Risiko Feiertags-Besuch

Sinnvoll, aber belastend: Die Teststrategie für Pflegeeinrichtungen im Kampf gegen Corona

Mit der neuen Corona-Verordnung gibt es auch eine neue Teststrategie, um Infektionen in Alten- und Pflegeeinrichtungen in den Griff zu bekommen. Diese bringt das Personal jedoch an die Belastungsgrenze.

  • Pflegeeinrichtungen geraten mit neuer Teststrategie an personelle Grenzen.
  • Dringender Appell an Angehörige, den Feiertags-Besuch im Pflegeheim genau abzuwägen.
  • Viele der Mitarbeitenden würden an Weihnachten keinen Tag frei haben aus Solidarität mit den zu Pflegenden.

Hannover - Die niedersächsische Landesregierung will mit einer neuen Teststrategie das Infektionsgeschehen in Alten- und Pflegeeinrichtungen in den Griff bekommen. Diese Strategie sieht mehr Schnelltests vor. Die Einrichtungen selbst stehen damit vor einer zusätzlichen personellen Belastung. „Mittlerweile arbeiten die Pflegekräfte über der Belastungsgrenze“, sagte der Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen, Hans-Joachim Lenke. Während viele der Betreiber von Altenheimen die neue Teststrategie unterstützen, bleibt dennoch die Frage, wie das überlastete Personal die Zusatzaufgabe bewältigen soll. Beim Blick auf die Festtage wird ihnen besonders bange.

Bundesland:Niedersachsen
Landeshauptstadt:Hannover
Einwohnerzahl:7.993.608 (31. Dezember 2019)
Regierungschef:Ministerpräsident Stephan Weil (SPD)

Mit der neuen Corona-Verordnung des Landes gilt nun eine Testpflicht für Personal und Besucher von Alten- und Pflegeeinrichtungen. Beschäftige müssen demnach an zwei Tagen der Woche einen Antigen-Schnelltest auf das Coronavirus machen. Besucher brauchen ein negatives Testergebnis, wenn die Einrichtung in einer Region mit einem Sieben-Tage-Inzidenzwert über 50 liegt.

Das Testen der Besucher sei eine zusätzliche Herausforderung, sagt Lenke. „Wir werden uns bemühen, diese Aufgabe auch noch zu bewältigen, denn wir wollen es den Bewohnerinnen und Bewohnern ermöglichen, wo es möglich ist, an den Festtagen Besuche zu bekommen“. Testmaterial werde inzwischen geliefert, es könne aber vereinzelt noch Lieferengpässe geben.

Viele Betreiber von Altenheimen unterstützen die neue Teststrategie des Landes, fragen sich jedoch, wie das überlastete Personal die Zusatzaufgabe bewältigen soll.

Auch Lars Wöhler, der ein Pflegeheim in Burgwedel bei Hannover leitet, spricht von „sinnvollen Maßnahmen“, aber einer „personellen Herausforderung“. Bei 140 Beschäftigen seien es 280 Tests pro Woche nur für das Personal. „Viele Kollegen stoßen an ihre Grenzen“, sagte Wöhler. An den ersten beiden Tagen seien in seiner Einrichtung im Schnitt 200 Tests gemacht worden.

Viele Mitarbeitende arbeiten aus Solidarität mit den zu Pflegenden auch über die Feiertage

Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) bezeichnete die Pflegeeinrichtungen durch zusätzliche Testvorgaben als überlastet und forderte jüngst angepasste Besuchsregelungen. Die ausgeweiteten Pflichten könnten ohne fremde Unterstützung absolut nicht geleistet werden. „Wir erwarten an Weihnachten einen Riesenansturm und Schlangen für die Tests“, sagte Wöhler, der auch im Landesvorstand des bpa sitzt. Auch Lenke hat insbesonderes für die bevorstehenden Festtage das Personal im Blick. Viele der Mitarbeitenden würden an Weihnachten keinen Tag frei haben. Dies sei der Solidarität mit den zu Pflegenden zu verdanken und verdiene hohen Respekt.

Mit Schnelltests soll das Infektionsgeschehen in Alten- und Pflegeeinrichtungen in den Griff bekommen werden, gleichzeitig bringt das die Pflegekräfte aber an die Belastungsgrenze.

Während das Personal an Belastungsgrenzen stößt sollen Pfleger, Bewohner und Besucher nach Meinung der FDP am liebsten täglich getestet werden, wie FDP-Sozialpolitikerin Susanne Schütz sagte. Auch CDU-Chef Bernd Althusmann geht die neue Regelung nicht weit genug, während Sozialministerin Carola Reimann (SPD) die Forderung zurückwies. Ihr zufolge ermöglicht die Teststrategie der neuen Verordnung einen „hohen und dabei verhältnismäßigen Grad an Schutz“.

