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„Täter passen sich an“: Zahl von gesprengten Geldautomaten nimmt massiv zu

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Von: Marcel Prigge

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Ein Polizist geht an einer Sparkassen-Filiale entlang, die von einer Geldautomatensprengung völlig zerstört ist.
Geldautomatensprengungen zerstören meist auch den Innenraum der jeweiligen Filiale. So auch geschehen im Mai in der Region Hannover. © Moritz Frankenberg/dpa

In Niedersachsen kommt es immer häufiger zu Sprengungen von Geldautomaten – und die Gefahr für Unbeteiligte steigt. Woher kommen die Täter und wie agieren sie? Das Landeskriminalamt Niedersachsen klärt auf.

Hannover – Sie agieren schnell und meist in der Nacht: Kriminelle Gruppierungen sprengen immer häufiger Geldautomaten in Niedersachsen. Zuletzt geschehen in der Gemeinde Stuhr im Landkreis Diepholz. Und die Sprengungen nehmen immer weiter zu. Woran liegt das und was kann getan werden? Kreiszeitung.de hat beim Landeskriminalamt (LKA) Niedersachsen nachgefragt.

Geldautomatensprengungen in Niedersachsen: Behörden gehen von mehreren hundert Tätern aus

Immer wieder kommt es in Niedersachsen zu Sprengungen von Geldautomaten. Die Täter verüben ihre Taten schnell und entkommen danach meist unerkannt. Doch warum kommt es zu den Explosionen und woher kommen die Kriminellen? „Die Mehrzahl – etwa 60 bis 80 Prozent – der niedersächsischen und bundesweiten Geldautomatensprengungen werden niederländisch-marokkanischen Gruppierungen aus dem Bereich Utrecht/Amsterdam zugerechnet“, berichtet Antje Heilmann, Pressesprecherin des LKA Niedersachsen. In unterschiedlichen Zusammensetzungen würden sie mit hochmotorisierten Fahrzeugen nach Deutschland einreisen, die Taten begehen und danach wieder in die Niederlande zurückkehren. Die niederländischen Behörden gehen von mehreren hundert Personen aus.

Ein besonders gefährlicher Fall einer Sprengung in Nordrhein-Westfalen, bei dem Polizeibeamte den Tätern den Weg in die Niederlande abschneiden wollten, hat im Mai für Schlagzeilen gesorgt. Um den Tätern den Fluchtweg abzuschneiden, habe die Polizei die nahe gelegene Auffahrt auf die Autobahn 30 gesperrt. Tatsächlich ist ein sehr schnell fahrendes Auto erschienen, dass die Polizeisperre auf dem Grünstreifen umfuhr und auf die Polizisten zuhielt. Ein Beamter musste sich durch einen Sprung zur Seite retten und hat mehrere Schüsse auf den davonrasenden Wagen abgefeuert.

Sprengung von Geldautomat in Niedersachsen: Täter hochprofessionell und schnell

Die Täter würden dabei hochprofessionell agieren: Sie schlagen in der Nachtzeit zwischen 1 Uhr und 5 Uhr zu und der Tatablauf dauert selten länger als fünf Minuten. So auch geschehen im vergangenen November in Wildeshausen, als ein Geldautomat gesprengt wurde. Die Täter flüchten in der Regel mit hochmotorisierten Fahrzeugen der Marken Audi, Mercedes, BMW und VW, die deutlich über 300 PS bzw. bis zu 650 PS verfügen. „Dies hält das Entdeckungs- und Festnahmerisiko für die Täter gering. Es ist zudem davon auszugehen, dass sich das Risiko im Falle eines erfolgreichen Angriffs auf einen Geldautomaten lohnt“, so Heilmann.

Der Geldautomat-Pavillon am Wildeshausener Westring wurde bei der Sprengung schwer beschädigt.
Der Geldautomat-Pavillon am Wildeshausener Westring wurde bei einer Geldautomatensprengung im vergangenen November schwer beschädigt. © Cord Krüger

„Aufgrund des modus operandi ist davon auszugehen, dass die Täter ihre Taten im Vorfeld planen und ihre Zielobjekte ausbaldowern“, sagte die Beamtin gegenüber kreiszeitung.de. Zeugen, die verdächtige Beobachtungen gemacht haben, werden deshalb grundsätzlich gebeten, sich bei der jeweiligen Polizeidienststelle zu melden. Dass ein schnelles Handeln aus der Bevölkerung zum Erfolg führen kann, zeigen Ermittlungsergebnisse aus Castrop-Rauxel. Dort wurden im Mai drei mutmaßliche Täter in einer Commerzbankfiliale durch Polizisten gestellt.

Rund 50 Sprengversuche pro Jahr: Banken-Bomber in Niedersachsen seit Jahren ein Problem

Dass das Problem der Sprengungen nicht erst seit gestern existiert, zeigen Zahlen des LKA. Seit vier Jahren habe es immer um die 50 Sprengversuche in Niedersachsen gegeben. Dabei gehen die Täter immer brutaler vor. Benutzten sie früher ein Gasgemisch, das in den Automaten eingeleitet wurde, wird heutzutage vermehrt Festsprengstoff verwendet.

