Prüfung des Wertes läuft

Wetterdienst zweifelt am Hitzerekord in Lingen: Stimmen die 42,6 Grad?

Es war heiß in Lingen im Sommer 2019, ein Hitzerekord. Seit ein paar Wochen liegt er auf Eis, wenn man das so sagen darf. Der Wetterdienst traut den Daten aus Lingen nicht mehr und will sie bis Ende 2020 kritisch überprüfen. 

  • Hitzerekord aus dem Juli 2019 aus Lingen steht auf der Kippe.
  • Neuer Standort für die Wetterstation in Lingen geplant.
  • Stadtsprecherin spricht über Auswirkungen für Lingen.

Am Nachmittag des 25. Juli 2019 waren die Eisdielen in den Innenstädten fast leer - die Hitze war vielen einfach zu viel. 42,6 Grad meldete die Station des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Lingen. Nirgendwo anders wurde jemals in Deutschland eine höhere Temperatur gemessen. Aber seit ein paar Wochen liegt der Hitzerekord auf Eis. Der Wetterdienst prüfen aktuell, ob der Rekord auch weiterhin Bestand haben wird.

Aktueller Hitze-Rekorde laut kachelmannwetter.comOrt der Rekorde
36.0°C (alt: 35.4°C am 7.8.2018)Bremervörde
39.0°C (alt: 37.0°C am 4.07.2015)Diepholz
40.9°C (alt: 39.5°C am 24.7.2019)Kleve
40.2°C (alt: 38.5°C am 8.8.2003)Wuppertal-Buchenhofen
41,2°CTönisvorst und Duisburg-Baerl

Der ältesten Hitze-Rekorde stammen aus dem 19. Jahrhundert. Am 18. August 1892 wurde laut Wikipedia an der Station Amber (Bayern) 39,8 Grad gemessen. Das Jahr 1881 wird allgemein als Beginn der Wetteraufzeichnungen angenommen. 

Zweifel am Hitzerekord vom 25. Juli 2019 in Lingen

Dabei hatten Kritiker schon vor einem Jahr Zweifel an dem Hitzerekord aus Lingen angemeldet. Zu groß war der Unterschied zu benachbarten Messstationen: In der Nachbarstadt Meppen waren es 39,2 Grad, in der niederländischen Nachbarregion Twente zeigten die amtlich geeichten Thermometer 39,5 Grad und in Alfhausen im Nachbarkreis Osnabrück wurden 38,5 Grad gemessen. Viele Meteorologen außerhalb des Deutschen Wetterdienstes hatten damals Zweifel, dass die an dem Standort in Lingen registrierten Werte wirklich repräsentativ für die Region waren.

Thermometer vor Sonne

Insgeheim war auch der Deutsche Wetterdienst seit einigen Jahren nicht mehr zufrieden mit der Station. Sie liegt in einer von Bäumen umgebenen Senke, ein Freizeitbad direkt daneben. „Die Bäume sind in den letzten Jahren auch gewachsen“, sagt Wetterdienst-Sprecher Uwe Kirsche. Trotz aller internen Bedenken bestätigte der Deutsche Wetterdienst vor einem Jahr den Rekord. Aber seit Anfang Juni werden die Messwerte aus Lingen nicht mehr veröffentlicht. Die Daten sollen nun mit denen eines zweiten Sensors auf demselben Messfeld über mehrere Monate hinweg verglichen werden. Nicht ausgeschlossen, dass der Rekord-Temperaturwert vom 25. Juli 2019 Anfang 2021 kippt.

Wetter-Experte: Auffälligkeiten haben drastisch zugenommen

Es habe bereits Abweichungen zwischen beiden Sensoren gegeben, erklärt Wetterexperte Uwe Kirsche. Aber eben nicht immer. Das hänge von der Wetterlage ab. „Es ist nicht so, dass der Standort grundsätzlich für Messungen ungeeignet ist“, betont der DWD-Sprecher. Das scheine nur bei ganz bestimmten Wetterlagen der Fall zu sein: „Wir hatten 2019 nach Prüfung der Rahmenbedingungen vor Ort den Eindruck, es war ok. Aber in letzter Zeit haben diese Auffälligkeiten drastisch zugenommen.“

Dass für Wetterstationen wie in Lingen ein neuer Standort gesucht wird, wenn sich die Umgebung ändere, komme immer wieder vor, sagt Uwe Kirsche. So habe auch die Station in Freiburg vor einiger Zeit ihren Standort in der Innenstadt verloren, weil wegen des verdichteten Gebiets keine repräsentativen Angaben mehr für die Region möglich waren. „Das wäre nur noch eine Stadt-Klimastation gewesen“, so Kirsche.

Im Zweifel werden Wetterstationen vom Netz genommen

So ähnlich könnte es also auch in Lingen sein. Allerdings: Normalerweise nehme der Wetterdienst eine Station sofort vom Netz, wenn Zweifel an den Messwerten aufkommen. An einen Fall wie in Lingen, wo erst intern mit einem zweiten Sensor Kontrollmessungen erfolgen und dann berechnet werden soll, wie glaubwürdig die alten Messreihen seien, könne er sich nicht erinnern, sagt Uwe Kirsche.

Im Frühjahr 2021 soll eine neue Wetterstation im ländlichen Lingener Ortsteil Baccum ans Netz gehen. Schon seit Jahren habe der Deutsche Wetterdienst eine Verlagerung geplant. Aber die Suche nach einem geeigneten Gelände oder Verhandlungen mit Grundbesitzern hätten den Neubau verzögert, so Sprecher Uwe Kirsche.

Für die Stadt Lingen hat der Hitzerekord nur eine kleine Bedeutung, erklärt eine Stadtsprecherin. Mehr Touristen seien deswegen bislang nicht in die malerische Altstadt gekommen. „Aber uns ist schon aufgefallen, dass seitdem der Name Lingen in Talkshows öfter erwähnt wird“, sagt sie.

Ende Juli steht Deutschland vor einer kurzen, aber heftigen Hitzewelle laut aktueller Wettervorhersage. Der rekord wird aber wahrscheinlich nicht geknackt.

Rubriklistenbild: © dpa / Fredrik Von Erichsen

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