Update: Untersuchungen laufen an

Chemiewaffenreste und Kampfstoffe in der Heide: Rund 180 Granaten bereits geborgen

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Chemiewaffenreste in der Lüneburger Heide werden untersucht.

Gefährliche Altlasten liegen bei Munster in der Erde. Nach 1945 wurden im Dethlinger Teich jahrelang Munitionsvorräte der Wehrmacht und andere Funde versenkt, dann wurde er zugeschüttet. Die ersten Granaten wurden nun geborgen und sollen in der kommenden Woche untersucht werden.

  • Altlasten chemischer Kampfstoffe liegen bei Munster im Heideboden
  • Was genau dort vergraben ist, ist unbekannt
  • Sanierung könnte Jahre dauern
  • Arbeiten haben pünktlich am 16. September begonnen
  • B71 bis kurz vor Weihnachten gesperrt
  • 180 Granaten wurden bereits geborgen

Update, 2. November:Nach dem Fund von Resten

chemischer Kampfstoffe im Grundwasser bei Munster(Heidekreis) sind bei den Arbeiten am zugeschütteten Dethlinger Teich bereits rund 180 Granaten geborgen worden. Das teilte eine Kreissprecherin mit. Alle seien ohne Zünder und erkennbare Leckagen gewesen, vermutlich handele es sich um Kampfstoffgranaten. Die erste sei am 8. Oktober gefunden worden. „Die Granaten haben einen Durchmesser von 10,5 und 15 Zentimetern“, sagte die Sprecherin.

In der kommenden Woche sollen die ersten Funde in Munster untersucht werden. Dort hat die Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten mbH (Geka) ihren Sitz. Sie ist als einziges deutsches Unternehmen dazu berechtigt, Chemiewaffen systematisch zu vernichten.

Wegen der Arbeiten ist die an dem Gelände vorbeiführende Bundesstraße 71 in dem betroffenen Gebiet gesperrt, erst kurz vor Weihnachten soll sie wieder frei gegeben werden. Bis dahin sollen die Arbeiten zunächst dauern. Eine Gesamtsanierung könnte noch Jahre brauchen und mehr als 50 Millionen Euro kosten, hatte Landrat Manfred Ostermann (parteilos) Anfang September gesagt. Allein die Kosten für den ersten Schritt liegen demnach bei 3,6 Millionen Euro.

Dethlinger Teich: Arbeiten haben begonnen

Update, 16. September: Nach dem Fund von Resten chemischer Kampfstoffe im Grundwasser bei Munster haben die Arbeiten am zugeschütteten Dethlinger Teich wie geplant begonnen. Das teilte eine Sprecherin des Heidekreises am Montag mit. Experten sollen feststellen, welche Gefahren von den dort entsorgten Altlasten ausgehen. Es könnte eine der bundesweit größten Altlasten chemischer Kampfstoffe sein, hieß es Anfang September. Vergleichbares sei in ganz Europa nicht bekannt.

Die ersten Tage seien für die Einarbeitung der Beteiligten einschließlich weiterer Rettungsübungen vorgesehen, sagte die Sprecherin. Testweise werde dabei auch Material ausgehoben, aber zunächst nicht aus dem Untergrund des Teiches. Nach derzeitiger Planung soll erst vom 23. September an mit dem Aushub der 1952 aufgebrachten Deckschicht begonnen werden. Diese enthalte aber vermutlich keine Munition. „Mit dem ersten Munitionsfund rechnen wir erst Anfang Oktober“, sagte sie. 

B71 bis kurz vor Weihnachten gesperrt

Wegen der Arbeiten ist die an dem Gelände vorbeiführende B71 seit Freitag in dem betroffenen Gebiet gesperrt. Nach derzeitiger Planung soll sie erst kurz vor Weihnachten frei gegeben werden, bis dahin sollen die Arbeiten zunächst dauern. Eine Gesamtsanierung könnte noch Jahre brauchen und mehr als 50 Millionen Euro kosten, hatte Landrat Manfred Ostermann (parteilos) gesagt.

dpa

Originalmeldung: Munster - „Kommt schnell“, ruft ein Mann mit Schutzanzug und Gasmaske an dem Loch, um das sich hier alles dreht. Ein Arbeitsunfall mit Chemiewaffen wird geübt, am Boden liegt nur eine Puppe. Eilig wird sie zur Entgiftung in eine Dekontaminationsschleuse gebracht, aus dem Overall befreit und in einen Krankenwagen getragen. 

Das Loch mit dreieinhalb Metern Durchmesser hat es in sich. „Das dürfte eine der größten Altlasten chemischer Kampfstoffe in Deutschland sein“, sagt Carsten Bubke, Umwelttechniker des Heidekreises und Sprengstoffexperte. 

