Einschätzung der Gefährdungslage

Häusliche Gewalt: Auswirkungen der Pandemie auf Kinder

In Niedersachsen wurde für das vergangene Corona-Jahr ein Anstieg im Bereich der häuslichen Gewalt festgestellt. Die Zahlen zeigen auch eine Veränderung im Bereich der Kindeswohlgefährdung.

Hannover – Die Niedersächsische Kriminalstatistik zeigt für das Jahr 2020 insgesamt einen Anstieg häuslicher Gewalt um 6,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Eine Veränderung stellte das Land ebenfalls in Bezug auf die Gefährdung von Kindern und Jugendlichen fest. Insgesamt sind im Jahr 2020 in Niedersachsen 15.015 Gefährdungseinschätzungen durch die Jugendämter vorgenommen worden. Das hatte das Landesamt für Statistik Niedersachsen (LSN) bereits im Juli mitgeteilt. 

Bundesland:Niedersachsen
Landeshauptstadt:Hannover
Einwohnerzahl:8.003.421 (31. Dezember 2020)
Bevölkerungsdichte:168 Einwohner pro km²

Häusliche Gewalt: Keine verlässlichen Angaben über Gefahrenlage für Kinder und Jugendliche

Dass eine Einschätzung der Gefährdungslage vorgenommen wurde, sagt jedoch erstmal nur etwas darüber aus, dass jemand hingesehen und einen Verdacht gemeldet hat. Jemand wollte somit sicher gehen, dass eine mögliche Gefahr geprüft wird und bestenfalls ausgeschlossen werden kann.

„Das Jugendamt ist verpflichtet, bei ‚gewichtigen Anhaltspunkten‘ das Gefährdungsrisiko eines Kindes einzuschätzen. Diese gewichtigen Anhaltspunkte können Hinweise aus der Bevölkerung, einer Einrichtung oder aus der Familie selbst sein“, erklärt eine Sprecherin des Niedersächsischen Landesamts für Soziales, Jugend und Familie gegenüber kreiszeitung.de. Zunächst sagt die Zahl also nur aus, dass es Hinweise gibt, denen das Jugendamt auf der Grundlage seines gesetzlichen Auftrages nachgehen muss.

Ein Anstieg der Zahl bei den Gefährdungseinschätzungen sagt daher nichts über die tatsächliche Zahl gefährdeter Kinder aus.

Kindesmissbrauch: Hohe Dunkelziffer auch durch fehlende Meldungen aus Schulen und Sportvereinen

Stefan Frohloff, Sprecher beim unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, betont gegenüber kreiszeitung.de außerdem, dass die veröffentlichten Zahlen nicht die Dunkelziffer umfassen. Im Zusammenhang mit dem Corona-Jahr vermutet er zudem, dass es weniger Meldungen gebe, da diese in vielen Fällen aus Schulen oder Sportvereinen kommen würden. Diese waren jedoch lange geschlossen.

Die Niedersächsische Kriminalstatistik zeigt insgesamt für das Jahr 2020 einen Anstieg häuslicher Gewalt um 6,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Eine Veränderung stellte das Land ebenfalls in Bezug auf die Gefährdung von Kindern und Jugendlichen fest (Symbolbild).

Archegründer Bernd Siggelkow sagte im August im Tagesspiegel-Interview: „Wenn heute die Schulen schließen würden, würden wir bei der Arche wieder vor den gleichen Problemen stehen wie im März 2020. Das ist erschreckend, denn klar ist, dass Perspektivlosigkeit und häusliche Isolation automatisch dazu führen, dass häusliche Gewalt ansteigt.“ Siggelkow berichtet von einer Zunahme von Gewalt zwischen den Kindern eines Haushalts. Aber auch Eltern hätten sie ausgeübt. 

Um diese Situation – insbesondere auch vor dem Hintergrund der Pandemie und der damit verbundenen Isolation – einschätzen zu können, muss ein Blick in die Zahlen geworfen werden, die Auskunft über tatsächlich eingeleitete Verfahren und festgestellte Kindeswohlgefährdungen geben.

Häusliche Gewalt im Corona-Jahr in Niedersachsen: „Zum Teil sehr deutliche Anstiege“

„Im Phänomenbereich häuslicher Gewalt registriert die niedersächsische Polizei seit über zehn Jahren kontinuierliche und zum Teil sehr deutliche Anstiege“, heißt es in Niedersachsens Polizeilicher Kriminalstatistik 2020. In dem Jahr registrierte die Polizei insgesamt 21.509 Fälle, das entspricht einer Zunahme von 1.343 Fällen häuslicher Gewalt im Vergleich zum Vorjahr. Als Fazit dazu wird festgehalten, dass sich der „durch Experten schon im vergangenen Jahr prognostizierte Anstieg durch die Voraussetzungen der Pandemie“ offenbar bestätigt habe. Inwieweit die Pandemie-Situation die Ursache für diese Entwicklung ist, geht aus den Zahlen jedoch nicht hervor. 

