90 Prozent der Patienten ungeimpft

„Fassungslos, verzweifelt und manchmal auch wütend“ – Wir kämpfen um jeden Corona-Patienten

Rund 90 Prozent der Corona-Patienten auf der Intensivstation der Uniklinik Göttingen sind ungeimpft. Pfleger sind fassungslos und fordern mehr Geld.

Göttingen – Die Intensivbetten in den Kliniken füllen sich. Der Personalschlüssel der Uniklinik Göttingen sieht vor, dass sich jede Pflegekraft um 1,5 Patienten kümmert. Mit dem vorhandenen Personal ist es nicht möglich, diese Vorgabe umzusetzen. Einen Mangel an Pflegern gibt es nicht erst seit Corona. Viele Fachkräfte suchen sich neue Jobs in anderen Branchen. Die, die noch da sind, sind manchmal wütend und fassungslos.

Gründung Uniklinik Göttingen1732
Mitarbeiterca. 9000 (inkl. Tochtergesellschaften)
Betten1520 (2016)
FachgebieteNeurowissenschaften, Herz-Kreislauf-Medizin, Onkologie

Wenn ein Patient stirbt, setzt sich Lenard Bornemann zu ihm und hält ihm ein letztes Mal die Hand. Egal wie stressig es gerade ist – niemand der Corona-Patienten soll alleine sterben. Besucher sind im Corona-Bereich der Intensivstation verboten. Wenn es vorbei ist, geht der 24-Jährige gewöhnlich vor die Tür und raucht eine Zigarette. „Es ist auch schon mal vorgekommen, dass Ärztinnen und Pfleger zusammen geweint haben“, sagt er. Seit drei Jahren arbeitet er auf der Intensivstation der Universitätsmedizin Göttingen.

Eigentlich möge er seinen Beruf immer noch gerne. Doch seit dem Beginn der Corona-Pandemie gebe es immer weniger Erfolgserlebnisse. Und zu viele Tote. „Man gibt alles, versucht alles und egal, was man sich vornimmt, es bringt meistens nichts. Ich möchte, dass das aufhört“, sagt Bornemann. Ein Weg dorthin könnte die Warnstufe 3 sein, die bald in Niedersachsen gelten soll.

Uniklinik Göttingen: 16 Intensivbetten von Corona-Patienten belegt

Auf der Intensivstation in Göttingen waren Mitte Dezember 16 der 22 Intensivbetten von Corona-Patienten belegt. Vier von ihnen seien nicht mehr infektiös. Nach Angaben eines Sprechers können sich die Belegungszahlen täglich ändern. Laut Personalschlüssel betreut eine Pflegekraft normalerweise 1,5 Patienten. Aufgrund des erheblichen Personalmangels sei das oft nicht möglich, sagt die stellvertretende Leiterin der Station, die ihren Namen nicht online lesen möchte.

Aktuell komme es häufiger vor, dass man sich um mindestens zwei Corona-Patienten kümmere. „Man müsste eigentlich viel mehr Erholungspausen haben und dürfte nicht zu viele Patienten in einer Schicht betreuen“, sagt die 39-Jährige.

Die Behandlung der schwerkranken Menschen mit Covid ist besonders aufwendig. Beatmung, Kreislauf und Blutdruck müssen engmaschig überwacht werden. Sie benötigen Medikamente zur Symptomlinderung, zur Fiebersenkung, zur Kreislaufstabilisierung, zur Schmerzlinderung, gegen Blutgerinnung oder zur Entspannung der Muskeln.

Fachbegriffe einfach erklärt

Intubiert/Intubation: Als Intubation bezeichnet man das Einführen eines Schlauches in die Luftröhre, über den ein Patient künstlich beatmet wird.

Ecmo-Patient: Extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) heißt, dass der Gasaustausch der Lungen auf eine Maschine verlagert wird. Die Maschine entzieht dem Blut CO₂ und führt O₂ zu.

Intensivstation: Abteilung für Patienten mit schweren bis lebensbedrohlichen Krankheiten oder Verletzungen.

Impfdurchbruch: Als Impfdurchbruch definiert das Robert Koch-Institut eine SARS-CoV-2-Infektion (mit klinischer Symptomatik), die bei einer vollständig geimpften Person diagnostiziert wurde.