Pflegeheim-Betreiber in NRW appellieren an Angehörige den Feiertags-Besuch genau abzuwägen

In Nordrhein-Westfalen sind die Schnelltests in der geltenden Corona-Schutzverordnung für Besucher lediglich empfohlen. Aus diesem Grund haben Betreiber von Pflegeheimen nun an Angehörige appelliert, genau abzuwägen, ob sie Angehörige über die Feiertage besuchen. Gibt es in Pflegeheimen einen Coronavirus-Ausbruch, bedeutet das oft viele Tote. Heimleitungen und Träger blicken daher vor den Festtagen mit Sorge auf die anhaltend hohen Infektionszahlen. „Es besteht einfach die Angst, dass Angehörige oder Mitarbeiter das Virus verbreiten - ausgerechnet unter der vulnerablen Gruppe“, sagte Sebastian Riebandt, Fachreferent stationäre Pflege beim Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW.

Seit Oktober sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums knapp 1300 Bewohner in nordrhein-westfälischen Pflegeheimen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben. „Ich werde die Besuchsmöglichkeiten in den Heimen durchsetzen“, sagte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) zuletzt. Um dies zu ermöglichen, werde werde den Heimen über die Weihnachtsfeiertage mit Personal geholfen. Auch für Schnelltests würden daher zusätzlich Sanitäter zur Verfügung stehen.

Träger und Heimbetreiber sehen diese Zusage skeptisch. So fordern viele Träger seit Wochen mehr Personal, um Schnelltests flächendeckend einsetzen zu können. „Würden wir mit unseren jetzigen Ressourcen jeden Bewohner, Mitarbeiter und Besucher über die Feiertage testen, ginge das nur zu Lasten der Versorgung“, sagte Roland Weigel, Sprecher der Ruhrgebietskonferenz Pflege, einer Interessenvertretung mehrerer Heime im Revier. Die Situation ist also ähnlich wie in Niedersachsen, das Personal steht vor Belastungsgrenzen. Weigel appelliert daher an Angehörige: „Reduziert die Kontakte so gut es geht und macht euch lieber Gedanken über das Weihnachtsgeschenk. Mit einem Tablet könnte die Großmutter dann bei der Bescherung dazu geschaltet werden.“ Auch ohne einen Besuch ist es möglich, Bewohnern im Pflegeheim eine Freude zu machen.

Paritätischer Wohlfahrtsverband: Besuchsgarantien durch Minister seien „nahezu unverschämt“

„Wir versuchen mit allen Mitteln, das Risiko zu minimieren ohne die Pflegebedürftigen zu isolieren“, sagt Riebandt vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Aber das sei immer auch ein Spagat. Auch er berichtet über positive Erfahrung mit den Antigentests. Das tägliche Testen jedes Besuchers sei für meisten Einrichtungen schlicht nicht möglich. Dafür fehle das Personal, sagt er. „Je mehr Fälle wir in den Einrichtungen haben, desto knapper sind die Ressourcen“, beschreibt er das Dilemma. „Vor dem Hintergrund ist es nahezu unverschämt, wenn der Minister mit dem bloßen Verweis auf Schnelltest-Möglichkeiten Besuchsgarantien ausspricht.“

Die Risiken sollen reduziert werden, ohne die Pflegebedürftigen dabei zu isolieren,heißt es vom Paritätischen Wohlfahrtsverband in NRW.

„Wer seine Angehörigen schützen will, der sollte erst gar nicht auf die Idee kommen, sie über Weihnachten nach Hause zu holen“, sagte bpa-Präsident Bernd Meurer. Um sich vorzustellen, was passiert, wenn auch nur eine Person nach den Festtagen infiziert zurückkehrt, bräuchte man nicht allzu viel Fantasie, sagte er und verweist auf die Dutzenden Toten in manchen Einrichtungen. Er rät, sich früh mit der Heimleitung in Verbindung zu setzen, Besuchs- und Schnelltesttermine zu vereinbaren.

Interessenvertreter der Pflegebedürftigen unterstreichen, wie wichtig das Besuchsrecht sei: „Besuche müssen stattfinden - aber eben unter den nötigen Vorkehrungen. Das braucht Planung und Abstimmung“, sagte David Kröll, Sprecher vom BIVA Pflegeschutzbund. Vor den Feiertagen nimmt auch das Interesse an Corona-Tests zu. In Hamburg kann man sich seit vergangener Woche an einem weiteren Standort testen lassen. Mit Material der dpa.

Rubriklistenbild: © Frank Molter / picture alliance / dpa

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