Diskussion um Maßnahmen

Maskenpflicht nach den Herbstferien - Niedersachsen plant in den Schulen vorsichtig zu bleiben

Eine Mund-Nasen-Bedeckung liegt während einer Unterrichtsstunde einer fünften Klasse des Friedrich-Schiller Gymnasiums neben einem Mäppchen und Schulbüchern auf einem Schultisch.
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Für fast alle Jahrgänge gilt in den niedersächsischen Schulen derzeit eine Maskenpflicht im Gebäude und im Unterricht. Ausgenommen sind nur die ersten und zweiten Klassen.

Ist der Verzicht auf die Maskenpflicht an Schulen zu früh oder ist die Vorsicht inzwischen zu viel? Die Meinungen gehen auseinander mit beachtenswerten Argumenten auf beiden Seiten.

Hannover - Die Herbstferien stehen vor der Tür. Am kommenden Freitag ist in Niedersachsen der letzte Schultag. Damit steht auch erneut die Frage an, wie es an den Schulen danach weitergehen wird. Bereits in der vergangenen Woche kündigte Regierungssprecherin Anke Pörksen in der wöchentlichen Pressekonferenz des Corona-Krisenstabs an, dass nach den Herbstferien zunächst zwei Wochen lang die Entwicklung beobachtet wird.

Stadt:Hannover
Bundesland:Niedersachsen
Landkreis:Region Hannover
Bevölkerungsdichte:2616 Einwohner je km2
Oberbürgermeister:Belit Onay (Bündnis 90/Die Grünen)

Eine Woche lang sollte zudem täglich getestet werden. Erst im Anschluss an diese beiden Schritte soll darüber entschieden werden, ob und wann auf die Maskenpflicht verzichtet werden könne. Das Thema Maskenpflicht an Schulen sorgt immer wieder für Debatten. Während immer mehr Bundesländer die Maskenpflicht an Schulen lockern, warnen die Kommunen vor vorschnellen Schritten.

Maskenpflicht an Schulen: Welche Gründe für und gegen sie vorgebracht werden

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) äußerte Verständnis für die Schüler. „Das Tragen von Masken beeinträchtigt einen normalen Unterricht und ist für die Schülerinnen und Schüler belastend“, sagte sie der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. „Allerdings muss bei einer Lockerung der Maskenpflicht weiter oder sogar vermehrt in den Schulen getestet werden“, verlangte sie vor allem mit Blick auf die Zeit nach den Herbstferien, die je nach Bundesland schon laufen oder demnächst vielerorts beginnen.

Wir wollen das nicht herunterspielen, es gibt einzelne schwere Verläufe, gar keine Frage, aber es ist ein im Moment für Kinder harmloser Infekt.

Kinderarzt und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske

Der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, mahnte jedoch zur Vorsicht, da viele Schülerinnen und Schüler noch keine Impfung erhalten könnten. Sie würden über viele Stunden auf vergleichsweise engem Raum im Unterricht sitzen. Deswegen sei es weiterhin wichtig, dass sie regelmäßig getestet werden. In Gebieten, in denen die Inzidenzzahlen vergleichsweise hoch sind, solle zudem auch an der Maskenpflicht festgehalten werden, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Kinderärzte auf der anderen Seite fordern ein generelles Ende der Maskenpflicht an Schulen.

Niedersachsen hatte bereits angekündigt, auch nach den Herbstferien auf Tests an den Schulen zu setzen.

Der Berliner Kinderarzt und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Jakob Maske, forderte im Deutschlandfunk ein Ende der Maskenpflicht für Kinder - „weil Kinder und Jugendliche jetzt genügend gelitten haben“. Sie hätten zurückgesteckt und Rücksicht auf ältere Altersgruppen genommen. „Jetzt ist endlich wieder Zeit, normalen Unterricht zu machen, normal durch Mund und Nase atmen zu können, ohne dass hier eine Beschränkung durch die Maske da ist.“

