Kein Verzeihen, kein Vergessen: 60 Jahre Gedenkstätte Bergen-Belsen

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Ein Davidstern ist auf dem Gedenkstein von Anne Frank. Als die Gedenkstätte Bergen-Belsen vor 60 Jahren eröffnet wurde, wollten viele von den Nazi-Gräueln nichts hören. Inzwischen haben mehr als acht Millionen Menschen den Ort besucht, an dem über 70 000 Kriegshäftlinge und KZ-Insassen ihr Leben ließen.

Bergen-Belsen - Von Michael Evers. Als die Gedenkstätte Bergen-Belsen vor 60 Jahren eröffnet wurde, wollten viele von den Nazi-Gräueln nichts hören. Inzwischen haben mehr als acht Millionen Menschen den Ort besucht, an dem über 70 000 Kriegshäftlinge und KZ-Insassen ihr Leben ließen.

Die erschütternden Bilder der Leichenberge sind noch frisch im Gedächtnis, als in Bergen-Belsen vor 60 Jahren die erste Gedenkstätte an einem Konzentrationslager geschaffen wird. „Wer hier als Deutscher spricht, muss sich die innere Freiheit zutrauen, die volle Grausamkeit der Verbrechen, die hier von Deutschen begangen wurden, zu erkennen“, sagt Bundespräsident Theodor Heuss bei der Eröffnung am 30. November 1952. „Wir haben von den Dingen gewusst (...). Diese Scham nimmt uns niemand ab.“ Heuss will ein politisches Zeichen setzen, erntet für seine Worte aber auch Protest. Bis zu einer Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit werden noch Jahrzehnte vergehen.

Zwar ist Bergen-Belsen während der Zeit der deutschen Teilung die zentrale Gedenkstätte der Judenvernichtung und steht mit hochrangigem Besuch von Kanzlern und Präsidenten wie 1985 gar Ronald Reagan immer wieder im Rampenlicht. Das Gelände in der Lüneburger Heide selber aber, auf dem 20 000 Kriegsgefangene und 52 000 KZ-Häftlinge - darunter Anne Frank - ums Leben kamen, ist lange von Vergessen und Vernachlässigung geprägt. Räume und Führungen gibt es nicht, erst 1966 werden ein Dokumentenhaus und eine Ausstellung eingerichtet. Ab Ende der 80er-Jahre kommen Erweiterungsbauten hinzu, Kontakte zu Überlebenden werden intensiviert. 2007 schließlich wird ein Dokumentationszentrum samt Dauerausstellung zum Lager und seinem historischen Kontext geschaffen.

Noch vor Anlage der Gedenkstätte sind es überlebende Juden, die ein Jahr nach Befreiung des Lagers im April 1946 ein Mahnmal errichten. „Israel und die Welt seien daran erinnert, dass im Konzentrationslager Bergen-Belsen 30 000 Juden von den mörderischen Nazis vernichtet wurden. Erde, verdecke nicht ihr Blut!“, heißt es in Hebräisch auf dem Stein. Beim ersten Besuch eines israelischen Staatsoberhaupts in Deutschland erneuert Chaim Herzog 1987 in Bergen-Belsen den Appell gegen das Vergessen. „Kein Verzeihen habe ich mitgebracht - und kein Vergessen. Nur die Toten haben das Recht zu verzeihen, und den Lebenden ist nicht erlaubt, zu vergessen.“

Ein wichtiger Impuls zum Ausbau des Gedenkens geht in dieser Zeit von der Arbeitsgemeinschaft Bergen-Belsen aus, einem 1985 gegründeten Zusammenschluss von Bürgern. „Die Erinnerung sollte eigentlich nicht so wach gehalten werden, man schämte sich dafür“, blickt die Vorsitzende Elke von Meding zurück. Das alle fünf Jahre stattfindende Gedenken habe 1980 sogar eingestellt werden sollen. Die AG selber organisierte indes Führungen und erstellte Informationsmaterial. „Erst heute ist das passiert, was wir eingefordert haben“, sagt von Meding und beklagt eine aus ihrer Sicht noch unzureichende Jugendarbeit. „Wenn wir das nicht an die nächste Generation weitergeben, ist es umsonst.“

Einen Wandel hat es in der Gemeinde Bergen gegeben, in der etliche Einwohner sich noch lange nach Kriegsende mit dem Namen des Konzentrationslagers für ewig und zu Unrecht gebrandmarkt sahen. Für das Geschehen in dem abseits gelegenen Lager sah man sich im Ort nicht verantwortlich, das Gedenken galt manchen als Nestbeschmutzung. „Heute wandelt sich das von dieser Betroffenen-Situation zu einer Auseinandersetzung mit dem Thema“, sagt Bürgermeister Rainer Prokop (CDU). „Die Bürger gehen aufgeschlossener und offener mit dem Thema um als vor 25 Jahren.“ Eine Schule wurde nach Anne Frank benannt, seit 1999 werden Anne-Frank-Friedenstage in Bergen organisiert.

Seit Start der Führungen seien mindestens acht Millionen Menschen zu der Gedenkstätte gekommen, sagt deren Sprecherin Stephanie Billib. 300 000 Besucher, darunter viele Gruppen und Schulklassen, sind es im Jahresschnitt. Eine Aufgabe mit wachsender Bedeutung sei es, der steigenden Zahl von Migranten die Auseinandersetzung mit der Nazizeit nahezubringen. Obwohl eine Rekonstruktion der niedergebrannten Baracken nie ein Thema war, wolle man bei der Beschneidung der Grünflächen die Dimension des Lagers möglicherweise wieder sichtbar machen. Eine dreidimensionale animierte Computersimulation ermöglicht Besuchern derzeit erstmals einen virtuellen Gang durch das Konzentrationslager. Erstellt wurde sie von dem Enkel eines in Bergen-Belsen ermordeten Niederländers.

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