Ex-Grünen-Kandidat spricht über traumatische Folgen

Er wollte als erster Geflüchteter in den Bundestag – und gab wegen Drohungen auf

Tareq Alaows wollte als erster Geflüchteter in den Bundestag. Doch wegen rassistischer Drohungen gab er seinen Traum auf. Jetzt spricht Tareq Alaows zum ersten Mal über die Folgen.

Tareq Alaows kam vor sechs Jahren aus Syrien nach Deutschland. Der heute 32-Jährige hatte große Pläne, die ihm jedoch zunichte gemacht worden sind. Im Februar kündigte er an, für die Grünen im Wahlkreis Oberhausen-Dinslaken um einen Platz im Bundestag kandidieren zu wollen. Was folgte, waren rassistischste Anfeindungen und sogar Drohungen gegen seine Familie in Syrien. Tareq Alaows zog seine Kandidatur im März zurück.

Politische ParteiBündnis 90/Die Grünen
Gründung14. Mai 1993, Karlsruhe
GründerBündnis 90, Die Grünen
ParteiführungAnnalena Baerbock, Robert Habeck

Nun spricht der 32-Jährige zum ersten Mal über die Folgen der Angriffe – denn trotz allem hat Tareq Alaows die Hoffnung nicht aufgegeben, Politik zu gestalten. „Mein Rückzug ist nicht das Ende meiner Arbeit“, erklärt er in einem Interview mit der „Zeit“.

Mit Anfeindungen habe Tareq Alaows schon gerechnet, als es um seine Kandidatur für den Bundestag ging. Aber nicht in dem Ausmaß, das er erfahren musste. Mehrere Menschen aus seinem Team hätten jeden Tag Stunden damit verbracht , Hasskommentare zu sichten, zu dokumentieren und dann zu löschen. „Mir war nicht klar, was dieser Hass aus dem Netz mit mir machen würde“, gibt Alaows zu.

Tareq Alaows wollte als erster Geflüchteter in den Bundestag. Doch wegen rassistischer Drohungen gab er seinen Traum auf.

Hasskommentare verunsichern Tareq Alaows zutiefst

Die Hasskommentare und Anfeindungen haben den 32-Jährigen zutiefst verunsichert, erzählt er im Interview. Er fühlte sich isoliert und habe nie gewusst, wie groß die Bedrohung wirklich ist, ob die Verfasser der Hasskommentare wirklich wissen, wo er wohne oder arbeite. „Es gab Drohungen gegen mich und mein Umfeld. Man werde mich zurückschicken zu Assad, wo ich dann gefoltert werde“, erzählt der 32-Jährige.

Auch Nachrichten mit üblen Beleidigungen wie Feigling oder dass Tareq Alaows dumm sei und keine Ehre habe, gehörten plötzlich dazu. Das Ausmaß der Geschichte sorgte für Wirbel. Tareq Alaows bekam Presseanfragen aus der ganzen Welt: aus Japan, von CNN, der BBC und auch von arabischen Medien.

Rassistische Drohungen: Tareq Alaows zeigt strafrechtlich relevante Kommentare an

Doch Tareq Alaows lässt sich die Hasstiraden nicht gefallen. Strafrechtlich relevante Kommentare und Nachrichten bringt er zur Anzeige.

Es blieb allerdings nicht bei Hass aus dem Internet. In einer Berliner U-Bahn wurde der Politiker angeschrien und beleidigt. „Was wäre gewesen, wenn es nicht bei Beleidigungen geblieben wäre, sondern er mich körperlich angegriffen hätte?“, fragt er sich und gibt zu: „Ich habe Krieg erlebt und Flucht, aber mich nie so hilflos gefühlt und unsicher wie in diesem Moment.“

AfD-Politiker greifen syrischen Flüchtling an

Ein syrischer, liberaler Oppositioneller, der für den Bundestag kandidiere, sei für Nationalisten eine Angriffsfläche, so Alaows und erklärt im Zeit-Interview, was speziell die AfD mit Syrien verbindet. „Mindestens seit 2017 reisen AfD-Delegationen regelmäßig nach Syrien und treffen sich mit Nationalisten. Ich glaube, es geht ihnen darum zu behaupten: Seht hier, Assad hat die Kontrolle übernommen, das Land ist sicher. Jetzt können die Geflüchteten wieder zurück in ihre Heimat“, erzählt der Ex-Kandidat der Grünen. „Aber Syrien bleibt ein Folterstaat. Viele Menschen haben versucht zurückzukehren. 140.000 Menschen sind seit der Revolution verschwunden. Sie werden verhaftet und verschwinden einfach“, so Alaows weiter.

Nach der Ankündigung seiner Kandidatur wurde Tareq Alaows auch von AfD-Politikern angegriffen. Die Partei soll versucht haben, das Staatsangehörigkeitsgesetz zu ändern und die Ermessenseinbürgerung abzuschaffen. Das hätte seine Kandidatur verhindern können.

Ex-Grünen-Kandidat bleibt politisch aktiv

Der 32-Jährige stellt klar, dass nicht alle Attacken von der AfD kommen. „Aber sie hat mich zur Zielscheibe gemacht, weil die AfD mit diesen rechtsextremen Strukturen verbunden ist“, sagt er. Auch wenn er seine Kandidatur zurückgezogen hat, bleibt er politisch aktiv. Dazu arbeitet er mit dem Flüchtlingsrat bei der Seebrücke mit. „Ich engagiere mich weiter, nur eben anders als geplant. Schon meine Kandidatur an sich war ein großes Zeichen dafür, dass Menschen, die hierhergekommen sind, wirklich etwas erreichen können.“ * Kreiszeitung.denordbuzz.de und 24hamburg.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Reiner Zensen via www.imago-images.de

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