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Klima-Aktivismus im Alter: Rentner gehen auf die Straße

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Von: Maria Sandig

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Der Umweltaktivismus der heutigen Zeit steht besonders mit dem Protest junger Menschen in Verbindung. Dennoch gibt es auch Personen fernab der 20, die sich schon viele Jahre für die Umwelt einsetzen und versuchen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Bremen – Zwischen meterhohen Skulpturen aus Holz, inmitten eines lichtdurchfluteten Ateliers sitzt Gunther Gerlach. Umgeben von einem großen Garten, in dem sich auch das ein oder andere Exponat findet. Selbst gebaut hat er sein Haus in Bremen Oslebshausen, das Kunst und Wohnraum miteinander vereint.

Proteste gegen den Vietnamkrieg und den Kapitalismus, Anti-Atomkraft-Demonstrationen mit Platzbesetzungen in Gorleben und Brokdorf, Bürgerinitiativen für ein altes Kraftwerk in Bremen: Der ehemalige Kunstdozent hat schon einiges erlebt, wenn es um aktivistisches Engagement geht. Doch nie hatte sein Protest eine Brisanz wie heute.

Gunther Gerlach, umgeben von einem großen Garten, in dem sich auch das ein oder andere Exponat findet.
Gunther Gerlach mit einem Exponat, dass den drohenden Anstieg des Meeresspiegels durch das Abschmelzen der Polkappen aufzeigen soll. © Privat

Klima-Aktivismus im Alter: Rentner gehen auf die Straße

Noch immer geht der 68-Jährige regelmäßig auf die Straße. „Anfang der siebziger Jahre protestierten wir mit einem unruhigen Gefühl. Immer mit der Frage im Hinterkopf, was wir aus unserem Leben machen wollen. Die Antwort war: Die Welt verändern. Wir wollten das System verändern, den Kapitalismus abschaffen. Aus heutiger Sicht waren wir auch etwas umherirrend, noch auf der Suche“, denkt Gunther rückblickend. Heute sei der Protest anders. „Die Klimakrise ist weltumspannend. Wir stehen am Kipppunkt zur Katastrophe. Heute wollen wir die ganze Welt retten. Das ist ein wahnsinniger Anspruch“, reflektiert er mit einem Augenzwinkern.

Der Künstler unterstützt Forderungen nach Klimaneutralität und einem nachhaltigen und bewussten Umgang des Menschen mit der Natur. „Konkret wünsche ich mir einen sofortigen Ausstieg aus dem Kohleabbau, Reduzierung des Verkehrs und des Ausstoßes von CO₂“, fasst er zusammen. „Klimagerechtigkeit, ökologische Landwirtschaft, Artenschutz und eine stärkere Beteiligung der Gesellschaft an demokratischen Prozessen sind in meinen Augen wichtige Ziele.“

Klima-Protest in Bremen: Ältere Akteure wollen auf die Dringlichkeit eines Umdenkens aufmerksam machen

Seine Kunst nimmt viel Raum in seinem Leben ein, seit 45 Jahren ist er als Bildhauer und Zeichner aktiv. Mit der Kunstgruppe „Climart“ bringt er diese mit dem Protest in Einklang. Die Gruppe will mit Kunst-Aktionen im öffentlichen Raum auf die Dringlichkeit eines Umdenkens aufmerksam machen. Um den drohenden Anstieg des Meeresspiegels durch das Abschmelzen der Polkappen aufzuzeigen, haben die Aktivisten einen riesigen Wasserstandsanzeiger als Symbol für zukünftige Aktionen gebaut.

Berechnungen von Forschern der gemeinnützigen Agentur Climate Central im US-amerikanischen Princeton legen nahe, dass der durch den Klimawandel bedingte Meeresanstieg mehr Küsten gefährden wird als bislang angenommen. Bei weiterhin hohen Emissionen könnten mehrere Millionen Menschen schon ab 2050 von jährlichen Überflutungen bedroht sein. Bremen, Hamburg und Ostfriesland gelten unter anderen als gefährdet. In Gunthers Augen braucht es einen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel, um das Problem anzugehen: „Wenn kein Umdenken stattfindet, nützt uns auch das Elektroauto nichts“, meint er.

