Interview zur Kommunalwahl in Niedersachsen

Hannover: Frauke Patzke (Grüne): „Klimaschutz ist kein Selbstzweck“

Grünen-Politikerin Frauke Patzke will die neue Regionspräsidentin Hannover werden.
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Grünen-Politikerin Frauke Patzke will die neue Regionspräsidentin Hannover werden.

Frauke Patze will die neue Regionspräsidentin von Hannover werden. Die Grünen-Politikerin setzt bei der Kommunalwahl vor allem auf Erfahrung und kreative Ansätze.

Hannover – Am 12. September 2021 wählen die Menschen in der Region Hannover unter anderem den neuen Regionspräsidenten. Die 50-jährige Grünen-Politikerin Frauke Patzke hat ihren Hut für den begehrten Posten in den Ring geworfen – und gilt neben ihren Mitbewerbern aus SPD und CDU als Spitzenkandidatin für das Amt des Regionspräsidenten. Aber was wird sich mit der grünen Regionschefin eigentlich verändern? Im Interview mit kreiszeitung.de gibt Patzke Antworten auf dringende Fragen – und verrät auch, ob die Klimaschutzoffensive ihrer Partei eigentlich teuer wird.

Im Live-Ticker zur Kommunalwahl in Niedersachsen berichtet kreiszeitung.de am Sonntag, 12. September 2021, über die aktuellen Entwicklungen, die Ergebnisse, die gewählten Bürgermeister und Landräte.

Name: Frauke Patzke
Partei:Bündnis90/ Die Grünen
Position: Kandidatin als Regionspräsidentin Hannover
Geburtstag: Mai 1971 (50 Jahre)
Frau Patzke, Sie haben bereits als junge Frau angefangen, sich politisch zu engagieren – wie kam das?
Ich bin in einer sehr politischen Familie aufgewachsen. Weltpolitik, Kommunalpolitik und Bundespolitik – all das wurde bei uns immer am Abendbrottisch diskutiert. Meine Eltern haben immer großen Wert darauf gelegt, dass wir da informiert sind. So hatte ich, genauso wie meine Schwester und mein Bruder auch, früh die Möglichkeit, mir eine fundierte Meinung zu bilden. Nur darüber zu reden hat mir aber dann irgendwann nicht mehr gereicht, deshalb wollte ich mich engagieren – und das geht nunmal am besten in der Politik.
Welche Werte haben Ihnen Ihre Eltern mitgegeben, die Sie auch heute noch in Ihrem politischen Engagement begleiten?
Respekt vor den anderen und der Umwelt, aber eben auch Verantwortung für mein eigenes tun und für die Gesellschaft, in der ich lebe. Ein weiterer großer Antrieb ist bei mir außerdem immer die Gerechtigkeitsfrage.
Und warum sind Sie 2008 nach ein paar Jahren bei der SPD schließlich bei den Grünen eingetreten?
Mein Wertekompass stimmt ganz einfach am meisten mit den Werten der Grünen überein. Sozialisiert bin ich tatsächlich sozialdemokratisch, aber schon immer mit einem großen Hang zu den grünen Werten. Mittlerweile wählen meine Eltern aber auch grün.

Grünen-Politikerin Frauke Patzke will als Regionspräsidentin das Recht für die Menschen einsetzen

Sie sind derzeit als Leiterin des Referats „Justiziariat, Vergabestelle und Innerer Dienst“ im niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur tätig. Hilft Ihnen die Tätigkeit als Juristin denn auch in der Kommunalpolitik hin und wieder?
Ja – und wie! Ich bin eine glühende Verfechterin unseres Rechtssystems. Es schafft mit der Verfassung einerseits einen klaren Rahmen, in dem wir uns bewegen können. Und in diesem Rahmen haben wir den Raum zum Leben und Gestalten. Als Juristin und erfahrene Verwaltungsfrau weiß ich, dass man das Recht zum Wohle des Menschen anwenden kann. Und zwar ohne Biegen und Brechen. Und dafür fehlt mir aktuell bei vielen in der Verwaltung noch der Blick für.
Auf Ihrer Webseite steht in einem Zitat, jeder macht einen Unterschied. Welche Art von Unterschied möchten Sie gerne machen?
Als Regionspräsidentin möchte ich zunächst erstmal die Region von der Schicksalsgemeinschaft zum Spitzenteam bringen. Es gibt die Region mittlerweile seit 20 Jahren und das Modell ist an sich auch erfolgreich. Aber ich möchte die Region noch präsenter machen in den Kommunen und in der Außenwahrnehmung.
In diesem Jahr wird die Region Hannover 20 Jahre alt. Sie leben bereits seit 25 Jahren in Hannover. Wie hat sich die Region entwickelt?
Da mache ich mich mal ehrlich: Ich lebe seit 25 Jahren in der Region und bin politisch sehr interessiert. Ich habe den Anfang der Region nicht mitgekriegt. Das kann man jetzt so sehen, dass es einfach funktioniert hat. Aber auf der anderen Seite habe ich von diesem tollen Konzept als solches nicht wirklich etwas wahrgenommen. Die Region Hannover war für mich bis dato insbesondere eine Verwaltung. Aber sie hat so viel mehr Potenzial. Ich zum Beispiel lebe in Hemmingen und identifiziere mich auch mit Hannover. Aber ich kenne niemanden, der sich auch mit der Region als starkes Bündnis aus all den Kommunen identifiziert. Und das möchte ich gerne ändern. Denn wir sind 1,2 Millionen Menschen in der Region – und könnten gemeinsam so viel bewegen.