Häusliche Gewalt gegen Frauen hat in der Corona-Pandemie massiv zugenommen

Von der Caritas im Emsland hieß es jedoch Ende Juli, dass die Gewalt gegen Frauen während des Lockdowns massiv zugenommen hätte. Der Schwangeren- und Frauennotruf Mirjam habe ebenfalls eine Zunahme der Gewalt festgestellt. Insbesondere Frauen und Familien in beengten Verhältnissen hätten sich an das Krisentelefon gewandt, wie ein Diakoniesprecher der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ sagte. 

Betroffen sind dabei aber eben auch Kinder. Der Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes in Niedersachsen, Johannes Schmidt, erklärte, dass genau das eingetreten sei, vor dem „wir schon seit einem Jahr warnen – eine strukturelle angelegte Kindeswohlgefährdung.“ Viele Träger hätten während der Pandemie den Kontakt zu den Kindern verloren. Stefan Frohloff berichtet, dass die Kinderschutzhotline während der Pandemie zunächst einen Rückgang der Anrufe verzeichnet hatte. Diese Zahl sei mittlerweile aber wieder gestiegen. Sichere Zahlen gebe es bislang nicht, das Phänomen werde jedoch untersucht.

Auch vom Landesamt für Soziales, Jugend und Familie in Niedersachsen heißt es, dass die statistischen und wissenschaftlichen Befunde zu dieser Thematik nicht eindeutig seien. Die Datenlage der Zusatzerhebung anlässlich der Pandemie sei es ebenso wenig. In einem Werkstattbericht zur Zusatzerhebung werden mehrere vorläufige Schlussfolgerungen gezogen.

Unter diesen ist das Wissen, dass es in Niedersachsen im Zeitraum Mai bis Dezember 2020 zwar neun Prozent mehr Verfahren im Zusammenhang mit dem Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung gegeben hat als 2019, damit setze sich aber ein bereits seit Jahren anhaltender Trend steigender Fallzahlen fort. Auch bleibe der Anstieg in derselben Größenordnung wie vor der Pandemie. Die Ergebnisse zeigten eine „überraschend große Konstanz gegenüber den Erfahrungswerten der vergangenen Jahre“, heißt es in dem Bericht. Auch Stefan Frohloff erklärte gegenüber kreiszeitung.de, dass es seit Jahren stabile Zahlen gebe, die sich nicht verändern würden.

Unterteilung der Gefährdungsarten und Kategorien

Wie einleitend bereits festgehalten, geben vorgenommene Gefährdungseinschätzungen zunächst keinen Überblick über die tatsächliche Anzahl vorliegender Gefährdungen. Gibt es einen Hinweis auf eine Gefährdung, müsse sich das Jugendamt „einen unmittelbaren Eindruck vom Kind in seiner persönlichen Umgebung machen und das Gefährdungsrisiko im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte einschätzen“, heißt es vom Landesamt. Auf vier vorgenommene Gefährdungsmeldungen komme eine festgestellte Kindeswohlgefährdung, so die Sprecherin.

Von den insgesamt 15.015 2020 in Niedersachsen vorgenommenen Einschätzungen, ließ sich eine tatsächliche Kindeswohlgefährdung in 27,2 Prozent der Fälle feststellen. Insgesamt waren es 4.090 betroffene Kinder. Was genau heißt nun Kindeswohlgefährdung? 

Es gibt Unterscheidungen bei der Beurteilung der Gefährdungssituation eines Kindes. Eine erste Unterteilung findet in akute und in latente Gefährdungsfälle statt. Von einer latenten Gefährdung spricht man dann, wenn es Hinweise auf eine Gefahr gibt, diese aber nicht eindeutig festgestellt werden kann. Liegt bereits eine Schädigung vor oder es kann mit hoher Wahrscheinlichkeit damit gerechnet werden, dass es zu einer solchen kommt, dann wird von einer akuten Kindeswohlgefährdung gesprochen.

Vom zuständigen Jugendamt werden den Personensorgeberechtigten je nach Einschätzung im Einzelfall geeignete Hilfen zur Abwendung der Gefährdung angeboten.

Sprecherin des Niedersächsischen Landesamts für Soziales, Jugend und Familie

Diese beiden Gefährdungskategorien werden dann noch einmal Unterkategorien geteilt. Ein Kind kann durch Vernachlässigung, körperliche oder psychische Misshandlung sowie sexuelle Gewalt akut oder latent gefährdet sein. 