Reste chemischer Kampfstoffe im Grundwasser

Er beaufsichtigt die Arbeiten. Nach 1945 wurden hier im Dethlinger Teich unweit von Munster Munition der Wehrmacht und andere Funde versenkt, 1952 wurde er zugeschüttet. „Art, Menge und Zustand des Materials ist uns im Einzelnen nicht bekannt“, sagt Landrat Manfred Ostermann am Dienstag. 

Chemiewaffenreste in der Lüneburger Heide werden untersucht

Das soll sich ändern, vom 16. September an wird der Teich geöffnet. Im Grundwasser wurden Reste chemischer Kampfstoffe nachgewiesen, darunter auch Abbauprodukte von Lost, also Senfgas. Das Hautgift verätzt Schleimhäute, Augen und Atemwege. 

Altlasten liegen tief im Boden

Der Teich hatte nur einen Durchmesser von rund 60 Metern. Wie weit sein gefährlicher Inhalt genau in den Boden reicht, ist nicht bekannt, zunächst soll es sechs Meter tief gehen. 

Für die Arbeiten wurde ein großes Zelt von rund 600 Quadratmetern am Waldrand zwischen Oerrel und Dethlingen aufgebaut, darin das Loch in der etwa dreißig Zentimeter dicken Betondecke. 

Sanierung kann Jahre dauern

Splitterschutzmauern und Erdwälle wurden errichtet, ein Notarzt wird am Ort sein. Mit Blick auf die nächsten Ortschaften soll nur bei Westwind gearbeitet werden, die vorbeiführende Bundesstraße wird für den Verkehr gesperrt

Die Erkundungsarbeiten sollen rund drei Monate dauern, dann wird entschieden, wie es weitergeht. Eine Gesamtsanierung könnte noch Jahre dauern, sagt Ostermann - und die würde ins Geld gehen. „Wir gehen vonmindestens 50 Millionen Euro Gesamtsanierungskosten aus - eher mehr.“ 

Land, Kreis und Bund teilen Kosten

Allein die Kosten für den ersten Schritt liegen bei 3,6 Millionen Euro, 70 Prozent zahlt das Land, den Rest der Kreis. „Dazu kommt die Vernichtung der Munition, die Kosten übernimmt der Bund“, sagt Gerhard Krüger, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten mbH (Geka). 

·Betreten verboten· steht unter anderem auf einem Schild vor einem Zelt, in dem die Arbeiten zur Öffnung des Dethlinger Teiches erfolgen soll.

Die bundeseigene Geka übernimmt die gefährlicheren Arbeiten, sie ist das einzige deutsche Unternehmen mit der Berechtigung zur systematischen Vernichtung von Chemiewaffen, ihre Anlagen liegen nur wenige Kilometer entfernt. 

Belastete Böden ein bundesweites Problem

Am einstigen Gasplatz Breloh, ein Ortsteil der Stadt Munster, wurden schon im Ersten Weltkrieg C-Waffen produziert. Bei einer gewaltigen Explosion wurden 1919 weite Gebiete verseucht - die Geka reinigt jedes Jahr rund 5000 Tonnen des kontaminierten Erdbodens. 

Belastete Böden sind ein bundesweites Problem. Allein in Niedersachsen gibt es weit mehr als 90.000 betroffene Flächen. Dazu gehören aber keineswegs nur militärische Altlasten, sondern auch frühere Standorte etwa von Tankstellen

260.000 „altlastverdächtige Flächen“ in Deutschland

In ganz Deutschland gibt es laut Umweltbundesamt auf Basis von Zahlen der Länder mehr als 260.000 „altlastverdächtige Flächen“

Auf Liegenschaften der Bundeswehr sind dem Verteidigungsministerium rund 10.600 Flächen mit Kontaminationsverdacht bekannt, wie eine Sprecherin sagte. Davon seien etwa 370 Rüstungsaltlasten zuzuordnen. 

Lies optimistisch bezüglich Sanierung

„Kontaminationen mit chemischen Kampfstoffen sind sonst auf keiner anderen von der Bundeswehr genutzten Liegenschaft bekannt“, sagte sie mit Blick auf den Truppenübungsplatz Munster. 

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) spricht vom Dethlinger Teich als einer „bundesweit einzigartigen Rüstungsaltlast“. Dies sei nicht von heute auf morgen zu lösen, betont er. „Dennoch schaue ich optimistisch in die Zukunft und bin zuversichtlich, dass wir mit den aktuellen Ansätzen eine Technik entwickeln können, die die Sanierung ermöglicht.“ 

Bomben und Granaten wohl ohne Zünder

Immerhin: Die Experten gehen nicht davon aus, dass Bomben oder Granaten mit Zündern gefunden werden. Ganz sicher ist aber auch das nicht. „Wir schließen nichts aus“, sagt Ostermann.

dpa

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