Angriffe auf Geldautomaten in Niedersachsen von 2018 bis 2022

201854 Taten, davon 17 vollendet
201945 Taten, davon 16 vollendet
202045 Taten, davon 19 vollendet
202155 Taten, davon 27 vollendet
202235 Taten (Stand 10. Juni 2022)

Attacken auf Geldautomaten: Bereits 35 Sprengversuche in Niedersachsen in diesem Jahr

Der Grund für die vielen Sprengungen im Jahr 2021 seien die bedingten Reisebeschränkungen durch Corona gewesen. Die aktuellen Zahlen für 2022 ließen sich nicht auf das Jahr hochrechnen. „Die monatlichen Schwankungen im Laufe eines Jahres unterliegen unterschiedlichen Faktoren, die durch Jahreszeiten, wetterbedingte Faktoren, Urlaubszeiten und auch der unterschiedlichen Belastung durch Tatserien begründet sind.“ Zudem könnten Fallzahlen temporär ansteigen, wenn eine Tätergruppe regional gerade besonders aktiv sei.

Explosionen immer größer und heftiger: Festsprengstoff birgt höheres Gefährdungspotenzial bei Sprengung von Geldautomaten

„Das Gefährdungspotential bei Geldautomatensprengungen ist immer hoch und kann durch die Täter nicht kontrolliert werden“, so Heilmann weiter. Schon die Verwendung von entzündlichen Gasen führe regelmäßig zu gravierenden Gebäudeschäden, Sachschäden und Gefährdung von unbeteiligten Personen. Die Detonationen werden immer größer und heftiger, weshalb auch Hausbesitzer Angst vor Geldautomatensprengungen haben.

Mit der hohen Sprengkraft des Festsprengstoffs steigen auch die Gefahren für Unbeteiligte. Aber auch für Ermittler birgt das Schwierigkeiten. Denn durch die massiveren Schäden sind weniger verwertbare Spuren zu finden.

Antje Heilmann, Pressesprecherin des LKA Niedersachsen

Seit Sommer 2020 werde durch die Täter vermehrt Festsprengstoffe eingesetzt, da Geldautomaten zunehmend gegen das Einleiten von Gas gesichert seien. Mit dem Einsatz von Sprengstoff würden die Täter noch größere Gebäudeschäden in Kauf nehmen. „Mit der hohen Sprengkraft des Festsprengstoffs steigen auch die Gefahren für Unbeteiligte. Aber auch für Ermittler birgt das Schwierigkeiten. Denn durch die massiveren Schäden sind weniger verwertbare Spuren zu finden.“

Zeugen, die die Täter oder flüchtige Fahrzeuge beobachten, sollten daher umgehend die Polizei alarmieren und sich auf keinen Fall den Tätern oder dem Fahrzeug – auch nicht, wenn dies verlassen zu sein scheint – nähern.

Sprengungen von Geldautomaten meist professionell geplant: Wie kann gegen die Täter vorgegangen werden?

Um den Taten Herr zu werden und die Unbekannten zur Verantwortung ziehen zu können, wertet das LKA alle niedersächsischen Taten und weitere Erkenntnissen aus, um eine Zuordnung zu anderen Taten zu ermöglichen und Serien in Niedersachsen oder länderübergreifend zu erkennen. Mitte 2020 wurde beim LKA Niedersachsen eine zentrale Kontaktstelle eingerichtet, die die Arbeit der örtlichen Polizeidienststellen, die für die Ermittlungen vor Ort zuständig sind, unterstützt, heißt es weiter.

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Diese ist zentraler Ansprechstation für die sachbearbeitenden Dienststellen der niedersächsischen Polizei, für andere betroffene Bundesländer, das Bundeskriminalamt, Europol sowie für Sicherheitsbehörden im benachbarten Ausland, insbesondere niederländische Ermittlungsdienststellen. Auch Herbert Reul (CDU), Innenminister von Nordrhein-Westfalen, sagte Sprengern von Bankautomaten verstärkt den Kampf an. Die Zahl der Sprengungen in NRW hat sich innerhalb kurzer Zeit verdreifacht.

Jede Bank selbst verantwortlich: Sicherheitsmaßnahmen für Geldautomaten sind Empfehlungen

Bereits seit Bekanntwerden des Phänomens „Sprengung von Geldautomaten“ hat die Landespolizei Niedersachsen und das LKA die Betreiber von Geldautomaten über die Gefahren informiert und geeignete Maßnahmen zur Verhinderung von Sprengungen ausgesprochen. Anhand einer Gefährdungsanalyse bewertet jedoch jedes Kreditinstitut selbst, welche Sicherungsmaßnahmen für Geldausgabeautomaten erforderlich sind und welche die Institute davon tatsächlich umsetzen. Das Ergebnis hänge vor allem von individuellen Faktoren wie dem Aufstellort, der verwendeten Technik, bestehenden organisatorischen Maßnahmen und weiteren Umgebungseinflüssen ab.

Tatanreize sollten reduziert werden: weniger Geldautomaten, mehr Überwachungsmaßnahmen

Grundsätzlich müssten Tatgelegenheiten und Tatanreize reduziert werden, so das LKA. Maßnahmen wären beispielsweise die Verringerung der aufgestellten Automaten und des Bargeldbestands. Aber auch Einfärbe- und Verklebungssysteme, Antigasvorrichtungen, Vernebelungstechniken oder hochauflösende Überwachungskameras könnten angebracht werden.

Letztlich bleibt die Herausforderung bestehen, dass auch die Täterseite ihrerseits auf Sicherungsmaßnahmen der Geldinstitute reagiert

Antje Heilmann, Pressesprecherin des LKA Niedersachsen

„Letztlich bleibt die Herausforderung bestehen, dass auch die Täterseite ihrerseits auf Sicherungsmaßnahmen der Geldinstitute reagiert“, so Heilmann. „Der massive Anstieg in diesem Jahr von Sprengungen von Geldautomatensprengungen mittels Festsprengstoffen ist ein Beleg, dass die Täter sich anpassen.“

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