„Gesunde als Versuchskaninchen“

Staatsanwaltschaft fordert Haftstrafe für "falschen" Arzt

Hannover - Er stellte sich als Medizinprofessor vor und täuschte Familien mit sterbenskranken Kindern. Mehrfach wurde er gewalttätig, als seine Mitbewohnerinnen ihm widersprachen. Nun droht dem 31 Jahre alten Hochstapler eine mehrjährige Gefängnisstrafe.

Im Prozess gegen einen falschen Arzt hat die Staatsanwaltschaft drei Jahre und zwei Monate Gefängnis gefordert. Der unter anderem wegen Körperverletzung angeklagte 31-Jährige hatte am Landgericht Hannover gestanden, einem pflegebedürftigen Jungen ein Notfallmedikament gespritzt zu haben. Seiner Mitbewohnerin legte er zu Übungszwecken eine Magensonde. „In grenzenloser Selbstüberschätzung hat er das Leben von kranken Kindern gefährdet“, sagte Staatsanwältin Marina Richter am Dienstag in ihrem Plädoyer. Gesunde habe er als Versuchskaninchen missbraucht.

Der schmächtige Mann hatte in Hannover einen Kinderhospizverein gegründet und monatelang Familien mit schwerkranken Mädchen und Jungen betreut. Dabei gab er sich als ehemaliger Hospiz-Leiter und Juniorprofessor aus und schmückte sich mit den Titeln „Dr. med. univ. Mag. Psych.“. Tatsächlich hatte er die Realschule nach der neunten Klasse ohne Abschluss verlassen. Die Fragen der Richter beantwortete der vermeintliche Arzt mit offensichtlich antrainiertem Schweizer Akzent, obwohl er aus Halberstadt in Sachsen-Anhalt stammt.

Der aus zerrütteten Familienverhältnissen stammende Angeklagte sei in eine idealisierte Wunschwelt geflüchtet, urteilte der psychiatrische Gutachter. Auch während des Prozesses hatte der Mann sich in Widersprüche verstrickt und beispiesweise behauptet, das Abitur mit einem Notendurchschnitt von 1,2 abgelegt zu haben. Der Sachverständige attestierte dem 31-Jährigen eine Persönlichkeitsstörung, stufte ihn aber als voll schuldfähig ein. Verteidiger Matthias Steppuhn forderte für seinen Mandanten eine Gesamtstrafe von zwei Jahren und neun Monaten. Als Nebenklägerinnen traten Zwillingsschwestern im Prozess auf. Sie hatten gemeinsam mit dem falschen Arzt den Kinderhospizverein gegründet und ihn in ihre Wohnung aufgenommen.

Hier kam es mehrfach zu gewalttätigen Übergriffen. Der Rechtsanwalt der Nebenklägerinnen sprach sich auch wegen der fehlenden Reue des Angeklagten für eine Strafe von drei Jahren und drei Monaten aus. Dem Geständnis des 31-Jährigen waren Verständigungsgespräche der Prozessbeteiligten vorausgegangen. Das Urteil soll am 2. Juli gesprochen werden. In seinem Schlusswort sagte der falsche Arzt: „Allgemein, wie das eskaliert ist, so hätte es nicht eskalieren dürfen.“
dpa

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa/dpaweb

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Leipzig verpasst Platz zwei - Nächste Schalke-Pleite

Leipzig verpasst Platz zwei - Nächste Schalke-Pleite

Überraschend: Diese fünf Berufe machen krank

Überraschend: Diese fünf Berufe machen krank

Bootsurlaub auf der Mecklenburgischen Seenplatte

Bootsurlaub auf der Mecklenburgischen Seenplatte

Fotostrecke: Werder gegen Gladbach ohne Tore, aber mit Leidenschaft

Fotostrecke: Werder gegen Gladbach ohne Tore, aber mit Leidenschaft

Meistgelesene Artikel

Filmspaß in Corona-Zeiten: Autokinos in Niedersachsen im Überblick

Filmspaß in Corona-Zeiten: Autokinos in Niedersachsen im Überblick

Niedersachsen lockert Corona-Regeln für Restaurants, Cafés, Biergärten und Hotels

Niedersachsen lockert Corona-Regeln für Restaurants, Cafés, Biergärten und Hotels

Corona-Infektionen in Restaurant bei Leer: Keine private Party – Betreiber weist Vorwürfe zurück

Corona-Infektionen in Restaurant bei Leer: Keine private Party – Betreiber weist Vorwürfe zurück

„Risikogruppen sollten zugunsten der Kinder zu Hause blieben“ - Käßmann-Aussage zu Corona erntet Kritik

„Risikogruppen sollten zugunsten der Kinder zu Hause blieben“ - Käßmann-Aussage zu Corona erntet Kritik

Kommentare