Für Intubierte und Ecmo-Patienten, die durch eine externe Herz-Lungen-Maschine beatmet werden, liege die Sterblichkeitsrate in Göttingen bei etwa 50 Prozent, sagt die 39-jährige Pflegerin. Wer einen schweren Verlauf überlebt, muss oft viele Dinge wieder neu erlernen und leidet häufig an massiven Folgeschäden. „Viele dieser Patienten haben den Großteil ihres Lebens vermutlich hinter sich“, schätzt Bornemann.

Etwa 90 Prozent der Covid-Patienten, die derzeit auf der Intensivstation um ihr Leben kämpfen, sind nach Angaben der Uniklinik ungeimpft. Bettina Scharff (53), Kollegin von Bornemann und seit 30 Jahren Intensivpflegerin, macht das „fassungslos, verzweifelt und manchmal auf wütend“. Als die Impfung da war und in diesen Sommer zum ersten Mal kein Corona-Patient auf ihrer Station lag, habe sie Glückstränen geweint. Jetzt sei die Situation so dramatisch wie nie zuvor. Sie wisse nicht mehr, worauf sie ihre Hoffnung noch bauen sollte.

Gelegentlich gebe es ungeimpfte Patienten, die sich gegen ihre Therapie wehrten und die Erkrankung herunterspielten, sie als Schnupfen abtäten, erzählt Scharff. Sie sei froh, dass sie mit diesen Patienten keine Unterhaltung führen müsse. Wie fast alle Corona-Patienten seien sie bereits intubiert, wenn sie auf der Intensivstation ankommen und könnten deswegen nicht mehr sprechen.

Während Corona hat sich die Lage in den Kliniken auch für die Pfleger deutlich verschärft. (Symbolbild)

Bornemann fällt es zunehmend schwer, für diese Menschen Mitgefühl aufzubringen. Weil er Angst hat, dass dieses Gefühl Überhand gewinnt, möchte er mittlerweile nicht mehr wissen, ob ein Patient geimpft ist oder nicht. „Wir kämpfen natürlich für diese Patienten, auch wenn die Impfgegner sind. Das ist mein Job, ich möchte, dass dieser Mensch überlebt“, sagt der Gesundheits- und Krankenpfleger. Und doch würde es das Leben von ihm und seinen Kolleginnen sehr viel einfacher machen, wenn sich auch die Unschlüssigen impfen ließen, beispielsweise mit Novavax.

Frust, Müdigkeit und Erschöpfung veranlassen derzeit viele Pflegekräfte dazu, ihren Job zu verlassen. Eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts hat ergeben, dass bundesweit 72 Prozent der befragten Krankenhäuser weniger Intensivpflege-Personal zur Verfügung haben als noch Ende 2020.

Wegen Corona 3000 Beatmungsbetten weniger

Laut der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) stehen deswegen in der vierten Corona-Welle 3000 Beatmungsbetten weniger zur Verfügung als vor einem Jahr. In Niedersachsen ist die personelle Situation nach Angaben eines Sprechers der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft in nahezu allen Kliniken sehr angespannt. Auch an der Universitätsmedizin Göttingen verlassen in diesem Winter mehrere Fachkräfte die Intensivstation.

Warum sie trotz allem noch da sind, können Scharff, Bornemann und ihre 39-jährige Kollegin nur schwer beantworten. Die Unterstützung im Team und das persönliche Umfeld helfen dabei, nicht den Mut zu verlieren, sagen alle drei. Für Entspannung sorge zum Beispiel der lange Spaziergang mit dem Hund oder das Ausgehen mit Freunden.

Lenard Bornemann ist Intensivpfleger an der Uni Klinik Göttingen.

Damit sie wieder mehr Freude an ihrem Beruf haben, fordern sie bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personal und mehr Lohn. Für Bornemann ist klar: „Ich bin keine Ordensschwester, die irgendeinem Glauben folgt und aus Nächstenliebe arbeitet. Ich mache das, weil das mein Beruf ist, und ich möchte, dass dieser Beruf vernünftig bezahlt wird.“ Ob die geplante Bonuszahlung für Arbeitnehmer ausreicht, um den Job attraktiver zu machen, ist unklar. (Mit dpa-Material) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: ©  Danny Gohlke/dpa

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