Die Sprecherin des Landesamts erklärt, dass bei festgestellter Kindesgefährdung sich die dann folgenden Schritte „ganz individuell nach den Besonderheiten des Einzelfalls“ richten. „Vom zuständigen Jugendamt werden den Personensorgeberechtigten je nach Einschätzung im Einzelfall geeignete Hilfen zur Abwendung der Gefährdung angeboten.“

20202019Veränderung in %
Verfahren insgesamt15.01514.144+6,2
Kindeswohlgefährdung4.0904.054+0,9
...davon akut1.8582.111-12
...davon latent2.2321.943+14,9
Quelle:2021 Landesamt für Statistik Niedersachsen (LSN)

Von den 4.090 Fällen der Kindeswohlgefährdung konnten 2.232 als latent, 1.858 als akut bewertet werden. Im Corona-Jahr 2020 gab es Veränderungen der Zahlen in allen Bereichen. Auffällig ist, dass die akute Gefährdung des Kindeswohls laut Statistik um 12 Prozent abgenommen, während die latente um fast 15 Prozent zugenommen hat. Mit der Pandemie haben sich jedoch auch andere Faktoren verändert, die direkt oder indirekt Einfluss auf die Verfahren der Einschätzung einer Kindeswohlgefährdung haben.

Zahlen aus Bund und Niedersachsen bei akuter Kindeswohlgefährdung

Wie das LSN mitteilt, habe es in 2020 deutliche Änderungen im Vergleich zum Jahr 2019 gegeben, wenn man auf die Institutionen oder Personen blickt, „die eine Gefährdungseinschätzung bekannt gemacht haben“. Eine Ursache dafür ist die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten. Meldungen aus Schulen gab es 4,7 Prozent weniger, aus Kindertagesstätten oder aus der Tagespflege 16,7 Prozent weniger. Das Landesamt für Soziales, Jugend und Familie sieht einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Rückgang von Meldungen und der Schließung von Schulen und Kindertageseinrichtungen als wichtige Hinweisgeber für die Jugendämter.

Diese Verschiebung bei der Herkunft der Meldungen durch geschlossene Bildungseinrichtungen, aber eben auch Vereine, in denen Kinder und Jugendliche ihre Freizeit verbringen, die auch Stefan Frohloff genannt hat, spiegelt sich ebenfalls in den Zahlen wider. Meldungen gingen in Niedersachsen vermehrt direkt von Polizei, Gerichten oder Staatsanwaltschaften ein (+3,2 Prozent), aber einen erheblichen Anstieg von jeweils fast 30 Prozent gab es in der Gruppe der Bekannten oder Nachbarn (27,7 Prozent) sowie durch einen Elternteil oder Sorgeberechtigte (+27,7 Prozent). 

Mit dem Blick auf die 1.858 Fälle festgestellter akuter Kindeswohlgefährdung ist auffällig, dass mehr als die Hälfte auf Vernachlässigung zurückzuführen ist. Was jedoch in der Pandemie einen „sprunghaften Anstieg“ gemacht habe, seien Fälle von Kinderpornografie, sagt Frohloff gegenüber kreiszeitung.de. Dieser Punkt wird auch in der PKS Niedersachsens hervorgehoben. Dort heißt es, es konnten starke Zunahmen in den Bereichen des sexuellen Missbrauchs von Kindern (+7,24 Prozent, +118 von 1.629 auf 1.747 Fälle) und der Verbreitungs-, Besitz und Herstellungsdelikte von pornografischen Schriften (+33,37 Prozent, +840 von 2.517 Fälle auf 3.357 Taten) sowie dem diesbezüglichen Teilbereich der Kinderpornografie (+18,43 Prozent, +321 von 1.742 auf 2.063 Fälle) verzeichnet werden.

akute Kindeswohlgefährdung (2020)
davon nach Art der Kindeswohlgefährdung Anzeichen für …
Verfahren (ohne Mehrfachnennungen)Vernachlässigungkörperliche Misshandlungpsychische Misshandlungsexuelle Gewalt
Niedersachsen18581092622600129
Deutschland29.69017.3149.18910.2041.923
Quelle: Landesamt für Statistik Niedersachsen (LSN), Statistisches Bundesamt

„Die Menschen hatten mehr Zeit“, sagt Frohloff, dadurch sei auch die Nachfrage gestiegen. Ebenfalls besorgniserregend sei jedoch, dass auch Jugendliche untereinander Inhalte teilen würden, die als pornografisch definiert würden. Er vermute, dass das auch daran liege, dass Jugendliche oft selbst nicht wüssten, dass es sich beim Teilen solcher Inhalte um eine Straftat handele. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Annette Riedl / picture alliance / dpa

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