Deutsch lernen mit Kriegsbildern im Kopf

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Jugendliche Flüchtlinge sitzen im Unterricht der Sprachlernklasse in der Peter-Ustinov-Schule in Hannover.

Hannover - Die steigenden Flüchtlingszahlen stellen Niedersachsens Lehrer vor große Herausforderungen. Es fehlen Dolmetscher und Therapeuten. Viele Neuankömmlinge sind traumatisiert, innerhalb eines Jahres müssen sie fit gemacht werden für den Unterricht in einer Regelklasse.

Sie kommen aus Syrien, dem Irak, Eritrea, Bulgarien oder Polen: In der Sprachlernklasse der Peter-Ustinov-Schule in Hannover sitzen 19 Jungen und Mädchen im Alter von 10 bis 16 Jahren. Die Kinder könnten unterschiedlicher kaum sein. Die Bulgaren - Mitglieder der türkischen Minderheit auf dem Balkan - begannen als Analphabeten, viele junge Kriegsflüchtlinge aus Syrien sind dagegen gut gebildet. Innerhalb eines Jahres müssen die Kinder alle so gut Deutsch lernen, dass sie dem Unterricht in einer Regelklasse folgen können. Eine anspruchsvolle Aufgabe, die nur mit Fleiß zu bewältigen ist.

Einer aktuellen Umfrage im Auftrag der Landesregierung zufolge haben knapp 33 000 Schüler in Niedersachsen nur geringe oder gar keine Deutschkenntnisse. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) will die Integrationsanstrengungen an den Schulen verstärken. Aus Sicht der Lehrer ist es dafür höchste Zeit. „Wir benötigen mehr finanzielle Mittel, um die Integration zu schaffen“, sagt Katrin Haller, Schulleiterin der Peter-Ustinov-Schule. Mindestens 80 Prozent der 250 Kinder an der Hauptschule stammen aus Migrantenfamilien, zunehmend sind es Flüchtlinge. Im Moment werde viel improvisiert, erzählt Haller.

Eine wichtige Rolle im Schulleben spielt die Arabisch sprechende interkulturelle Bildungslotsin. Sie wird über ein Projekt finanziert, das Ende des Schuljahres ausläuft. „Was wird dann? Wir benötigen unsere Dolmetscherin und Kulturvermittlerin, auch für die Elternarbeit“, sagt die Schulleiterin. Die Dolmetscherin unterstützt unter anderem den Unterricht in der Sprachlernklasse. An diesem Morgen stehen nach der Vorstellungsrunde Kinderreime auf dem Plan: „Eine kleine Dickmadam, fuhr mal mit der Eisenbahn“ und „Morgens früh um sechs, kommt die kleine Hex'“. Danach geht es um Fragewörter - wo, was, wie, woher, wann, wer - und um unregelmäßige Verben sowie Artikel - der Fuß, das Knie, die Haare. „Ihr müsst zu Hause lernen, uns bleibt keine Zeit für Wiederholungen“, betont Lehrerin Miriam Frehe. „Wir haben nur ein Jahr, only one year.“ Besonders die jüngeren Mädchen heben ständig den Finger und strahlen, wenn sie gelobt werden.

Bei der Kontrolle der Arbeitsblätter hilft eine Studentin. Sie ist die ehrenamtliche Patin eines Mädchens, das ganz allein in Hannover eintraf. Die 15-Jährige beteiligt sich in dieser Stunde kaum. Später erzählt sie mit Hilfe der Bildungslotsin, dass sie auf ihrer Flucht in einem Schlauchboot über das Mittelmeer ein ertrunkenes Kind gesehen hat: „Das habe ich immer noch im Kopf, und es macht mich sehr traurig.“ Sechs Wochen ist die 15-Jährige erst in Deutschland. Auf ihr lastet der Druck, schnell zu lernen, um organisieren zu können, dass ihre Eltern und drei Schwestern nachkommen.

Ortswechsel: Auch der Schulleiter der Berufsbildenden Schule (BBS) 6 der Region Hannover, Michael Sternberg, beobachtet, dass viele junge Flüchtlinge unter enormem Druck stehen. Die meisten seien motiviert und lernwillig, allerdings belasteten sie die Folgen der Flucht. So verursachte ein Jugendlicher im Unterricht große Probleme. Dann kam heraus, dass er mitansehen musste, wie sein Vater getötet wurde. „Wir haben für ihn einen Therapeuten aus dem Budget unserer Schule finanziert“, berichtet Sternberg. An der BBS 6 gibt es elf Sprachlernklassen - so viele wie an keiner anderen Schule in Niedersachsen. Die Jugendlichen werden im Werkstattunterricht sowie in Praktika an bestimmte Berufsfelder herangeführt und holen ihren Hauptschulabschluss nach.

Sie haben wie an der Peter-Ustinov-Schule höchst unterschiedliche Voraussetzungen, deshalb gibt es sogar einen Alphabetisierungskurs. Sternberg plädiert dafür, in Niedersachsen das Schulgesetz anzupassen, um für Zuwanderinnen und Zuwanderer nach dem Vorbild Bayerns eine zweijährige Schulpflicht bis zum 21. Lebensjahr einzuführen. „Im Moment darf ich zwar auch über 18-Jährige aufnehmen, habe aber nicht für alle einen Platz“, sagt er. „Wir dürfen keine Zeit verlieren, die jungen Leute zu integrieren.“ Nach Erfahrungen seiner Schule dauere es anderthalb bis zwei Jahre, um absoluten Sprachanfängern gewisse Sprachkenntnisse auf dem Niveau B1 zu vermitteln. „Es sind mehr Lehrkräfte, Dolmetscher sowie Sozialpädagogen und Psychologen notwendig“, sagt der Schulleiter.
dpa

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