Update mit neuesten Erkenntnissen

Krankenpfleger Niels H. soll 84 weitere Menschen getötet haben

PK zum Stand der Ermittlungen gegen Ex-Pfleger Niels H.
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Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann und Polizeipräsident Johann Kühme informieren über die neuesten Ermittlungen im Fall Niels H.

Oldenburg - Niels H. sitzt bereits wegen Mordes an Patienten in Haft. Doch das ganze Ausmaß seiner Verbrechen kam erst nach und nach ans Licht. Bald könnte er erneut vor Gericht stehen - für eine der größten Mordserien in Deutschland.

Der verurteilte Patientenmörder Niels H. könnte nach Angaben der Ermittler für die größte Mordserie in der deutschen Nachkriegsgeschichte verantwortlich sein. Der heute 40-Jährige soll mindestens 84 weitere Menschen an den Kliniken in Oldenburg und Delmenhorst in Niedersachsen umgebracht haben.

Das ist das Ergebnis fast dreijähriger Ermittlungen, die Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag in Oldenburg vorstellten. Wegen sechs Taten sitzt der Ex-Pfleger bereits lebenslang in Haft. Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres will die Staatsanwaltschaft erneut Anklage erheben. 

Niels H. hatte gestanden, Patienten eine Überdosis von Medikamenten gespritzt zu haben, um sie anschließend wiederbeleben zu können. Damit wollte er sich vor Kollegen als heldenhafter Retter beweisen. Mehr als 130 frühere Patienten der beiden Kliniken ließ die eigens dafür eingerichtete Sonderkommission der Polizei in den vergangenen drei Jahren ausgraben und auf Rückstände von Medikamenten testen.

Ermittler erschüttert über Ausmaß der Taten

„Die Erkenntnisse, die wir dabei gewinnen konnten, erschrecken noch immer - ja, sie sprengen jegliche Vorstellungskraft“, sagte Oldenburgs Polizeipräsident Johann Kühme. Bei 48 Patienten in Delmenhorst und 36 in Oldenburg wurden die Ermittler fündig. Bei 41 Toten stehen die Ergebnisse der toxikologischen Untersuchung noch aus. 

Die tatsächliche Zahl der Verbrechen von Niels H. liege aber um ein Vielfaches höher, sagte Soko-Leiter Arne Schmidt. „Die Morde, die wir belegen können, sind nur die Spitze des Eisberges.“ Allein am Klinikum Delmenhorst seien mehr als 130 Patienten, die während einer Schicht von Niels H. starben, eingeäschert worden. Ein Nachweis sei bei ihnen nicht mehr möglich.

Soko wird aufgelöst

Die Polizei löst die Sonderkommission jetzt auf, die Ermittlungen laufen aber noch weiter. In Verhören im Gefängnis hat Niels H. die Taten in Delmenhorst und Oldenburg eingeräumt. Offen bleibe, ob er im vollen Umfang geständig sei und ob er sich überhaupt an alle Taten erinnern könne, sagte Schmidt. 

So bestreite Niels H., dass er auch Patienten an anderen Arbeitsstätten - als Rettungssanitäter und als Pfleger in Altenheimen - eine Überdosis Medikamente gespritzt habe. Diesen Verdacht würden aber Zeugenaussagen nahelegen. Die Patienten starben in diesen Fällen aber nicht. 

Großteil der Morde hätte verhindert werden können

Fest steht nach Ansicht der Ermittler, dass ein großer Teil der Morde hätte verhindert werden können. Schon am Klinikum Oldenburg gab es eine Statistik, die zeigte, dass während der Schicht von Niels H. die Sterberate und die Zahl der Reanimationen stieg. Diese Statistik sei auch der damaligen Geschäftsführung bekannt gewesen, sagte Schmidt. 

Wären die Verantwortlichen damals schon zur Polizei gegangen, wäre es zu den Morden an der späteren Arbeitsstelle in Delmenhorst nicht gekommen, betonte Schmidt. Stattdessen trennte sich das Klinikum Oldenburg von dem verdächtigen Pfleger und stellte ihm sogar ein gutes Arbeitszeugnis aus. 

Eine Warnung an das Klinikum Delmenhorst blieb aus. Auch am Klinikum Delmenhorst gab es bald Gerüchte, weil auffällig viele Patienten während der Schicht von Niels H. starben. Später lagen auch handfeste Beweise vor: Zwei frühere Oberärzte und der Stationsleiter werden deshalb wegen Totschlags durch Unterlassen vor Gericht stehen. Die Ermittlungen gegen Verantwortliche am Klinikum Oldenburg laufen noch. 