Natürlich würden sich Viren dadurch wieder schneller verbreiten, sagte Maske. „Aber wir sind wenig besorgt, weil Kinder sehr, sehr, sehr selten wirklich schwer erkranken.“ Sie sollten aber weiter durch Impfungen des Schulpersonals und der Lehrer* geschützt werden, so der Kinderarzt. Infektionen gebe es immer. Corona sei für diese Altersgruppe relativ harmlos. „Wir wollen das nicht herunterspielen, es gibt einzelne schwere Verläufe, gar keine Frage, aber es ist ein im Moment für Kinder harmloser Infekt.“

Bei der hohen Anzahl an Nicht-Geimpften, und hierzu zählen die Kinder, halte ich diese Entscheidung für verfrüht – und ehrlich gesagt auch für ziemlich dumm.

Virologin Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Die Virologin Melanie Brinkmann vom Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung hatte sich gegen eine Abschaffung der Maskenpflicht an Schulen ausgesprochen und in der „Rheinischen Post“ Kritik daran geübt. „Bei der hohen Anzahl an Nicht-Geimpften, und hierzu zählen die Kinder, halte ich diese Entscheidung für verfrüht – und ehrlich gesagt auch für ziemlich dumm.“

Sorge vor Überlastung der Kliniken: Kinder und Jugendliche holen „verpasste“ Infekte nach

Eine Auswirkung der Corona-Maßnahmen - wie der Maskenpflicht - ist zudem, dass diese nicht nur gegen Corona geschützt haben. Kinder und Jugendliche holen die „verpassten“ Infekte nun nach. Auffallend viele Kinder machen seit einigen Wochen Atemwegsinfekte durch, die eigentlich erst in den Wintermonaten zu erwarten wären. Betroffen seien vor allem unter Sechsjährige, sagte Jakob Maske. „Es gibt leider im Moment eine Zuspitzung“, sagte der Berliner Kinderarzt. Die Mediziner sorgen sich um die Versorgung schwerkranker Kinder im Herbst und Winter.

In der Regel begegnen Kinder jedes Jahr RSV und bauen dabei einen gewissen Immunschutz auf.

RKI-Experten

„Die Kinderkliniken sind sehr früh zugelaufen“, sagte auch der hannoversche Kinderarzt Thomas Buck, Vorstandsmitglied der niedersächsischen Ärztekammer. Patienten von ihm hätten schon in rund 40 Kilometer entfernte Kliniken im Umland ausweichen müssen.

Größere RSV-Ausbrüche unter Kindern wurden bereits im Mai aus Israel und in den Sommermonaten in den USA, Australien und Japan gemeldet. Das RKI mahnte deshalb schon im Sommer an, sich auf ein ähnliches Szenario vorzubereiten. „In der Regel begegnen Kinder jedes Jahr RSV und bauen dabei einen gewissen Immunschutz auf“, erläuterten die RKI-Experten. Diese Hilfe bei der Abwehr der Erreger fehle jetzt, weil es im letzten Winter wegen der Corona-Maßnahmen fast keine RSV-Erkrankungen gab.

Die Herbstferien in den verschiedenen Bundesländern führen erneut zu Debatten über die Maskenpflicht in den Einrichtungen.

„Wir machen uns zudem Sorgen, dass es eine Grippewelle gibt“, sagte Buck. Im letzten Pandemie-Winterhalbjahr mit vielen Hygienevorkehrungen und eingeschränkten Kontakten blieb die Grippewelle praktisch aus. Mediziner hoffen, dass die Bereitschaft zur Grippe-Impfung für die anstehende Saison nun dennoch hoch bleibt. Eine Grippe-Impfung ist unter bestimmten Voraussetzungen auch in Kombination mit der Corona-Booster-Impfung* möglich.

Man muss kluge Risikoabwägungen treffen.

Thomas Buck, Kinderarzt in Hannover

Die Kinder- und Jugendärzte plädieren dafür, den Alltag für Kinder und Jugendliche nach Monaten der Entbehrung so normal wie möglich zu gestalten. Für Eltern ist es oft eine schwierige Entscheidung, ob sie ihr Kind mit Schniefnase oder Halsschmerzen in die Kita oder Schule schicken. Seit Beginn der Pandemie wird jeder mit Erkältungssymptomen schief angeschaut, es steht immer auch der Verdacht einer Corona-Infektion im Raum.

