Behandlung von Ängsten

Angst als Begleiter: Hilfe für Menschen mit Spritzen-Phobie

Die Nadel einer benutzen und gereinigten Spritze des BioNTech-Pfizer-Impfstoffs im Corona-Impfzentrum Messe Berlin.
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Drei Prozent der Bevölkerung sind nach Expertenschätzungen über die gesamte Lebensspanne gesehen von einer sogenannten Blut-Spritzen-Verletzungsphobie betroffen.

Die einen fühlen sich unwohl beim Anblick einer Spritze, bei anderen kann der Gedanke an Impfung oder Blutabnahme aber auch extreme Angst mit langfristig negativen Folgen für die Gesundheit auslösen.

Hannover/München – Wirkliche Begeisterung kommt vermutlich bei niemandem auf, wenn es um das Thema Spritzen geht. Bei manchen Menschen geht der Gedanke an eine Blutabnahme aber über das Auslösen von Unwohlsein hinaus. Extreme Angst begleitet die 33-Jährige zu einem Impftermin. Sie hat das Gefühl, sie muss zum Schlachter. „Die Angst würde ich durchaus als Todesangst bezeichnen“, sagt die Frau, die nicht mit Namen genannt werden möchte. Seit dem Kindesalter kämpft sie mit einer sogenannten Blut-Spritzen-Verletzungsphobie. Der Einstich einer Spritzennadel sorgt bei ihr für Ohnmachtsanfälle.

29 Jahre lang habe sie sich deshalb kein Blut abnehmen lassen, Impftermine habe sie jahrelang nicht wahrnehmen können. Dann kam die Corona-Schutzimpfung* und der Druck stieg. Die Juristin wurde durch Zufall auf ein Therapie-Kurzprogramm des Max-Planck-Instituts (MPI) für Psychiatrie in München aufmerksam, das Menschen mit einer Spritzen-Phobie helfen soll, ihre Ängste zu kontrollieren. Aber auch andere Ängste können sich negativ auf den Alltag auswirken, wenn die Ursache nicht gesucht und sie somit nicht behandelt* werden.

Großes Interesse an Programm des Max-Planck-Instituts in München

Das Programm am MPI richtet sich unter anderem an Menschen, die unter einer Spritzen-Phobie leiden und sich dennoch schnell impfen lassen möchten. In Einzelsitzungen werden sie unter anderem über die Erkrankung und die Symptome aufgeklärt, wie die Oberärztin der psychiatrischen Ambulanz des MPI und Projektgruppenleiterin des Programms, Angelika Erhardt, erläutert. In den Sitzungen werden demnach Fotos und Videos von Spritzen angeschaut sowie Spritzen in die Hand genommen. Kern der Kurztherapie sei die Exposition, in der Betroffene direkt mit der Angst konfrontiert werden.

Das Interesse an dem Programm sei hoch, sagt Erhardt. Zehn Patienten könne das MPI gleichzeitig in Einzeltherapien behandeln. Seitdem auch jüngere Generationen geimpft werden, hätten die Anfragen zugenommen – vorwiegend Patienten zwischen 20 und 35 Jahren zeigten Interesse. Auf der Website des MPI wird nicht nur das Vorgehen während der Behandlung beschrieben, sondern auch ein Einblick gegeben, wie sich eine solche Phobie entwickelt. „Wenn die große Furcht vor solchen Interventionen zu negativen Konsequenzen für die Gesundheit und ausgeprägtem Leiden führt, wird diese als phobisch bezeichnet“, heißt es dort. Ohnmachtsanfälle, wie sie auch die Juristin erlebt, seien Auswirkungen dieser großen Furcht.

Gute Besserungschancen: Lernen, mit der Phobie umzugehen

Der Juristin wurde erst durch das Programm bewusst, dass sie seit Jahren an einer ernstzunehmenden Erkrankung leidet. Immer habe sie gedacht, sie würde sich anstellen. Sie stufte ihre Angst als eine Empfindlichkeit ein, „über die ich selber halt irgendwie hinwegkommen muss, aber eigentlich gar nicht weiß wie“. Mittlerweile kann sie mit ihrer Angst besser umgehen. Die Corona-Schutzimpfungen wurden von dem Programm begleitet. Schon bei der zweiten Impfung habe sie eine deutliche Besserung im Vergleich zur ersten Impfung verspürt. „Man lernt, diese Angst auszuhalten“, sagt sie.

