Corona verschärft die Lage

Generation Nichtschwimmer: Frustration und Seepferdchen-Sorgen

Schon vor dem Beginn der Corona-Pandemie klagten Experten, dass viele Viertklässler nicht mal das Seepferdchen haben. Corona verschärft die Lage.

Hannover – Die Bäder waren lange dicht, Zehntausende Anfängerkurse fielen aus, auch das Schulschwimmen ist in vielen Bundesländern zum Erliegen gekommen. Erzeugt die Corona-Pandemie eine Generation von Nichtschwimmern?

OrganisationDLRG
Mitglieder551.664 (2020)
Gründung19. Oktober 1913, Leipzig
HauptsitzBad Nenndorf

„Die haben wir bereits“, sagt Achim Wiese, Sprecher der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Aber jetzt nehme die Schwimmfertigkeit noch einmal einen heftigen Knick nach unten. „Das ist eine dramatische Entwicklung.“ Nach einer DLRG-Studie aus dem Jahr 2017 sind bundesweit 59 Prozent der Mädchen und Jungen keine sicheren Schwimmer*, wenn sie die Grundschule verlassen. Ihnen fehlt das Jugendschwimmabzeichen in Bronze, 23 Prozent haben noch nicht einmal das Seepferdchen.

Lange Wartelisten für Seepferdchen- oder Bronze-Kurse

Auch der Deutsche Schwimmverband (DSV) schlägt Alarm. Nach dem Teil-Lockdown müssten die Bäder den Vereinen mehr Zeit für Schwimmkurse einräumen, auch an den Wochenenden oder in den Ferien, fordert DSV-Vizepräsident Wolfgang Hein. Schon vor der Pandemie gab es für Seepferdchen- oder Bronze-Kurse vielerorts lange Wartelisten.

Schwimmkurse sollen gründlich nachgeholt werden

Wichtig sei es, die ausgefallene Schwimmkurse gründlich nachzuholen. „Es geht schließlich um den Schutz vor dem Ertrinkungstod.“ Auch die Politik sei gefordert, auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene.

Seit dem 5. November 2020 war das Schulschwimmen in Niedersachsen etwa komplett verboten. Laut einem Sprecher der Kultusministerkonferenz soll Schulschwimmen unter Wahrung der Abstands- und Hygieneregeln in den Ländern stattfinden.

Die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) hat vor einer steigenden Zahl von Nichtschwimmern gewarnt.

Weil der öffentliche Badebetrieb verboten war, hätten bundesweit viele Kommunen und Betreiber ihre Bäder komplett dicht gemacht, klagt Hein, der auch Präsident des Landesschwimmverbandes Niedersachsen ist. Dabei seien dem Deutschen Schwimmverband keine Corona-Ausbrüche bekannt, die man auf Schwimmbadbesuche zurückführe.

Aus Vorsicht an vielen Orten keine Seepferdchen-Kurse im Angebot

Im Juni öffneten viele Bäder wieder ihren Betrieb mit strengen Hygienekonzepten und für weit weniger Besucher, die sich meist vorab anmelden mussten. Auch das Freibad in Weyhe hat unter Auflagen wieder geöffnet. Aus Vorsicht werden an vielen Orten aber keine Seepferdchen-Kurse angeboten. „Bei uns liegt das Anfängerschwimmen seit März komplett still“, erzählt Manfred Hellmann, der seit 40 Jahren Schwimmtrainer im hessischen Marburg ist.

„Im Wasser lassen sich die Abstandsregeln bei den jüngsten Kindern nicht durchhalten.“ 170 Kinder stehen ihm zufolge allein beim VfL Marburg auf der Warteliste. „Es ist ein Riesen-Stau angelaufen.“ Das Schulschwimmen könne die Defizite nicht auffangen, betont der Schwimmtrainer. „Da haben Sie über 20 Kinder im Bad für 40, 45 Minuten.“ Allerdings können Eltern bei Schwimmdefiziten helfen.

Im schlimmsten Fall vergehen anderthalb Jahre bis zum Seepferdchen-Kurs

In Achim bei Bremen halten die Mädchen und Jungen, die im Januar den Seepferdchen-Kurs im Hallenbad starteten, immer noch nicht ihr Abzeichen in Händen. „Viele Kinder sollten genau an dem Tag, als das Bad zum zweiten Mal dicht gemacht wurde, ihr Seepferdchen machen“, erzählt die Mutter von Alina (6) und Melissa (5). Ihre ältere Tochter sei sehr enttäuscht. „Jetzt wurde ihr auch noch ihr letztes Hobby weggenommen.“

Die jüngere sollte eigentlich im Kurs direkt nach Alina starten, doch jetzt muss sie im schlimmsten Fall anderthalb Jahre warten. „Mein Wunsch war eigentlich, dass die Kinder vor der Schule schwimmen lernen. Dann hat man auch im Urlaub und am Garten-Pool ein besseres Gefühl“, erzählt die 35-Jährige. „Das schaffen wir nicht mehr.“ In Rotenburg hat ein 15-Jähriger einen Mann vor dem Ertrinken gerettet.

DLRG warnt davor, jüngere Kinder unbeaufsichtigt schwimmen zu lassen

Auch nach dem tödlichen Badeunfall im Rhein in Duisburg mit einer ertrunkenen 17-Jährigen und zwei vermissten Mädchen (13 und 14) warnt die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft nachdrücklich davor, jüngere Kinder unbeaufsichtigt schwimmen zu lassen. „Kinder ertrinken in 30 bis 90 Sekunden“, sagte die Sprecherin der DLRG-Nordrhein, Maike Waschnewski.

Sie verfielen dabei typischerweise in eine Schockstarre, überstreckten den Hals und schnappten nach oben nach Luft. Dabei verschlössen sich die Stimmritzen, so dass die Kinder nicht einmal um Hilfe rufen könnten. „Kinder ertrinken sehr schnell und lautlos.“ Kinderschwimmreifen oder Schwimmärmchen böten keine zuverlässige Hilfe.

Schwimmausbildung von Kindern und Erwachsenen lässt zu wünschen übrig

Die Schwimmausbildung von Kindern und Erwachsenen lasse sehr zu wünschen übrig, klagte die DLRG-Sprecherin. Viele Kommunen hätten über Jahre an Bädern und überwachten Wasserflächen gespart. Die weniger gewordenen Schwimmbäder lägen für viele Schulen zu weit entfernt, um Grundschulkindern in der knappen Zeit tatsächlich das Schwimmen beizubringen. „Wir haben ein Riesenloch an Nichtschwimmern.“

Die Corona-Pandemie habe das Problem verschärft, sagte die Sprecherin. Viele Menschen, die jetzt ins Wasser gingen, hätten wegen der Lockdowns ein bis zwei Jahre das Schwimmen nicht mehr geübt. Öffentliche Schwimmbäder böten immer noch vielfach nur begrenzte Öffnungszeiten. Die Menschen nutzten deshalb unbewachte und oft auch kostenlose Angebote, vergäßen ihren Trainingsrückstand und überschätzten sich im Wasser. * 24hamburg.de und kreiszeitung.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

Mit Material der dpa

Rubriklistenbild: © Patrick Pleul

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