Ich bin keiner, der Steine wirft. Aber einen gewaltfreien Widerstand finde ich bis zu einem gewissen Grad sinnvoll. Die eigene Unversehrtheit und die der anderen steht dennoch an erster Stelle.

Gunther Gerlach, Künstler

In seinem Wohnort Bremen engagiert sich Gunther bei Aktionen des BUND, Fridays for Future oder Demos gegen Rechts. Durch die Corona-Pandemie geht er momentan nur unter entsprechenden Auflagen auf die Straße. Er bedauert, dass der Protest nicht in seiner gewohnten Form und Tragweite stattfinden kann.

Der 68-Jährige war in der Vergangenheit auch bei einigen Aktionen von Extinction Rebellion (XR) beteiligt. Extinction Rebellion, auf Deutsch etwa „Rebellion gegen das Aussterben“, gilt als die radikale Schwester von Fridays for Future. Die Initiatoren rufen zu gewaltfreiem zivilen Ungehorsam auf. Festnahmen waren bei den Londoner Brückenblockaden 2018 Teil des Konzepts und durchaus erwünscht.

Klima-Bewegung Extinction Rebellion: Älteres Ehepaar engagiert sich mit Protesten gegen Klimawandel

In welchem Umfang sich Gunther einsetzt, sei situationsabhängig: „Ich bin keiner, der Steine wirft. Aber einen gewaltfreien Widerstand finde ich bis zu einem gewissen Grad sinnvoll. Die eigene Unversehrtheit und die der anderen steht dennoch an erster Stelle.“ Er würde aber das ein oder andere Risiko eingehen, etwa bei Platzbesetzungen: „Am Ende bin ich aber ein Schisser, wie jeder andere auch“, gibt er zu.

XR-Mitbegründer Roger Hallam löste im vergangenen Jahr massive Kritik aus, indem er den Holocaust mit der Klimakatastrophe verglich. „Roger Hallam hat der Bewegung einen Tritt versetzt“, meint Gunther und distanziert sich klar von dessen Aussagen. Immer wieder betont er, dass er nicht an eine bestimmte Gruppierung gebunden ist.

Mitglieder der Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion.
Mitglieder der Umweltschutzbewegung Extinction Rebellion. © Jonathan Brady/ dpa

„An der Bewegung hat mir seinerzeit gefallen, dass ziviler Ungehorsam und gehaltloser Widerstand im Mittelpunkt standen. Trotzdem finde ich nicht alle Aktionen gut und beteilige mich auch nur an denen, die ich sinnvoll finde“, sagt Gunther. Sein Fokus liege darin, etwas mit seinen kulturellen und künstlerischen Fähigkeiten zu bewegen. „Ein Blick auf das Positive und eine lösungsorientierte Einstellung ist mir dabei besonders wichtig“, sagt der 68-Jährige.

Sein Engagement gibt ihm viel, meint er. „Ich lerne Menschen kennen, die mit ehrlichem Willen dabei sind. Alle gehen respektvoll und nett miteinander um.“ Zwischen dem Aktivismus in jungen und älteren Jahren sieht er keinen gravierenden Unterschied. „Die jungen Leute sind medial besser aufgestellt, sie bevorzugen soziale Medien für die Kommunikation. Sind vielleicht auch in manchen Hinsichten radikaler oder mutiger. Wir älteren Aktivisten schätzen hingegen Verbindlichkeit, während die jüngeren zum Teil sprunghafter sind.“ Aber die Ziele seien gleich. Und darauf komme es letztlich an.

Wir stören so lange, bis etwas passiert.

Kristina Schumacher, Aktivistin und Rentnerin

Sie liegen einfach da, auf dem Marktplatz in der Bremer Innenstadt, vor der Bürgerschaft. Passanten halten an, manche sind verwirrt. Um auf die Klimakrise und das Artensterben aufmerksam zu machen, haben sich mehr als 200 Menschen mit Grableuchten auf den Boden gelegt. Darunter das Ehepaar Kristina und Hans Schumacher.