„Man muss kluge Risikoabwägungen treffen“, sagte Buck. „Wir wollen, dass die Kinder endlich wieder konstant in Kindergarten und Schule gehen und unnötige Krankmeldungen vermeiden.“ Auf der anderen Seite gehe es auch darum, möglichst keine Corona-Infektion zu übersehen.

Niedersachsen plant Studie zu Long Covid bei Kindern

Neben überlasteten Kinderkliniken besteht allerdings auch die Gefahr für Kinder und Jugendliche durch Long Covid. Diese Gefahr zu minimieren, spreche für das weitere Tragen der Maske und Aufrechterhalten der Schutzmaßnahmen. In der Regel hätten coronainfizierte Kinder zwar relativ harmlose Verläufe, sagte Kinderarzt Buck in der vergangenen Woche. Studien zufolge müssten allerdings zwei bis vier Prozent der jungen Covid-Patienten mit Langzeitfolgen rechnen.

Björn Thümler (CDU), Minister für Wissenschaft und Kultur in Niedersachsen, kritisiert, dass diejenigen Erwachsenen, die eine Impfung verweigern, auch die Kinder und Jugendlichen einschränken.

In Niedersachsen soll in einer interdisziplinären Studie das neue Krankheitsbild Long Covid bei Kindern und Jugendlichen untersucht werden. Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) sagte, dass die Studie mit der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und ihr verbundenen Einrichtungen geplant sei. Mit im Boot sei auch das niedersächsische Sozialministerium.

Kinderarztpraxen im Land sollen die ersten Anlaufstellen sein. Eingebunden werden müssten aber auch Fachärzte und vor allem Kinder- und Jugendpsychiater, sagte Buck. Gemeinsam mit Sportmedizinern sollen spezielle Trainingsprogramme für Kinder mit Long Covid entwickelt werden. In Niedersachsen leben knapp 1,4 Millionen unter 18-Jährige.

Dadurch, dass Erwachsene das Impfen verweigern, sind Kinder und Jugendliche in ihrem Tun eingeschränkt.

Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU)

Ein Expertenkreis hatte sich in der vergangenen Woche auf Einladung des Wissenschaftsministeriums getroffen, um über die Folgen der Pandemie zu diskutieren. Die Fachleute appellierten an alle Erwachsenen, sich impfen zu lassen, um Kinder zu schützen - sie litten besonders gravierend unter den Folgen der Pandemie. „Dadurch, dass Erwachsene das Impfen verweigern, sind Kinder und Jugendliche in ihrem Tun eingeschränkt“, kritisierte Minister Thümler. Wer sich nicht impfen lasse, gefährde bewusst andere Menschen.

Long Covid: Dutzende Langzeit-Beschwerden einer Coronainfektion

Von Long Covid spricht man, wenn nach einer überstandenen Coronainfektion Symptome länger als vier Wochen bestehen oder neue hinzukommen. Das postvirale Fatigue-Syndrom - eine lähmende Müdigkeit und fehlende Belastbarkeit - gehört zu den häufigsten Folgen. Es gibt Dutzende Langzeit-Beschwerden*, die etwa Atmung, Psyche, Konzentrationsfähigkeit oder Gedächtnis betreffen. Auch Spätfolgen sind möglich*.

Mit dem Schutz vor einer Ansteckung können auch mögliche Langzeitfolgen einer Coronainfektion verhindert werden..

Derzeit berichteten fast alle psychiatrischen Kinderkliniken von einem Anstieg der Notaufnahme-Fälle, sagte Luise Poustka, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Universitätsmedizin Göttingen. Häufig würden schwere Depressionen, Angststörungen oder lebensbedrohliche Essstörungen diagnostiziert. Auch jüngere Kinder werden Poustka zufolge vermehrt akut krank. Sie könnten sich dem Druck und Stress in Familien nur schlecht entziehen. Mit Material der dpa. *kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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