Interview zu Niedersachsens Zukunft

„Hochwasser werden häufiger auftreten“

Hannover - Mehr als 170 Teilnehmer wollen am Montag und Dienstag beim niedersächsischen Gewässerforum über Maßnahmen gegen Extremwetter beraten. Zu der Konferenz hat der Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) eingeladen.

Mit dabei sind neben Experten von Universitäten auch Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) sowie Vertreter aus vom Hochwasser im Juli betroffenen Kommunen. Was muss getan werden, damit das Land gegen Hochwasser gerüstet ist? 

Dazu äußert sich der Leiter der NLWKN-Betriebsstelle Hannover-Hildesheim, Joseph Hölscher, im dpa-Interview. Die Fragen stellt Kristina Wienand.

Joseph Hölscher, Leiter der Betriebsstelle Hannover-Hildesheim des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (LNWKN)

Wieso war das Hochwasser im Juli im Harz besonders schlimm?
Joseph Hölscher: Im Harz hatten wir tatsächlich eine besondere Situation. Einige Pegel, vor allem in den höheren Lagen, waren nicht so hoch wie beim Jahrhunderthochwasser, sondern das Ausmaß entsprach einem Ereignis, das statistisch nur alle tausend Jahre passiert. Das sind wahnsinnige Wassermassen gewesen - etwa in Bad Harzburg und Goslar. Ich habe es selbst gesehen. Da bekommt man Gänsehaut. Keine Frage. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Orte im Harz ausgebaut worden. Das Problem ist, dass die Ortslagen zwischen den Bergen beengt sind. Deshalb müssen die Häuser nah ans Wasser, anders geht es nicht. Für den Harz ein Überschwemmungsgebiet auszuweisen, ist unmöglich, weil Gebirge die Flüsse umgeben. Das Wasser fließt zudem extrem schnell. Im Harz kommt die Gefahr vor allem durch die Energie des Wassers. 

Das Hochwasser kam für Anwohner und Experten sehr überraschend. Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Hölscher: Wir müssen uns mit der Hochwasservorsorge darauf einstellen, dass solche Ereignisse in Zukunft häufiger auftreten können. Dafür sollten wir uns rüsten. Wenn Sie in einem Haus in einem gefährdeten Gebiet leben, hat eine Ölheizung dort im Keller nichts zu suchen. Die Heizungsanlage und die gesamte Energieversorgung müssen auf den Dachboden. Jeder Bürger muss sich dem Hochwasser gemäß verhalten. Außerdem sollten Bebauungspläne der Städte und Kommunen an die Hochwassergefahr angepasst werden. Was demnächst an Maßnahmen umgesetzt werden könnte, werden wir auf unserer Konferenz ausloten. 

Viele Menschen haben den Eindruck, dass es immer mehr Hochwasser in verschiedenen Regionen Niedersachsens gibt. Stimmt das?
Hölscher: Wir sehen tatsächlich ganz deutlich eine Zunahme dieser Ereignisse, also extremer Wetterereignisse und ihre Folgen, und das hat mit dem Klimawandel zu tun. Das lässt sich nicht mehr leugnen. 

Sind Sie der Meinung, dass Städte und Gemeinden nicht die richtigen Gebiete als Neubaugebiete ausgewiesen haben?
Hölscher: Nein, in der Regel nicht. Denn es ist nicht einfach, die Überflutungsgebiete auszuweisen. Das liegt auch daran, dass die Bemessung der Überschwemmungsgebiete immer an Ereignissen aus der Vergangenheit ausgerichtet ist. Wir analysieren die Daten der letzten Jahrzehnte und fragen uns: "Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für ein Jahrhunderthochwasser?" Wenn wir heutzutage aber ein Hochwasser nach dem anderen bekommen mit immer höheren Pegelständen, dann müssen wir überlegen, wie wir Gebiete in Zukunft ausweisen wollen. 

Sie selbst werden nun einen Abschlussbericht ihrer Forschungen vorstellen. Wie sollen neue Erkenntnisse umgesetzt werden?
Hölscher: Es ist ganz wichtig, dass alle Stellen in den Behörden und Kommunen sowie alle Bewohner von Hochwassergebieten in Planungen miteinbezogen werden. Denn die Menschen müssen dauerhaft mit den Ergebnissen leben und sie wissen häufig, was vor Ort erforderlich ist. Die Planung muss jedoch bei den Fachinstitutionen bleiben. Schutzmaßnahmen sollten innerhalb eines Flussgebiets aufeinander abgestimmt sein. Viele Maßnahmen lassen sich gewinnbringend ergänzen. 

Ist Niedersachsen denn für die Zukunft gut gerüstet?
Hölscher
: Nein, es gibt ganz eindeutig Optimierungsbedarf. Mit der Hochwasservorhersage haben wir aber ein gutes Instrument, um die Menschen zu warnen und auch zu informieren. Gleichzeitig wird derzeit das Hochwasserrisikomanagement vorangetrieben. Wir brauchen künftig konkrete Maßnahmen, wofür aber die Kommunen verantwortlich sind. Alle Stellen müssen dabei mit ins Boot geholt werden. Deshalb bieten wir bei der Konferenz aus Workshops an, um ins Gespräch zu kommen. 

Zur Person: Joseph Hölscher (63) leitet seit der Gründung des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) 2005 die Betriebsstelle Hannover-Hildesheim. Der Professor für Gewässerwirtschaft war vorher bei der Bezirksregierung Braunschweig für Hochwasserschutz und Talsperrenaufsicht zuständig.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa/Swen Pförtner

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