Koordination klappt nicht reibungslos

Helfer weggeschickt: Flutkatastrophe hinterlässt Organisationschaos

Die Aufräumarbeiten in den Katastrophengebieten laufen auf Hochtouren. Doch an der Organisation und Koordination der Einsätze gibt es massive Kritik.

Berlin - Während Politiker und Experten bereits über den Katastrophenschutz in Deutschland und eine Reform dieses debattieren, gibt es aus manchen Orten bereits Meldungen über abgeschlossene Aufräumarbeiten. An anderer Stelle dauern diese jedoch noch an. Unterstützung gibt es aus dem ganzen Land, manche angereiste Gruppe wurde jedoch unverrichteter Dinge wieder weggeschickt. An anderer Stelle fragen sich Helfer, warum noch keine offizielle Unterstützung eingetroffen ist.

Fluss:Ahr
Flusssystem:Rhein
Abfluss über:Rhein → Nordsee
Höhenunterschied:421 Meter
Länge:85,1 Kilometer

Das Problem ist, dass die Zuständigkeiten geteilt sind. Damit fehlt teilweise der Überblick, wo welche Ressourcen zur Verfügung stehen. Das führt auch dazu, dass Helfende nicht zentral organisiert werden können, um sie dorthin zu schicken, wo sie ebenfalls gebraucht werden. Neben den offiziellen Hilfskräften sind auch viele Firmen, Landwirte und private Helfer vor Ort.

Einsatzkräfte wurden unverrichteter Dinge wieder zurückgeschickt

Während viele verschiedene Einsatzkräfte in den betroffenen Gebieten sind, um zu helfen, gibt es Berichte, nach denen es passiert sei, dass Feuerwehren an einem Ort ankommen, ihnen aber kein Einsatz zugeteilt wird. Der Kreis Bitburg-Prüm hat sich mittlerweile dafür entschuldigt, rund 90 Einsatzkräfte und 20 Fahrzeuge der Feuerwehr aus dem Kreis Kaiserslautern wieder nach Hause geschickt zu haben, wie „Die Rheinlandpfalz“ berichtet.  „Einige Feuerwehrleute sind sauer, aber in einer Flutkatastrophe solchen Ausmaßes passieren halt auch mal Fehler“, wird Landrat Ralf Leßmeister zitiert. Ein Feuerwehrmann hatte sich zu der Situation in einem Post bei Facebook geäußert, den der SWR in einem Artikel wiedergibt.

Einige Feuerwehrleute sind sauer, aber in einer Flutkatastrophe solchen Ausmaßes passieren halt auch mal Fehler.

Landrat Ralf Leßmeister in „Die Rheinlandpfalz“

Auch Einsatzkräfte des THW aus Rinteln sind nach Nordrhein-Westfalen gefahren, um zu helfen, wie die Schaumburger Zeitung berichtet. Dort warteten sie darauf, einer Aufgabe zugeteilt zu werden. Das passierte jedoch nicht und so seien die Helfer kurz darauf wieder abgereist. Rinteln-aktuell.de zitiert den Ortsbeauftragten Sebastian Schmidt so, dass es keine Einsatzaufgabe gegeben habe und das THW „sich nicht selbst in den Dienst stellen könne”.

Die Menschen aus der Bevölkerung wollen helfen

Neben den erfahrenen Einsatzkräften wollen aber auch viele andere Menschen helfen. „Die spontane Spenden- und Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung ist überwältigend“, teilte das DRK am Montag in einem Facebook-Post mit. Viele Menschen nutzen die Facebook-Funktion der Geburtstagsspende, um Geld zur Unterstützung des DRK und damit auch für die Hochwasseropfer zu sammeln. Viele Nutzer fragen auch in den Kommentaren - nicht nur auf der DRK-Seite oder nur bei Facebook - wie sie helfen können. Die ersten Hilfsgüter waren in Hatten bereits nach weniger als 48 Stunden abfahrbereit*.

Das muss natürlich koordiniert sein und abgestimmt sein, damit man die Hilfskräfte von den Organisationen wirklich unterstützt und nicht behindert.

DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt sagt in einem Beitrag der Sat.1-Nachrichten

Das DRK warnt Bürgerinnen und Bürger allerdings davor, eigenmächtig in die betroffenen Gebiete zu fahren, um zu helfen. DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt sagt in einem Beitrag der Sat.1-Nachrichten: „Das muss natürlich koordiniert sein und abgestimmt sein, damit man die Hilfskräfte von den Organisationen wirklich unterstützt und nicht behindert.“ Willkommen sei jedoch Hilfe von denen, die sich auskennen. 

Landwirte organisieren sich, um in den betroffenen Gebieten zu helfen

Irritierend sind in diesem Zusammenhang aber Berichte, dass helfende Hände zurückgeschickt wurden, auch wenn es sich um Feuerwehrleute handelt. Anders als THW und Feuerwehr müssen Privatleute nicht auf einen Einsatzbefehl warten. Aus diesem Grund haben sich schon früh in der vergangenen Woche mehrere Landwirte auf den Weg gemacht, um in den betroffenen Gebieten mit Mensch und Maschine zu helfen*.

