Islamwissenschaftler Rauf Ceylan:

Auch Muslime müssen Satire aushalten können

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Der Islamwissenschaftler Rauf Ceylan von der Universität Osnabrück (Niedersachsen).

Osnabrück - Nach dem Anschlag auf das religionskritische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ steht die Welt unter Schock. Für den Islamwissenschaftler Ceylan dürfen aber auch Religionen nicht für Satire tabu sein. Zugleich warnt er vor weiteren Konsequenzen solcher Provokationen.

Gläubige aller Religionen müssen nach Ansicht des Islamwissenschaftlers Rauf Ceylan von der Universität Osnabrück satirische Provokationen und Verunglimpfungen aushalten. „Natürlich muss man in einer freien Gesellschaft die freie Meinungsäußerung respektieren“, sagte Ceylan der Deutschen Presse-Agentur in Hannover. „Wie man persönlich mit solchen Provokationen umgeht, ist eine andere Sache. Ich finde sie auch geschmacklos“, betonte er. Aber etwas geschmacklos zu finden und es dennoch zulassen zu können, seien verschiedene Dinge. „Man muss solche Karikaturen aushalten. Man kann ja auch ganz anders reagieren: Einfach cool bleiben und die Karikaturen ignorieren.“

Gewalt und Terror, wie am Mittwoch beim Anschlag auf das religionskritische französische Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ in Paris mit zwölf Toten, seien die schlechteste Reaktionsform auf Satire. „Mit der Gewalt widerlegt man nicht, was in den Karikaturen selbst dargestellt wird“, betonte Ceylan. „Im Grunde war das gestern ein Anschlag auf den Islam selbst, wenn genau das bestätigt wird, was in den Karikaturen artikuliert und dargestellt wird.“

Religionen dürften auch für Satire nicht generell tabu sein, sehr wohl müsse eine Gesellschaft aber über Grenzen diskutieren. „Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland und Europa einen Mangel an Religionskritik haben - eher umgekehrt“, sagte Ceylan. „Inzwischen haben wir längst alles karikiert und zur Diskussion gestellt. Ich glaube, die Religion ist heute eher in der Defensive.“

Besonders perfide sei in diesem Kontext, dass die Karikaturen letztlich nur aufgrund der Empörungen Beachtung und Prominenz erhielten. „Es ist leider so, dass die Reaktionen auf die Karikaturen sehr leicht kalkulierbar sind“, sagte Ceylan. Der Zeichner wisse genau, er müsse nur auf den Knopf drücken. Die Muslime, gerade die naiven, seien dann die besten Werbeträger. „Ich glaube, ohne die Reaktionen in manchen islamisch geprägten Ländern würden solche Tabubrüche kaum registriert.“ Dies sei schon bei Salman Rushdie so gewesen. „Niemand hätte dessen satanische Verse gelesen, wenn nicht Ajatollah Khomeini gegen ihn die Fatwa ausgerufen hätte.“

In der Vergangenheit seien die heftigsten Reaktionen auf die Karikaturen immer aus Ländern außerhalb Europas gekommen. „Die Muslime hier, die mit solchen Stilmitteln aufgewachsen und mit ihnen sozialisiert sind, sind damit ganz anders umgegangen, als die in den Orten, wo es ohnehin schon Konflikte gab. In Afghanistan, in Pakistan, dort, wo sich die Muslime ohnehin schon vom Westen benachteiligt fühlen, wurden sie ganz anders interpretiert.“

Ceylan fürchtet nach dem Terroranschlag von Paris auch Konsequenzen für die Muslime in Deutschland. „Das ist wie beim Völkerball. Auf der einen Seite ist die islamkritische Pegida, auch der anderen Seite sind die radikalen Muslime“, erläuterte er. Beides seien Randgruppen, die die 4,2 Millionen Muslime Deutschland als Spielball im Feld vor sich hin- und herjagen. „Beide Randgruppen sind an Eskalationen interessiert, beide wollen die Konfliktlinien aufrechterhalten. Das eigentliche Opfer sind die 4,2 Millionen Muslime, die beiden Gruppierungen ausgeliefert sind.“

So groß das internationale Entsetzen über den Anschlag auch war, für Ceylan kam es nicht wirklich überraschend. „Es ist ziemlich naiv, wenn man in der europäischen Wohlstandsgesellschaft glaubt, dass die globalen Konflikte nur anderswo ausgetragen werden. Wir sind dort involviert, entweder militärisch, wirtschaftlich oder kulturell.“ Daher sei es eine logische Konsequenz, dass sich die Konflikte nun auch in Europa widerspiegeln würden. „Wir müssen auch in Zukunft mit Terroranschlägen rechnen. Ich glaube was gerade passiert, ist eine große Bewährungsprobe für die Demokratie. Muslime und Nicht-Muslime müssen jetzt gemeinsam Flagge zeigen.“

dpa

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