Zutaten von der Tankstelle

Gans verbrannt? Kreiszeitungsredakteure retten das Weihnachtsmenü

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Nach der Vorspeise warten derweil schon wesentlich mehr Zutaten auf ihre Verarbeitung.

Von Christian Goldmann - Es ist das Horrorszenario schlechthin: Ein spitzer Schrei dringt aus der Küche und dichter Rauch qualmt aus dem Backofen hervor. Der Gänsebraten ist verbrannt, alle Läden haben geschlossen, und die Hausfrau steht kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Doch keine Panik, das Weihnachtsmenü, auf das sich die gesamte Familie gefreut hat, ist noch nicht verloren. Auch, wenn es kaum zu glauben ist, aber Abhilfe kann von der Tankstelle geschaffen werden.

Von der Tankstelle? Ja, durchaus! Wer das nicht glaubt, sollte unbedingt weiterlesen, denn drei unserer Redakteure haben in einem Selbstversuch ein Drei-Gänge-Menü mit Zutaten ausschließlich aus dem Tankstellen-Shop gekocht. Und dieses hat durchaus das Zeug dazu, bei einer Festtagsgesellschaft zu bestehen. An einem Montag im Dezember 2017

19:00 Uhr: Die drei Kreiszeitungs-Redakteure Steffi Bredemeyer, Eike Nienaber und Ulf Kaack treffen bei einer großen Tankstelle an der Bundesstraße 6 in Barrien ein. Der Wind peitscht den dreien ins Gesicht, es ist kalt und es schneit. Die Aufgabe ist klar vorgegeben: Es müssen Zutaten für ein Drei-Gänge-Menü eingekauft werden, das sowohl optisch etwas hermacht als auch schmeckt. 

Beim ersten Scannen der Ware macht sich Ernüchterung breit. Eike Nienaber: „Oh Gott, das wird nie etwas!“ Steffi Bredemeyer bleibt optimistisch und macht den anderen Mut: „Wir schaffen das!“ Unter den amüsierten Blicken des Tankwarts werden die Waren zusammengetragen. Schließlich steht die Zutatenliste und der Plan für die Menüfolge:

Zuversicht macht sich breit

19:25 Uhr: Es wird bezahlt. Auf der Rechnung stehen 60,98 Euro. Gar nicht mal so wenig, aber auch gar nicht mal so viel, wie die drei Kollegen befinden. Der Tankwart, der inzwischen genauestens über das Vorhaben aufgeklärt worden ist, wünscht einen „schönen Abend und vor allemviel Erfolg“.

19:30 Uhr: Kurz vor der Abfahrt zum Haus eines Freundes, der den dreien seine Küche und sein Esszimmer zur Verfügung stellt. Inzwischen macht sich bei allen Beteiligten Zuversicht breit, dass das Unterfangen von Erfolg gekrönt sein könnte. Nur Ulf Kaack ist noch etwas skeptisch: „Ihr wisst, dass ich nicht wirklich kochen kann. Das macht bei mir immer meine Frau.“

19:50 Uhr: Ankunft beim Haus des Freundes in Stuhr-Neukrug. Drinnen ist es gemütlich warm, und der Tisch ist festlich eingedeckt. Ein erster Hingucker ist ein Plüschelch, der auf Knopfdruck „Feliz Navidad“ intoniert. Der Freund und dessen Familie haben das Weite gesucht, weil sie nicht im Weg stehen wollen. 

Übersichtlicher Materialeinsatz für maximalen Ertrag: Als erstes steht natürlich die Vorspeise auf dem Plan.

Ulf entdeckt in der Ecke ein Alexa-Audiogerät und lässt swingige Weihnachtsmusik erklingen. Im weiteren Verlauf gibt es auch mal Gitarrenrock oder Hits von Nino de Angelo. Die Geschmäcker sind verschieden. Die Vorspeise Spargel ummantelt von einer Schneedecke aus weich gekochtem Langkornreis mit Mayonnaise und tannenholzgeräuchertem Schinken (so steht es auf der Packung).

Decke aus weichgekochtem Reis und Mayonnaise

20:00 Uhr: Die Zutaten sind ausgepackt, und es geht los. Eike setzt den Reis auf, Steffi lässt den Spargel abtropfen und tupft ihn mit Küchenpapier ab. Auf einer Schale in der Küche finden die drei ein paar Zwiebeln, und Ulf wird kurzerhand zum Zwiebelschneiden abkommandiert. Diese sind zwar nicht für die Vorspeise gedacht, sollen aber später beim Hauptgericht Verwendung finden. Nach getaner Arbeit verkündet Ulf stolz: „Ich habe gar nicht geweint.“ 

Der Reis wird mehr als 20 Minuten lang gekocht, um so eine wirklich weiche Konsistenz zu bekommen. Dann wird er mit der Mayonnaise verrührt und richtig schön klebrig. Ein Teil des Schinkens wird zu Knusper-Speck gebraten, der Rest zusammen mit dem Reis um den Spargel gewickelt.