Das ist eine Erkrankung. Wir bewegen uns dann nicht im Rahmen von einem bisschen Angst vor der Spritze.

Angelika Erhardt, Oberärztin der psychiatrischen Ambulanz des MPI und Projektgruppenleiterin des Programms

Bei einer Spritzen-Phobie wird die Kurztherapie laut Angelika Erhardt von den Krankenkassen übernommen. „Das ist eine Erkrankung. Wir bewegen uns dann nicht im Rahmen von einem bisschen Angst vor der Spritze“, sagt sie. Betroffene hätten wegen der Phobie negative Konsequenzen. Bei Kindern und jungen Erwachsenen liege die Zahl der Betroffenen bei bis zu 20 Prozent. Über die gesamte Lebensspanne seien etwa drei Prozent betroffen, da die Erkrankungshäufigkeit im höheren Alter, soweit bekannt, absinke, erklärt Erhardt. Die Besserungschancen seien gut: 90 Prozent der Teilnehmer verließen das Programm mit einer Impfung oder einer Blutabnahme. Sie hätten dann vielleicht trotzdem noch Angst vor Spritzen, wüssten aber, wie sie damit umgehen.

Entwicklung der Spritzen-Phobie oft bereits in der Kindheit

Auch der Psychotherapeut Enno Maaß behandelt in seiner Praxis im niedersächsischen Wittmund Menschen mit einer Spritzen-Phobie. Er sieht Betroffene in seiner Praxis, die manchmal schwere Folgeerkrankungen haben – beispielsweise einen schlechten Zahnzustand oder unerkannte Diabetes-Erkrankungen. Aus Scham und Angst gingen manche Betroffene gar nicht mehr zum Arzt, sagt der stellvertretende Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV). Auch die Angst vor Corona, in deren Folge Kliniken gemieden werden, kann dafür sorgen, dass sich Menschen mit akuten Gesundheitsbeschwerden in Lebensgefahr* bringen. Die Entscheidung und Motivation, eine Therapie zu machen, sei der größte Schritt für Betroffene. „Der Rest ist dann in der Regel gut behandelbar“, so Maaß.

Die Erkrankungshäufigkeit für eine Spritzen-Phobie sinkt im höheren Alter – soweit bekannt – ab.

Es spiele zudem eine Rolle, wie lange jemand von der Phobie schon geplagt sei. Vom ersten Auftreten einer psychischen Erkrankung bis zur Psychotherapie würden bei vielen Erkrankungen zwischen sieben und zwölf Jahren vergehen, erklärt der psychologische Psychotherapeut. In manchen Fällen helfe eine Langzeittherapie besser als ein Kurzprogramm. In einer ambulanten Therapie erhalte man im Gegensatz zum Kurzprogramm ein zugeschnittenes und individuelles Angebot, das sich auch mit dem persönlichen Kontext wie dem familiären Umfeld und den bisherigen biografischen Erfahrungen beschäftige.

Das MPI informiert darüber, dass sich eine Blut-Spritzen-Verletzungsphobie in der Regel bereits in der Kindheit entwickele und die Betroffenen – ohne Behandlung – ihr gesamtes Leben begleite und beeinträchtige. Wichtige Untersuchungen oder Eingriffe würden vermieden. Ein Problem ist laut Enno Maaß, dass sich Angststörungen über Vermeidungsverhalten verstärken. Bei jedem Vermeiden sei eine Lernkurve dabei, die dem Betroffenen bestätige, dass die Situation wirklich etwas Gefährliches an sich habe. „Dadurch, dass ich etwas vermeide, gebe ich mir selbst das Signal, dass es wohl besser ist, das zu vermeiden“, erklärt er.

Phobien sind nicht durch die Vernunft zu kontrollieren

Die betroffene Juristin kennt diesen Teufelskreis. „Man schiebt das alles ein bisschen hinaus“, sagt sie. Das Impfheft habe sie bewusst zu Arztterminen nicht mitgenommen, zu groß war die Angst vor Nachfragen. Impfungen und vor allem Blutuntersuchungen habe sie versucht zu umgehen. Sobald in einer Untersuchung eine Spritze angekündigt wurde oder vorkam, dachte sich die 33-Jährige demnach: „Nein, das mache ich auf gar keinen Fall“. Dass man die Phobie mithilfe von Vernunft nicht kontrollieren kann, ist dem Experten für Angsterkrankungen Borwin Bandelow zufolge typisch. Phobien spielten sich in einem Teil des Gehirns ab, über den man keine Kontrolle habe.

