Um ihn drehte sich der Stuttgart-21-Streit

Vom Aussterben bedrohter Juchtenkäfer erschwert Deichneubau

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Deichhauptmann Willi Fabel steht an einer Eiche. Um sie und ihre Bewohner - Juchtenkäfer und Heldbock - zu schützen, könnten Spundwände für 500.000 Euro errichtet werden.

Jasebeck - Es duftet intensiv nach Pfirsich, wenn der Eremit versucht, Weibchen anzulocken. Spätestens seit Stuttgart 21 treibt diese Duftspur des seltenen Käfers den Planern Angstschweiß auf die Stirn: Der Eremit, auch Juchtenkäfer genannt, gehört zu den vom Aussterben bedrohten Arten. Er kann ganze Baustellen zum Erliegen bringen.

Über ein Jahr dauerte es, bis in Stuttgart die Motorsägen an die Brutbäume der streng geschützten Käfer angesetzt werden durften.

Baumriesen müssten dringend notwendigen Deich-Neubau weichen

Dieses Schicksal soll zwei mächtigen alten Eichen im niedersächsischen Wendland erspart bleiben. Sie prägen das Elbholz bei Jasebeck, wo sich eine der letzten natürlichen Auenlandschaften entlang des Stromes befindet. 

Die Baumriesen müssten eigentlich dem dringend benötigten Neubau des Elbdeiches weichen, da sie viel zu dicht am Deich stehen. Die Deiche müssen um mindestens 70 Zentimeter erhöht werden, denn beim Elbhochwasser vor vier Jahren standen die Fluten bis zur Deichkrone. 

Durch solche Löcher gelangen Juchtenkäfer und Heldbock in die Bäume.

Doch auch hier an der Elbe residiert der Juchtenkäfer, ausgerechnet in einer Art Wohngemeinschaft mit dem nicht minder seltenen Heldbock, auch als Großer Eichenbock bekannt. Beide Käfer lieben alte solitäre Bäume, die nicht mehr ganz gesund sind, aber noch aufrecht stehen. 

Kritiker: Bäume hätten schon in den 70ern gefällt werden müssen

Um dem Lebensglück dieser extrem seltenen Käfer nicht im Weg zu stehen, haben sich die Deichplaner vom Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz zu einem besonderen Schritt entschlossen. Sie müssen den Naturschutz gewährleisten und wollen den Käfern und ihren beiden Lieblingseichen deshalb eine persönliche Spundwand spendieren - Kosten: 500.000 Euro. 

Vor Ort an der Elbe stößt diese Idee bei vielen Menschen auf Unverständnis. "In den 1970er-Jahren, als der Deich gebaut wurde, hätten die Eichen eigentlich gefällt werden müssen", meint der Deichhauptmann des Dannenberger Deich- und Wasserverbandes, Willi Fabel. 

Peter Hildebrandt, der Geschäftsführer des Deichverbandes, kann nicht verstehen, warum der Käferschutz wichtiger sein soll als die Sicherheit von Deichen. Doch schon beim Bau des Deiches vor rund 40 Jahren hätten die Planer ihr Herz für die prächtigen Eichen entdeckt und sie stehen lassen - deswegen hätten sie den Deich viel zu steil gebaut. 

Eichen seien ohnehin schon im Absterben begriffen

Angesichts der stetig steigenden Pegelstände sei das nicht mehr zu verantworten, sagt Willi Fabel. Er plädiert für die Kettensäge. "Man könnte ja die Bäume, die eh schon im Absterben begriffen sind, anderswo aufrecht stellen, damit die Käfer bleiben", schlägt er vor. 

Deichhauptmann Willi Fabel steht an einer Eiche. Um sie und ihre Bewohner - Juchtenkäfer und Heldbock - zu schützen, könnten Spundwände für 500.000 Euro errichtet werden.

Doch würden die seltenen Insekten das überleben? Franz Höchtl ist da skeptisch. Der stellvertretende Leiter des Naturschutzgebietes "Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue" sagt: "Wir müssen uns entscheiden: Was sind uns Arten wert?" Sowohl der Eremit als auch der Heldbock seien durch die strenge Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie geschützt. Diese Naturschutz-Richtlinie der Europäischen Union hat das Ziel, wildlebende Arten und deren Lebensräume zu sichern. 

Die Länder seien verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen, um die Käfer nicht zu beeinträchtigen, erläutert Höchtl: "Man kann diese uralten Eichen nicht einfach fällen und woanders hinlegen. Diese Lebensraumbäume sind mehrere Hundert Jahre alt." 

Käfer leben vom sich zersetzenden Stamm

Franz Höchtl, stellvertretender Leiter der Biosphärenreservates in Hitzacker

Genau diesen Lebensraum braucht der Eremit. In dem sich langsam zersetzenden Stamm sammelt sich Mulm an, in den abgestorbenen Baumbereichen verbringt der Käfer sein ganzes Leben. Lebende stehende Bäume bieten Feuchtigkeit. "Wenn man die Bäume absägt und woanders aufstellt, was denkbar wäre, geht die Feuchtigkeit verloren und die Larven sterben ab. Dann ist Schluss", sagt Naturschützer Höchtl. 

Die Spundwand sei nur eine Option. Um den Käfer optimal zu bewahren, könne man ihn auch umsiedeln. Aber das könne noch viel teurer werden, mahnt Höchtl. Noch gibt es kein Planfeststellungsverfahren für die Erneuerung des Deiches an dieser Stelle. Aber wenn es soweit ist, müssen alle Belange gehört werden - und Behörden, Planer, Wasserwirtschaft und Anwohner müssen sich einigen. "Keine einfache Kiste", sagt Franz Höchtl.

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