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Katholische Kirche: Schicksale von Kurkindern von 1970 bis 1990 offengelegt

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Von: Andree Wächter

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Vom Saulus zum Paulus: Diesen biblischen Wandel haben Heime gemacht. Früher Orte für Kinderkuren, heute Mutter-Kind-Kurklinik mit Fachpersonal.

Thuine - Die katholische Kirche in Deutschland wird gerade – man kann schon fast sagen täglich – mit ihrer jüngsten Vergangenheit konfrontiert. Die Missbrauchsgutachten bringen immer neue Details ans Licht. Selbst Papst Benedikt XVI. musste sich erklären. Dann lief in der ARD eine Dokumentation über Männer und Frauen, die nicht dem sexuellen Weltbild der katholischen Kirche entsprechen. Und nun geht es um mögliches Fehlverhalten von Betreuern des Franziskaner-Ordens bei den Kinderkuren.

Ordenskürzel Thuiner FranziskanerinnenFSMG
Gründung1869
Mitgliederüber 1300
AufgabenschwerpunktBildung- und Sozialwesen

Thuiner Franziskanerinnen legen Dokumentation über Kurkinder vor

Es geht um Übergriffe, harte Bestrafungen wegen Nichtigkeiten, Misshandlungen, zum Teil auch um sexualisierte Gewalt: Über die Internetplattform Netzwerk B haben Teilnehmer an Kinderkuren zwischen 1970 und 1990 ihre negativen Erfahrungen geschildert. Dabei wurden auch Vorwürfe gegen drei Heime laut, die vom Orden der Thuiner Franziskanerinnen in Timmendorfer Strand-Niendorf und auf Borkum betrieben werden. Dazu hat der Orden nun eine Dokumentation vorgelegt. Diese ist öffentlich und kann über deren Homepage eingesehen werden.

Eine ähnliche Studie legte das nordrhein-westfälische Sozial- und Gesundheitsministerium vor.

„Wir halten die Schilderungen der früheren Kinder für wahr“, sagte die Generaloberin des Ordens, Schwester Maria Cordis Reiker. Die Autorin der Dokumentation ist Christine Möller, Leiterin der Diözesanbibliothek des Bistums Osnabrück. Sie sprach auch mit Ordensschwestern, die in dem dokumentierten Zeitraum in den Kinderkurheimen tätig waren. Eine ist inzwischen gestorben.

„Graue Wolken“ ziehen über den Thuiner Franziskanerinnen-Orden. Ein Bericht legt offen, was bei den Kinderkuren alles passiert sein soll.
„Graue Wolken“ ziehen über den Thuiner Franziskanerinnen-Orden. Ein Bericht legt offen, was bei den Kinderkuren alles passiert sein soll. © Friso Gentsch/dpa/Archivbild

Ein Blick auf die geführten Interviews macht eines klar: Die Erlebnisse verfolgen die Betroffen bis heute. Eines der Kurkinder war Marco B.. Er erzählt, dass die Kinder mittags zum Schlafen gezwungen wurden und dass er selbst endlos lange über eine Schüssel gebeugt inhalieren musste. Das fand er merkwürdig, denn er sei nicht krank gewesen oder aufgrund seiner körperlichen Konstitution in die Kinderkur geschickt worden. (…)

Als Folge seiner Erlebnisse in der Kinderkur berichtet Marco B., dass er Ausbildungen abgebrochen und seine Arbeitsstelle immer dann gewechselt oder verloren habe, wenn seine Vorgesetzten Arbeitsvorgänge „erzwingen“ wollten.

Schwestern berichten von Überforderung bei Kinderkuren

Die Schwestern berichteten von einer Dauer-Überforderung angesichts der großen Gruppen von 25 Kindern. Von möglichen sexuellen oder erzieherischen Misshandlungen hätten die Schwestern ihren eigenen Angaben zufolge nichts bemerkt. Allerdings habe bisweilen ein rauer Ton geherrscht. Den Vorwurf, Kinder gezwungen zu haben, ihr eigenes Erbrochenes zu essen, habe eine Schwester von sich gewiesen. Es gebe auch frühere Kurkinder, die eine positive Erinnerung an den Aufenthalt gehabt hätten, sagte die Generaloberin.

Ein Urteil darüber, welche Darstellung richtig oder falsch sei, könne es heute nicht mehr geben, sagte Schwester Maria Cordis. „Wir wollen den Kindern eine Stimme geben, damit sie nach langer Zeit gehört werde.“ Die Schwestern wollten diese Erfahrungen ernst nehmen. Die Schwestern des Ordens seien bestürzt über die Vorwürfe gewesen.

2010 hatte der Orden zunächst eine Schwester beauftragt, intern in den Fällen zu recherchieren und mit den beschuldigten Schwestern und den Betroffenen zu sprechen. Da nach zehnjähriger Aufbewahrungsfrist Akten und andere Unterlagen vernichtet waren, wurden die Nachforschungen eingestellt. Dieser Aufklärungsversuch sei aus heutiger Sicht nicht ausreichend gewesen, sagte Schwester Maria Cordis.

Aus Kurkinderheimen wurden Institutionen für Mutter-Kind-Kuren

Die Einrichtungen hätten sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend geändert, sagte Schwester Maria Cordis. Heute seien es keine Kurkinderheime mehr, sondern Institutionen für Mutter-Kind-Kuren. Das Leitungspersonal habe Sozialpädagogik studiert, Fortbildungen seien vorgeschrieben. In den Häusern seien auch Psychologen fest angestellt und damit entspreche die Ausbildung den heutigen Standards.

Einem früheren Erzieher in den Kinderkurheimen St. Antonius und St. Johann in Timmendorfer Strand wurde von einem früheren Kurkind der Vorwurf sexualisierter Gewalt gemacht. Sie habe daher bei der Staatsanwaltschaft Lübeck Anzeige erstattet, sagte die Generaloberin. Das Verfahren sei aber eingestellt worden.

Sie wünsche sich, dass frühere Kurkinder, die ihre Geschichte erzählen wollen, sich melden, sagte Schwester Maria Cordis. Die heutigen Mutter-Kind-Kurkliniken in Timmendorfer Strand-Niendorf und auf Borkum seien offen für frühere Kurkinder. Es sei möglich, sich die Einrichtungen anzusehen und mit den jetzigen Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen. Auch die Psychologinnen der Einrichtungen seien zu Gesprächen bereit. (Mit Material der dpa)  * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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