Überall sieht man zurzeit Nadeln, die in Oberarme gestochen werden. Für Menschen mit einer Spritzen-Phobie ist das eine echte Herausforderung.

Die 33-Jährige in München musste bei den Corona-Impfterminen gegen eine Ohnmacht anarbeiten – mithilfe einer Technik, die sie im Kurzprogramm des MPI gelernt hat. Für sie ist der Einstich der Spritze, die Verletzung, am schlimmsten. Auch habe sie Angst vor dem Schmerz, der beim Einstich der Nadel entstehe. Die Ursprünge solcher Ängste lägen weit in der Vergangenheit, sagt Bandelow, Psychiater und Psychologe an der psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Einst habe man sich möglichst nicht verletzen dürfen – schon, sich an einem Dorn zu stechen, habe im Zuge von Infektionen den Tod bedeuten können. „Alle Menschen haben eben einen Piks vermieden wie die Pest.“

Alle Menschen haben eben einen Piks vermieden wie die Pest.

Borwin Bandelow, Experte für Angsterkrankungen

Die zentrale Angstreaktion beziehe sich laut MPI „auf das Sehen von Blut, die Injektion selbst und den damit verbundenen Schmerzreiz sowie Kontrollverlust z.B. durch eine Ohnmacht“. Durch das Vermeiden von Arztbesuchen und notwendigen medizinischen Behandlungen oder Untersuchungen verschlechtere sich langfristig „das Ansprechen auf gängige Methoden der Schmerzreduktion“. Bislang sei nur wenig untersucht worden, wie viele Erwachsene eine Impfung ablehnen aufgrund einer Spritzen-Phobie. Die Schätzung liegt bei etwa fünf bis sieben Prozent, informiert das MPI online.

Angstforscher: Betroffene sollte sich mit der eigenen Angst direkt konfrontieren

Noch schlimmer als das Impfen ist für die Juristin eine Blutentnahme. „Davor war ich echt kurz vorm Weinen. Dass man da mit 33 Jahren irgendwo sitzt und einem die Tränen in die Augen steigen, das war schon sehr, sehr schlimm“, erinnert sie sich. Sätze wie „Schauen Sie weg“ oder „Stell‘ dich nicht so an“ hälfen da nicht, sondern bewirkten das Gegenteil.

Betroffenen rät Angstforscher Bandelow, sich mit der Angst direkt zu konfrontieren und sich impfen zu lassen. Bei einer sehr starken Phobie könne man sich notfalls ein Beruhigungsmittel verschreiben lassen und zur Impfung mitnehmen. Angehörige sollten behutsam mit Betroffenen umgehen und sie zu einem Impftermin begleiten. „Das Tun und Machen ist wichtiger als das Reden“, erklärt er.

Davor war ich echt kurz vorm Weinen. Dass man da mit 33 Jahren irgendwo sitzt und einem die Tränen in die Augen steigen, das war schon sehr, sehr schlimm.

Von Spritzen-Phobie Betroffene

Auch die Kurzzeittherapie am MPI arbeitet mit Konfrontation. „‘In vivo Exposition‘ ist Therapie der Wahl bei Blut-, Spritzen- und Verletzungsphobie aufgrund der hohen Wirksamkeit“, heißt es dort. Die Patienten würden dem Ereignis, das bei ihnen die Angst auslöst, ausgesetzt.

Am Ende des Programms hat die Juristin ihre Angst überwunden, sich impfen und Blut abnehmen lassen – ohne Beruhigungsmittel. Stolz und gleichzeitig überrascht sei sie danach gewesen. „Es löst eine Freude aus und eine Befreiung“, erzählt sie. Nun möchte sie endlich wissen, ob mit ihren Blutwerten alles in Ordnung ist. Dank der Kurztherapie kann sie das – aber „Blutspender werde ich wahrscheinlich nicht“, sagt sie und lacht. Mit Material der dpa. kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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