Gut organisiert, weil eigentlich Mitglieder einer Protestbewegung, waren rund 200 Landwirte von „Land schafft Verbindung“ (LsV) unter den anreisenden Helfern. Gartenbauunternehmer Willi Hartmann hatte die Aktion koordiniert und mit Focus-Online gesprochen. Ein Bauunternehmer unterstütze die Landwirte und helfe dabei, die weggebrochene B267 zwischen Walporzheim und Mariental wieder befahrbar zu machen. Diese war zuvor von der Bundeswehr von Schutt befreit worden. 

Viele Einsatzkräfte in den betroffenen Orten sind die Anwohner selbst oder freiwillige Helfer, die sich selbst organisiert haben.

Hartmann informiert auch auf seiner Facebook Seite über den Einsatz vor Ort. Zuletzt war in Ortsteil Kreuzberg der Gemeinde Altenahr die Feuerwehr eingetroffen. Hartmann teilte am Montag ein Video, in dem sein Team darüber spricht, dass es nun auf „Weisung der Einsatzleitung“ warte. Die Einsatzleitung habe zu dem Zeitpunkt für alle „den Feierabend eingeläutet“. Es sei erklärt worden, das Team dürfe nicht mehr baggern. Das Facebook-Video ist mit dem Kommentar „fühlt sich enttäuscht“ hochgeladen worden. 

Auch Lohnunternehmer Markus Wipperfürth organisiert über Facebook Hilfe, informiert, was benötigt wird und wie die Aufräumarbeiten laufen. Er war mit seinem Fuhrpark angerückt und hat über die sozialen Medien nicht nur Hilfe für Menschen organisiert, sondern auch Futterspenden für Pferde koordinieren können. Er war nach Angaben von LsV-Sprecher Anthony Robert Lee einer der ersten vor Ort in Walporzheim in Ahrweiler an der Ahr.

Koordinations-Probleme setzen sich von einem Dorf ins nächste fort

In einem aktuellen Video auf Facebook von Dienstag spricht Wipperfürth mit einem Bauunternehmer, der unter anderem die Straßen versucht so weit herzurichten, dass sie befahren werden können. Dort heißt es auch, dass die Koordination in Walporzheim mittlerweile gut funktioniere, auch die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr und dem THW. Gleichzeitig würden sich aber die Organisations- und Zuständigkeits-Probleme, die es dort vor gut einer Woche gab, nun in den Nachbardörfern wiederholen. „Das gleiche Problem, was wir jetzt hier gelöst haben, geht in die nächsten Orte“, sagt er in dem Video.

Landwirtschaftliche Fahrzeuge erweisen sich vielerorts als hilfreich. Viele Landwirte haben sich mit ihren Maschinen schon vor Tagen auf den Weg gemacht und helfen bei den Aufräumarbeiten.

Der Bauunternehmer berichtet von einem Feuerwehrmann, der ihm gesagt hätte, sie seien seit fünf Tagen vor Ort und er sei froh, dass er nun arbeiten dürfe. Bislang hätten sie nicht loslegen dürfen. Wipperfürth erwähnt mehrmals und beendet das Video auch damit, dass dringender Bedarf für eine zentrale Ansprechperson bestehe. Ohne Organisation könne die Arbeit so nicht weiterlaufen.

Kritik nicht nur von den selbstorganisierten, freiwilligen Helfern

Chris Stoller, ein Landwirt aus dem Kreis Uelzen bei Hamburg, erklärt dem „General-Anzeiger“, dass er zuerst in Ahrweiler, dann in Altenburg geholfen habe. Die Bundespolizei habe erst am Sonntag Präsenz gezeigt und zuletzt seien er und weitere Landwirte von Einsatzkräften vor Ort darum gebeten worden, wieder abzuziehen. Ebenso wie Wipperfürth in seinen Videos festhält, berichtet Stoller, dass die Koordination schlecht sei und die freiwilligen Helfer alles selbst organisierten, auf eigene Kosten. Unterstützung von offizieller Seite gebe es nicht.

Ein Auto wurde von der Flutwelle mitgerissen und steckt in der Uferböschung der Ahr. Zahlreiche Häuser in dem Ort wurden von der Flutwelle stark in Mitleidenschaft gezogen oder ganz fortgerissen.

Die Kritik an der Organisation kommt nicht nur von den freiwilligen Helfern, die sich selbst organisiert haben. Auch Feuerwehrleute, die wieder weggeschickt wurden, verstehen nicht, wieso. Wie im Fall des Feuerwehrmanns aus Kaiserslautern, wollen viele helfen, können jedoch nicht, da ihnen die Anweisung fehlt.