Sozialer und wirtschaftlicher Klimaschutz – das plant Grünen-Kandidatin Frauke Patzke

Digitalisierung ist ein großes Thema im Hinblick auf die Vereinfachung von Verwaltung. Was sind die größten Baustellen in dem Bereich?
Wir haben immer noch weiße Flecken in der Region – also Orte ohne Netzanbindung. Verwaltungsvorgänge müssen außerdem insgesamt unkomplizierter, unbürokratischer und barrierefreier werden. Verwaltung soll kein Selbstzweck sein, sondern vielmehr Mittel zum Zweck der Bürger um ihr Leben so angenehm wie möglich gestalten zu können.
Klimaschutz ist das mit Abstand wichtigste Thema in diesem Wahljahr. Woran hakt es Ihrer Meinung nach aktuell noch am meisten?
Klimaschutz ist kein Selbstzweck. Das Klima muss nicht geschützt werden, sondern wir Menschen müssen geschützt werden. Und wer das heute noch nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit verfolgt, der hat die Zeichen der Zeit wirklich nicht verstanden. Die Wissenschaft sagt ganz deutlich: Wir haben ein CO2-Budget. Und wir verschwenden jeden Tag, an dem wir noch nicht ausreichend kreative und entschiedene Konzepte und Lösungen suchen und umsetzen, wertvolle Ressourcen. Schlecht ausgebaute Radwege, fehlende Solarflächen und Windräder – all das sind Dinge, die das Budget verkleinern, das wir eigentlich insbesondere für den Umbau der Industrie noch brauchen. Und damit lassen wir die Menschen im Stich. Ich habe gerade im Wahlkampf mit so vielen Leuten gesprochen, die handeln wollen, aber nicht können.
Aber wie kann wirtschaftlicher und sozialer Klimaschutz gelingen?
Eigentlich ist es ganz einfach. Zum Beispiel die Flutkatastrophe vor ein paar Wochen. Da ist die Wissenschaft sich einig, dass das auf Klimafolgen zurückzuführen ist. Der Bund und die betroffenen Bundesländer haben 30 Milliarden Euro für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt. Was meinen Sie, was mit dem Geld im Vorfeld an Präventions- und Klimaschutzmaßnahmen möglich gewesen wäre. Was ich sagen will: Es ist wesentlich teurer, wenn wir nichts machen. Wirtschaftliche Klimaneutralität schaffen wir zum Beispiel dadurch, dass wir die Industrie umrüsten auf Erneuerbare Energien. Die entsprechende Technologie dafür haben wir längst. Wir brauchen jetzt aber noch die Infrastruktur. Dass wir stattdessen immer noch auf Kohle setzen und sogar SPD und CDU das bis 2038 machen wollen, obwohl alle Alarmglocken schrillen, das ist für mich unverständlich.

Frauke Patzke im Gespräch: Wie teuer kann die Klimaschutzoffensive der Grünen wirklich werden?

Das klingt jetzt erstmal so, als wenn die Klimaschutzoffensive der Grünen das Leben deutlich teurer macht.
Klar, es wird eine Zeit des Umrüstens geben müssen. Wir müssen energieeffizienter und sparsamer werden. Das gelingt nicht von heute auf morgen. Natürlich ist das auch mit Veränderungen verbunden. Aber die sind eben nicht so dramatisch, wie das, was uns droht, wenn wir jetzt nicht handeln und die Klimakrise entschlossen bekämpfen. Für mich ist es deshalb alternativlos, dass wir handeln. Ich bin zum Beispiel auch kein großer Fan der CO2-Steuer, wenn damit keine sozialen Ausgleichmaßnahmen verbunden werden.
Jungen Menschen sind klimatechnisch meist sehr aktiv – aber wie kann man auch ältere Menschen mit dem Thema abholen?
Indem man mit ihnen in den Austausch geht. Durch Gespräche und Informationen kann man Argumente liefern und unentschlossene Wähler erreichen, das erlebe ich am Wahlstand oft. Auch sehr konservativen Wählern mache ich ein Angebot. Denn letztendlich ist es doch so, dass wir alle wollen, dass die Menschen vor Ort und die Kommunen von unserer Energiepolitik profitieren und das schaffen wir zum Beispiel mit einer dezentralen Energieversorgung, bei der die Kommunen den Strom selbst produzieren und etwas von den finanziellen Einnahmen haben. Ich glaube auch, dass vielen älteren Menschen das Wohl ihrer Kinder und Enkelkinder sehr am Herzen liegt. Und es ist doch auch ein zutiefst konservativer Gedanke, unsere Natur, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. Leider handeln viele konservative Politiker*innen aber nicht entsprechend und ich denke, dass das vielen Stammwählern auch gerade bewusst wird.
Wo steht die Region Hannover in fünf Jahren, wenn Sie gewählt werden?
Besser da.

An den Kommunalwahlen in Niedersachsen wollen neben CDU, SPD, Grünen, FDP, der Linken und der AfD 20 weitere Parteien teilnehmen. *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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