viele zu bewegen scheint: Zwei Jahre lang hat Filmemacher Marc Pierschel das Hofleben begleitet, die Geschichten von Lillja, die nach einem Kaiserschnitt keine Kälber mehr bekommen konnte oder von Uschi, die sich beim Bauern nicht melken lassen wollte. 2019 wurde der Dokumentarfilm bei den Internationalen Hofer Filmtagen mit dem „Granitpreis“ als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet, 2020 ging er in die Kinos. * kreiszeitung.de, come-on.de, Merkur.de und HNA.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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