Schweigen aus Angst? Neue Vorwürfe gegen Bundespolizisten

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In Hannover sind einem Medienbericht zufolge möglicherweise Flüchtlinge in Polizeigewahrsam misshandelt worden. Jetzt gibt es neue Vorwürfe.

Hannover - Von Marco Hadem. Ein Bundespolizist soll in einer Wache Flüchtlinge gequält haben. Alleine diese Nachricht hat bundesweit für Entsetzen und in den Reihen der Polizei für Verunsicherung gesorgt. Nun heißt es: Zu den Opfern des 39-Jährigen zählt auch ein Kollege.

Die Stimmung an der Wache der Bundespolizei am Hauptbahnhof in Hannover ist gereizt. 292 Beamte arbeiten derzeit hier - darunter 282 Polizisten. Nachdem bekanntwurde, dass ein 39-jähriger Beamter im vergangenen Jahr in mindestens zwei Fällen Flüchtlinge misshandelt haben soll, ist an diesem Dienstag vom sonst üblichen Alltag nicht viel übrig. Bei vielen Uniformierten herrscht Unsicherheit. Die Vorwürfe wiegen zu schwer, um „einfach so weiterzumachen“, sagt ein Polizei-Insider, der anonym bleiben will.

Obwohl sich die Ermittlungen „nur“ gegen einen Polizisten richteten, hätten etliche Angst vor einem kollektiven Verdacht, zu „folternden Bundespolizisten zu gehören“. Dass dies nicht unbegründet ist, zeigt sich am Montagabend, als es bei einer spontanen Demonstration auf dem Bahnhofsvorplatz zu Krawallen kommt. Zwei Polizisten werden verletzt. Ein Sprecher sagt später, „das war ein Reizthema“ und meint den Moment, als Bundespolizisten den Landespolizisten bei der Demo zu Hilfe kamen. Doch damit nicht genug: Die Misshandlungen hinter den dicken Mauern der Wache scheinen nicht der einzige haarsträubende Vorfall gewesen zu sein.

Am Dienstag macht ein neues, ebenfalls sehr pikantes Detail die Runde: Nach einem Bericht des NDR gehörten auch ein Polizist zu den Opfern des 39-jährigen Beschuldigten: Im August 2013 soll er im Aufenthaltsraum der Wache am Hauptbahnhof seine geladene und entsicherte Dienstwaffe gezogen und den Lauf einem Kollegen an die Schläfe gehalten haben. Zudem soll er ihn zu sexuellen Handlungen aufgefordert haben. Hannovers Oberstaatsanwalt Thomas Klinge bestätigt, dass auch dieser Punkt Teil der Ermittlungen sind. Fünf Beamte sollen den Vorfall miterlebt haben. Wie bei den Misshandlungen erfährt die Öffentlichkeit dennoch auch von diesem Vorgang zunächst nichts.

Statt den heftigen Verstoß gegen die Regeln des Waffengebrauchs Vorgesetzten zu melden und etwa ein Disziplinarverfahren einzuleiten, wird einmal mehr der Mantel des Schweigens darüber gelegt. Aber warum? Aus Angst? Für Martin Schilff, Mitglied im geschäftsführenden Bundesvorstand der GdP - Bezirk Bundespolizei, ist ein Klima der Angst und Unterdrückung anders als noch vor wenigen Tagen inzwischen längst nicht mehr unvorstellbar. „Eigentlich hätte ich gesagt, dass ein solches Mundtotmachen vielleicht bei einem Einzelnen funktioniert, aber nicht in einer größeren Gruppe“, sagt er. „Nachdem, was wir nun aber schon alles erfahren haben, halte ich es nicht mehr für unmöglich.“

Nicht nur bei der Bundespolizei in Hannover haben die Berichte und die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen den 39-Jährigen für Unruhe gesorgt. Dies zeigt auch der Besuch von Bundespolizeipräsident Dieter Romann. Am Dienstagnachmittag inspiziert der oberste Dienstherr der rund 40 000 Bundespolizisten kurzerhand die in Verruf geratene Wache. „Ich bin jetzt hier, um mir persönlich ein Bild über die Dienststelle zu machen und mit den Mitarbeitern selbst zu sprechen“, betont er anschließend vor den vor der Tür wartenden Kamerateams. Obwohl die Stippvisite nicht angekündigt wurde, hat sie sich in Hannover wie ein Lauffeuer herumgesprochen.

Romann will mit seinem Besuch nicht die Medien bedienen, sondern den Polizisten zeigen, wie ernst er ihre Situation nimmt. Er muss verhindern, dass im Kollegenkreis die Verunsicherung um sich greift und das Image der Bundespolizei nachhaltig beschädigt wird. „Nein, es ist keine Zeugenbefragung, sondern ein Eindruck über die Gesamtsituation in der Dienststelle“, betont er. Konkreter will er nicht werden.
dpa

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