Kliniken ächzen unter Mehrbelastung

Von der Unsitte, ohne echte Not die 112 zu wählen

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Hannover - Von Melanie Marks und Christian Brahmann. „Wie? Sie sitzt und kommt dann mit dem Notarzt?“ Die Frau hinter dem Tresen der Notaufnahme im Vinzenz-Krankenhaus in Hannover springt von ihrem Stuhl auf, zieht die Augenbrauen nach oben. Ihr Blick richtet sich auf eine Frau im Rollstuhl, die gerade von einem Rettungssanitäter in Richtung Tresen geschoben wird. Ihre kurzen Haare sind frisch gekämmt, zu einer blauen Bluse trägt sie eine beige Stoffhose.

Es ist kurz vor neun Uhr morgens, schon eine Handvoll Patienten warten in der Klinik im Osten der Landeshauptstadt auf ihre Behandlung. In einem Bett am Rande des Ganges liegt eine ältere Dame. Ihr Gesicht ist blau angelaufen, sie starrt an die Decke.

Im vergangenen Jahr kamen alleine in Hannover 1000 Patienten mehr in die Notaufnahme als noch im Vorjahr - das geht aus dem Ivena-System hervor, in dem Krankenhäuser ihre Kapazitäten in der Notaufnahme melden, damit die Helfer im Rettungswagen in Echtzeit sehen können, wo ein Patient die schnellste Behandlung bekommen kann.

Bundesweit hat sich die Patientenzahl in den Notaufnahmen nach Angaben der Bundesärztekammer zwischen 2005 und 2015 sogar verdoppelt. 25 Millionen Patienten werden mittlerweile pro Jahr in der Notfallversorgung behandelt.

Doch es gibt auch viele Patienten, die die 112 wählen, weil sie etwa seit drei Wochen Rückenschmerzen haben, erzählt der Ärztliche Direktor am Vinzenz-Krankenhaus, Jens Albrecht. 25 bis 30 Prozent der Fälle in der Notaufnahme gehörten eigentlich zu einem niedergelassenen Arzt - doch da dauert es oft, bis man einen Termin bekommt.

Die Verdachts-Diagnose der Rollstuhl-Patientin: Innere Blutungen im Lungenraum. Die alte Dame war am Morgen zu ihrer Ärztin gegangen, weil sie starke Schmerzen beim Atmen und Kreislaufbeschwerden hatte. Die Medizinerin rief umgehend die 112.

„Das All-Inclusive-Paket“

Als Rettungswagen und Notarzt eintreffen, hat sich der Zustand der Frau bereits stabilisiert. Sie versucht sogar, einen Witz zu machen, als ein Assistent sie durch den Regen schiebt. „All diese Menschen sind nur für mich da“, sagte sie. „Das All-Inclusive-Paket“, erwiderte der Assistent.

Doch ab wann ist ein All-Inclusive-Paket gerechtfertigt? Und was sind die Konsequenzen daraus, wenn immer mehr Menschen statt zum Hausarzt zu gehen die 112 wählen? Der Notarzt, der kommt, trifft die erste Entscheidung, ob Eile geboten oder der Weg in die Notaufnahme überflüssig ist.

„Vor Ort müssen wir sehen, ob es notwendig ist, den Patienten in die Notaufnahme zu begleiten“, sagt ein 46-jähriger Notarzt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Aber wir müssen immer vom schlimmsten ausgehen. Es kann ja sein, dass sich der Zustand des Patienten auf der Fahrt akut verschlechtert.“ Bei der alten Dame im Rollstuhl habe er sich bereits mit dem Skalpell im Rettungswagen gesehen, um der Frau die Brust aufzuschneiden.

Die zweite Entscheidung trifft die Notaufnahme: Wird ein eintreffender Patient stationär aufgenommen, ambulant behandelt oder zum Hausarzt geschickt? Um das zu entscheiden, muss jeder Patient zumindest kurz durchgecheckt werden - eine Untersuchung, für die die Klinik einen Pauschalbetrag von 4,72 Euro von den Kassen erhält.

Situation in Notaufnahmen angespannt

Die Situation in den Notaufnahmen in Niedersachsen ist trotz einiger Gegenmaßnahmen weiterhin sehr angespannt. „Es hat sich in den letzten Jahren immer mehr gezeigt, dass die Patientinnen und Patienten mit den Füßen abstimmen“, sagte der Verbandsdirektor der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft, Helge Engelke. „Die Notaufnahme im Krankenhaus ist nach wie vor die Anlaufstelle Nummer eins.“

Um für Entlastung zu sorgen, hatte ein bundesweiter Ausschuss aus Kassenärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern beschlossen, dass seit April diejenigen Patienten, die keine echten Notfälle sind, an niedergelassene Ärzte weitergeleitet werden.

Ein halbes Jahr nach Einführung dieses neuen Systems gibt es dazu erste positive Einschätzungen. Im Kinder- und Jugendkrankenhaus Auf der Bult in Hannover sagt Sprecher Björn-Oliver Bönsch, eine Verringerung der Patientenzahl sei spürbar, auch wenn es noch Zeit brauche, bis sich die neuen Regeln herumgesprochen hätten. Der Großteil der Eltern sei nach einer ersten Untersuchung beruhigt und zeige Verständnis für die Weiterleitung zu einem niedergelassenen Arzt.

dpa

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