Der Deutsche Feuerwehrverband sprach sich für „eine Aufarbeitung und Evaluierung“ möglicher Versäumnisse beim Katastrophenschutz für die Zeit nach dem noch laufenden Einsatz aus. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbands warnte zudem, die Debatte um die Aufarbeitung zu früh zu starten. Wenngleich die Organisation chaotisch scheint und eine Diskussion über Reformen und Klimawandel zumindest während der noch andauernden Aufräum- und Bergungsarbeiten nicht der wichtigste Punkt sein sollte, zeigt die Unklarheit über Zuständigkeiten, dass sie notwendig sind.

Hilfe funktioniert nur, wenn alles ineinander greift. 

Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock

Die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, sprach sich am Montag in dem Zusammenhang dafür aus, dass der Bund eine größere koordinierende Rolle bei überregionalen Katastrophen wie Fluten oder Waldbränden bekommt. Im „Spiegel“ sagte sie: „Hilfe funktioniert nur, wenn alles ineinander greift. Dafür braucht es eine Instanz, die alle Kräfte bündelt, die schnellstmöglich aus ganz Deutschland oder EU-Nachbarstaaten Hubschrauber oder Spezialgeräte zusammenzieht.“ Sie sprach von einer schnelleren Koordinierung der verschiedenen Ebenen und Akteure. Das gelte insbesondere für Ereignisse, die mehrere Bundesländer betreffen oder nicht mehr durch die regionalen Einsatzkräfte bewältigt werden könnten.

Wer in den betroffenen Gebieten ist, um zu helfen

Nach eigenen Angaben hat das THW in den betroffenen Gebieten rund 2500 Personen im Einsatz. Die Organisation ist Horst Seehofers Innenministerium unterstellt. Sie helfen dabei, Menschen in Sicherheit zu bringen, aber auch, die Stromversorgung sicherzustellen, Schutt wegzuräumen oder Keller leer zu pumpen. In Bad Neuenahr-Ahrweiler in Rheinland-Pfalz haben die Helfer des THW eine Trinkwasseraufbereitungsanlage für ein Krankenhaus installiert, dessen Leitungen durch die Wassermassen beschädigt worden waren. 

Die Bundeswehr half unter anderem dabei, eingeschlossene Fahrzeuge auf der B265 mit Radpanzern zu räumen. Einer der Panzer musste zwischenzeitlich selbst befreit werden, nachdem er sich festgefahren hatte.

Feuerwehren aus verschiedenen Orten sind ebenfalls in die betroffenen Gebiete gefahren, um zu helfen. Hilfe auf Umwegen gab es in Nordrhein-Westfalen von der Feuerwehr Augsburg. Eine Augsburgerin habe die Einsatzkräfte verständigt, da ihre hochschwangere Freundin mit weitere Anwohnern in einem Dachgeschoss im pfälzischen Altenahr, im Landkreis Ahrweiler, festsaß. Da die Notrufleitungen zerstört gewesen seien, habe sie, in der Mittwochnacht, 14. Juli, nicht selbst Hilfe rufen können. Stattdessen erreichte sie ihre Freundin über soziale Medien und die Leitstelle in Koblenz konnte durch die Kollegen in Augsburg informiert werden. Die schwangere Frau sowie die weiteren Bewohner konnten gerettet werden. 

Auch die Bundeswehr ist im Einsatz. Das Verteidigungsministerium hatte militärischen Katastrophenalarm ausgelöst, wodurch Entscheidungen vor Ort von den dort Verantwortlichen schneller getroffen werden können, sagte ein Sprecher am Freitag. Neben helfenden Händen gibt es auch materielle Hilfe. So wurden am Wochenende mitunter eingeschlossene Fahrzeuge auf der B265 mit Radpanzern geräumt.

Niedersachsen und Bremen schicken Hilfe nach Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz

Aus Niedersachsen haben sich am Samstag auch rund 130 Ehrenamtliche des Deutschen Rotes Kreuz (DRK) auf den Weg in den Landkreis Ahrweiler gemacht. Zu den Ehrenamtlichen gehören auch Ärzte und Notfallsanitäter. Das DRK unterstützt vor Ort bei der Versorgung der Menschen und mit einer Zeltstadt zur Behandlung. Auch Einsatzkräfte der Bereitschaftspolizei wurden nach Rheinland-Pfalz entsandt. Niedersachsen schickte mehr als 1000 Helfer von Feuerwehr, Polizei und DLRG nach Nordrhein-Westfalen, um gegen die Folgen des Hochwassers zu kämpfen.

Sowohl Sachsen als auch Niedersachsen haben Hilfe vom DRK in die Katastrophenregionen in Rheinland-Pfalz geschickt.

Die Polizei Bremen schickte am Samstagabend zudem ein neunköpfiges Team aus hochspezialisierten Ermittlern der Kriminalpolizei sowie spezielle Unterstützungskräfte der technischen Einheit ins Polizeipräsidium Köln. Dabei gehe es um Unterstützung im komplexen Aufgabenfeld der Todesursachenermittlung und Identifizierung, teilten die Beamten mit. Die Ermittlerinnen und Ermittler hatten sich freiwillig für den schwierigen Einsatz gemeldet. Mit Material der dpa. kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Boris Roessler / picture alliance / dpa

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