Von einem großen Versagen sprach die Deutsche Stiftung Patientenschutz. Tätern würde es in Krankenhäusern und Pflegeheimen immer noch zu leicht gemacht, teilte Vorstand Eugen Brysch mit. „In vielen der bundesweit 2000 Krankenhäusern wurden die Kontrollmechanismen nicht verschärft. So fehlt für die meisten Kliniken weiterhin ein anonymes Meldesystem.“

Die Chronologie der Mordserie und der Ermittlungen

1999-2002: Niels H. arbeitet im Klinikum Oldenburg. 

2003-2005: Der Pfleger arbeitet auf der Intensivstation im Klinikum Delmenhorst. 

Juni 2005: Eine Krankenschwester ertappt den Mann im Klinikum Delmenhorst auf frischer Tat, als er einem Patienten ein Mittel verabreichen will, das dieser gar nicht bekommen soll. 

2006: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof kippt das Urteil. 

Juni 2008: Im Revisionsprozess verurteilt das Landgericht Oldenburg den Mann zu siebeneinhalb Jahren Haft wegen Mordversuchs. 

Januar 2014: Die Staatsanwaltschaft erhebt erneut Anklage gegen den Mann, der Prozess beginnt im September. 

November 2014: Eine Sonderkommission der Polizei ermittelt. Sie geht inzwischen mehr als 200 Verdachtsfällen nach. 

Januar 2015: Niels H. gesteht vor Gericht etwa 90 Taten. Bis zu 30 Patienten sollen gestorben sein. 

Februar 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt Niels H. wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung an Patienten in Delmenhorst zu lebenslanger Haft

Juni 2016: Die Ermittler geben bekannt, dass Niels H. für mindestens 33 Todesfälle am Klinikum Delmenhorst verantwortlich ist. Niels H. habe gestanden, auch am Klinikum Oldenburg Patienten getötet zu haben. 

August 2017: Niels H. hat nach neuen Angaben der Ermittler 84 weitere Menschen auf dem Gewissen, neben den sechs Fällen, für die er bereits verurteilt wurde. Die Zahl der Todesfälle liege vermutlich sogar weit höher; viele Patienten seien jedoch eingeäschert worden und können nicht mehr untersucht werden. Die Sonderkommission soll Ende des Monats aufgelöst werden.

Serienmörder und ihre Opfer

Bis Serienmörder entlarvt und verurteilt werden, vergehen wie im Fall Niels H. oft Jahre. Aufsehenerregende Fälle von Prozessen in Deutschland, ausgenommen die NS-Verbrechen: 

- Ein Fernfahrer gestand, zwischen 2001 und 2006 drei Prostituierte in Spanien und zwei in Frankreich ermordet zu haben. Zudem bekannte er sich zum Mord an einer Mitschülerin in Plauen 1974. 2007 wird der Mann vor Prozessbeginn erhängt in seiner Bayreuther U-Haft-Zelle gefunden. 

- Ein als „Todespfleger von Sonthofen“ bekannt gewordener Mann tötete 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Klinikpatienten. Wegen vielfachen Mordes und Totschlags wurde er 2006 zu lebenslanger Haft verurteilt. 

- Anfang der 1990er Jahre brachte ein Obstpflücker aus Brandenburg sechs Menschen um, darunter ein drei Monate altes Baby. „Bestie von Beelitz“ tauften Medien den Mann. Ein Gericht weist den Mann zur psychiatrischen Behandlung in den Maßregelvollzug ein und verurteilt ihn zu anschließenden 15 Jahren Haft. 

- Mit einer Säge zerstückelte Fritz Honka in Hamburg Anfang der 1970er Jahre mehrere Prostituierte. Die Leichenteile versteckte er auf dem Dachboden. 1976 wurde er zu 15 Jahren Haft und Unterbringung in der Psychiatrie verurteilt, wo er 1998 starb. 

- Von 1918 bis 1924 ermordete Fritz Haarmann in Hannover etwa zwei Dutzend junge Männer. Um sie zu töten, biss er ihnen in den Hals, daher sein Beiname "der Vampir". 1925 wurde Haarmann enthauptet.

dpa

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