Bremen und Niedersachsen

Illegale Autorennen: Fast jeder Raser kommt straffrei davon

Illegale Autorennen sind in Bremen und Niedersachsen ein echtes Problem, denn überhöhte Geschwindigkeit ist die Unfallursache überhaupt. Die Konsequenzen für Raser sind erschreckend gering.

Hannover/Bremen – Es ist Dienstagabend, 25. Mai 2021, als die beiden Polizisten aus ihrem Streifenwagen heraus die zwei Fahrzeuge kurz vor der Wilhelm-Kaisen-Brücke in Bremen nebeneinanderstehend beobachten. Wie auf Kommando heulen plötzlich beide Motoren laut auf, die Autos beschleunigen und rasen in Richtung Innenstadt davon. Die beiden Polizisten fackeln nicht lange und heften sich an die Auspuffe. Kurz darauf schaffen sie es, einen 250 PS starken Mercedes zu stoppen und zu kontrollieren.

Stadt im Land Bremen:Bremen
Fläche:325,56 Quadratkilometer
Einwohner:567.559 (Stand: 31. Dezember 2019)
Vorwahl:0421
Bürgermeister:Andreas Bovenschulte (SPD)

Szenen wie diese spielen sich täglich auf Bremens und Niedersachsens Straßen ab. Bürgerinnen und Bürger sind besorgt, die Polizei hat die Raserszene im Blick – schließlich ist zu hohe Geschwindigkeit Unfallursache Nummer eins in Niedersachsen und Bremen.

370 Menschen sind im vergangenen Jahr in Niedersachsen bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommen. Zwar immerhin 62 Menschen weniger als noch im Jahr 2019, doch laut der Verkehrsunfallstatistik des niedersächsischen Innenministeriums lässt sich dies lediglich auf die Corona-bedingte Veränderung in Sachen Mobilität zurückführen. Erst Ende Februar hatten sich zwei Asphalt-Rowdys in der Innenstadt von Oldenburg ein Autorennen geliefert. Eines der Autos überschlug sich und fing Feuer.

Verkehrsunfälle: 2020 sterben im Bremer Straßenverkehr fast doppelt so viele Menschen wie 2019

Im Land Bremen waren es 2020 hingegen 14 getötete Personen im Straßenverkehr, trotzdem fast doppelt so viele wie noch im Jahr 2019. Unfälle aufgrund überhöhter Geschwindigkeit oder unbeachteten Mindestabstand gab es 2020 5.952 im Land Bremen, immerhin 1.136 Unfälle weniger als noch 2019. Auch dies lässt sich laut Bremer Innenressort auf die Corona-Pandemie zurückführen. Für den deutlichen Anstieg der bei Verkehrsunfällen ums Leben gekommenen Menschen gegenüber den Vorjahren gibt es im Ressort von Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) keine Erklärung. Es handele sich jeweils um tragische Unglücke, heißt es. Erst vor rund 14 Tagen ereignete sich in der Vahr in Bremen ein Unfall, bei dem zwei Männer schwerverletzt wurden. Die Polizei vermutet ein illegales Straßenrennen.

„Die Corona-Pandemie verändert vieles, das gilt auch für die Mobilität und insbesondere für die Verkehrsunfälle. Seit Beginn der Aufzeichnung der amtlichen Unfallstatistik im Jahr 1953 gab es noch nie so wenige Todesopfer auf Niedersachsens Straßen. Das ist aber keine gute Botschaft, denn das sind immer noch 370 Menschen zu viele, die ihr Leben verloren haben“, erklärt dazu Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius (SPD). Daher setze man sich zukünftig konsequent dafür ein, die Zahl der Verkehrsunfälle weiter zu reduzieren. In Hamburg wird aus diesem Grund gerade auf 85 Straßen im innerstädtischen Bereich ein Tempolimit von 30 km/h* erlassen. Bis 2024 sollen 65 weitere Straßen folgen. Auch auf Autobahnen soll schon bald Tempo 130* kommen.

Illegale Straßenrennen: Freiheitsentzug von bis zu fünf Jahren oder Geldbuße

Immer fest im Blick dabei: die Raserszene. Denn die ist sowohl in Niedersachsen als auch in Bremen ein ernstzunehmendes Problem, bindet sie doch dauernd Polizeikräfte. Die Pressemeldungen der Polizeien im ganzen Land sind jedes Wochenende voll von Tuner-Treffen oder illegalen Autorennen. Der Gesetzgeber hat deswegen illegale Straßenrennen seit dem Jahr 2017 in Paragraf 315d des Strafgesetzbuches härter unter Strafe gestellt. Nur bei einer Gefährdung durch ein solches Rennen ist durch die Gesetzgebung schon ein Freiheitsentzug von bis zu fünf Jahren möglich – oder eben empfindliche Geldbußen.

In Niedersachsen hat sich die Zahl der Ermittlungsverfahren im Bereich Straßenrennen von 2019 auf 2020 fast verdoppelt, auf 199 Verfahren. Auch 2021 gibt es bisher schon 114 Verfahren. (Symbolbild)

Doch die entsprechenden Zahlen aus dem Justizministerium in Hannover dazu lassen bei genauer Betrachtung aufhorchen. Trotz zahlreicher Einsätze, bei denen illegale Straßenrennen den Anlass dazu lieferten, finden sich in der dazugehörigen Statistik verschwindend geringe Strafverfahren, die letztendlich auch geahndet wurden. Zwar hat sich die Zahl der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren in Sachen illegaler Kraftfahrzeugrennen von vier im Jahr 2017 auf 199 im Jahr 2020 in Niedersachsen erhöht, ein rechtskräftiges Urteil wurde allerdings in nur 31 Fällen gesprochen.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass mehr als fünf von sechs Rasern die Gerichtssäle als freie Menschen verlassen. Im Jahr 2021 wurden bis jetzt 114 Strafverfahren eingeleitet.

Illegale Straßenrennen: Raser verstecken sich hinter dem Deckmäntelchen der Autoliebhaber

Trotzdem kritisieren viele aus der Auto-Tunersezene – die sich häufig ungerechtfertigt dem Vorwurf des Rasens ausgesetzt sehen –diese Zahlen und auch die Gesetzgebung. Aus ihrer Sicht hat die Polizei zu viel Spielraum und könne quasi alles als Rennen deklarieren, wenn sie es wollte. Doch das ist auch das Problem: In der Autoszene kommen neben den Autoliebhabern eben auch die Raser hinzu, die sich hinter diesem Deckmäntelchen verstecken können.

Unterdessen plant Berlin eine Bundesratsinitiative, damit Fahranfänger künftig keine hochmotorisierten Autos mehr mieten dürfen. Der Vorschlag soll noch vor der Sommerpause eingebracht werden.

Wieder zurück in Bremen auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke: Die Beamten kontrollieren den 250-PS-Mercedes und seine gerade einmal 23 Jahre alte Fahrerin. Den Führerschein sieht sie an diesem Abend nicht wieder, auf Antrag der Staatsanwaltschaft wird er noch vor Ort beschlagnahmt. Die Polizei fertigt eine Strafanzeige wegen eines nicht erlaubten Kraftfahrzeugrennen. Die Ermittlungen zum zweiten Wagen und dessen Fahrer dauern an. * kreiszeitung.de und 24hamburg.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Uwe Anspach/dpa

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