Für ihren Protest lassen sich die Aktivisten von Extinction Rebellion (XR) oft ungewöhnliche Aktionen einfallen: Die sogenannten „die-ins“ sind eine Art Flashmob, bei dem die Teilnehmer minutenlang regungslos auf dem Boden liegen, als ob sie tot wären. So wie die Tierarten, die durch den Klimawandel weltweit ausgestorben sind oder Menschen, die wegen der Klimakrise zuerst ihre Heimat und dann das Leben auf der Flucht verloren haben.

Der Klima-Protest in Deutschland zieht sich durch alle Altersgruppen.
Der Klima-Protest in Deutschland zieht sich durch alle Altersgruppen. © Robert Michael/ dpa

Eine etablierte Protestform von Extinction Rebellion sind auch sogenannte „Swarmings“. Über einen gewissen Zeitraum wird eine Verkehrsstraße immer wieder durch die handelnden Personen versperrt. Diese überqueren bei Grün die Straße und blockieren diese über die Ampelzeit hinaus für die Menschen in den Autos. Wie in Berlin, wo auch Hans beteiligt war. Dort besetzten die engagierten Menschen mehrere Brücken und behinderten den Verkehr.

Auch stören XR-Aktivist*innen bei Veranstaltungen der Politik, wie der Eiswette in Bremen. Bei der traditionellen Eiswette geht es darum, ob die Weser als Lebensader der Hafenstadt am Dreikönigstag zugefroren ist oder nicht – ob sie „steiht“ oder „geiht“, wie es auf Plattdeutsch heißt. Am Rande der Veranstaltung forderte die Gruppe mehr Einsatz gegen den Klimawandel.

Klima-Protest: Wenn stören alleine nicht reicht

Aufmerksamkeit erregen, das ist das Ziel. „Wir stören so lange, bis etwas passiert“, sagt Kristina Schumacher. Beide sind 67 und gingen schon in jungen Jahren auf die Straße, um zu protestieren. „Für die Themen, die gerade für unser persönliches Leben wichtig waren“, sagt Kristina.

Als sie einen Film über die Bewegung sah, sei ihr erst klar geworden, „wie spät es schon ist“. Seit sich die XR-Regionalgruppe in Bremen gründete, sind die beiden dabei. Mittlerweile fast zwei Jahre. „Bis zu den ersten Kontaktbeschränkungen und Demo-Verboten waren wir sehr aktiv. Ich habe Aktionen organisiert und angemeldet“, sagt Hans Schumacher, er ist ehemaliger Altenpfleger. Hans tritt als Polizeikontakt auf Demos auf, er habe dafür auch ein Konfliktbewältigungs-Training gemacht. Während er den Kommunikationspart übernimmt, engagiert sich seine Frau in einer Regenerationsgruppe der Bewegung. „Es geht darum, Ängste zu schildern, Leute aufzufangen, die bei Protestaktionen einschneidende Erfahrungen machen und gemeinsam zu reflektieren“, erklärt Kristina.

Doch Stören allein reicht den beiden nicht. In ihrem Stadtteil Sebaldsbrück haben sie sich für eine Teilnutzung der Pferderennbahn starkgemacht und dort ein Biotop angelegt. „Mit kleinen Aktionen etwas Positives schaffen, das ist unser Ziel“, sagt Hans. Wenig Plastik, Müllvermeidung, kein Auto, regionale Lebensmittel: Die beiden versuchen, ein nachhaltiges Leben zu führen.

Im Vergleich zu jungen politisch aktiven Menschen hätten sie in ihrem Alter einen Vorteil: „Wir hatten schon viele Frustrationserlebnisse und wissen, wie es ist, von der Politik ausgebremst zu werden“, sagt Kristina. Doch die Leichtigkeit der jungen Menschen brauche es, um den Protest voranzubringen. „Es ist toll, junge Leute dabei zu haben, die tanzen und musizieren“, sagt die 67- Jährige.

In ihrem Umfeld seien sie mit ihrem Aktivismus tendenziell die Exoten. „Unser Engagement wird zwar positiv betrachtet, aber bisher hat sich uns niemand angeschlossen“, sagt die pensionierte Lehrerin. Die beiden sehen sich als Mitverursachende der prekären Klima-Situation und damit auch eine Verantwortung, zu handeln. „Wir sind dankbar, dass wir unseren Teil beitragen können und nicht nur unsere Rente auf dem Sofa genießen.“ *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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