Schinken-Spargel-Röllchen auf Spitzen-Niveau

20:30 Uhr: Die Redakteure setzen sich an den gedeckten Tisch. „Höchste Zeit“, verkündet Eike, „ich habe echt Kohldampf.“ Der Gastgeber hat eine Flasche Black Print von Markus Schneider spendiert. „Ein wirklich edler Rotwein“, stellt Steffi fachmännisch fest. Was das Gericht angeht, sind sich alle einig: Die Optik stimmt schon einmal. Nach den ersten Bissen ist für Steffi klar: „Das ist einfach lecker!“ Ulf geht noch weiter: „Mit Schinken-Spargel-Röllchen kenne ich mich aus, und diese hier haben nun wirklich ein Spitzen-Niveau.“

Der Hauptgang Im Biersud auf Zwiebeln und Rosinen gebackenes Formfleisch vom niederländischen Schwein mit Senfkruste und einer Tomaten-Sahne-Sauce, garniert mit gedünsteten Champignons. Dazu Kartoffelpüree mit karamellisierten Zwiebeln und einem Topping aus gerösteten Cashewkernen sowie Rotkohl.

Hauptgang mit Beef Jerky und Frühstücksfleisch

21.00 Uhr: Eike heizt den Ofen auf 200 Grad vor – Ober- und Unterhitze. Steffi schneidet das Frühstücksfleisch in fingerdicke Scheiben, die Eike anschließend scharf anbrät. Gewürzt wird mit Pfeffer und Salz. Im nächsten Schritt gibt er die Scheiben in eine Auflaufform und bestreicht sie mit Senf. Eike greift sich eine weitere Zwiebel und achtelt diese. Er verteilt die Zwiebelstücke und das Beef Jerky zwischen den Fleischscheiben und streut im Anschluss Rosinen darüber. Diese wurden zuvor von dem restlichen Studentenfutter separiert. Dann übergießt er das Ganze mit etwas Bier und schiebt die Form in den Ofen. Sie verbleibt dort für eine halbe Stunde.

Bevor das Fleisch in den Backofen wandert, brät Eike es zunächst einmal scharf in der Pfanne an.

Währenddessen lässt Steffi die Pilze abtropfen und dünstet die von Ulf geschnittenen Zwiebeln an. Wenig später gibt sie die Pilze dazu. Gewürzt wird mit Salz und Pfeffer. Parallel setzt sie den Rotkohl auf und gibt einen Schluck Apfelsaft, den sie im Kühlschrank gefunden hat, sowie drei Stück Würfelzucker dazu. Sie erhitzt den Kohl und hält ihn bei kleiner Flamme warm. 

Kartoffelpüree aus Pommes eine echte Herausforderung

Um die Soße kümmert sich Eike: Dafür bereitet er zunächst eine Mehlschwitze zu. Er gibt Butter, Mehl und Milch in einen Topf und rührt das Gemisch beständig um, damit nichts anbrennt oder verklumpt. Dann würzt er mit etwas Salz und Pfeffer. Ergänzt wird diese Basis mit einem kräftigen Schluck Bier, den passierten Tomaten, etwas Sahne, vier Stück Zucker und Majoran aus dem Gewürzregal. Zwischendurch schmeckt Eike immer wieder ab und vergisst dabei das Rühren nicht. 

Bei rund 200 Grad Celsius wartet das einstige Frühstücksfleisch auf seinen abendlichen Verzehr.

Als große Herausforderung entpuppt sich die Zubereitung des Kartoffelpürees. Die Pommes frites, die zuvor mit der Packung in ein warmes Wasserbad gelegt wurden und sich mit etwas Wasser vollgesogen haben, werden jetzt von Eike noch in der Packung ausgewrungen und durchgeknetet. Die Masse gibt er in einen Topf mit etwas Milch, Salz und Pfeffer sowie ebenfalls etwas Majoran. Das Ganze wird erhitzt. Beim ersten Abschmecken die Ernüchterung: Steffi und Eike stellen fest, dass der Brei weniger nach Püree schmeckt, sondern eher nach unfertigen Pommes.

Karamellisierte Zwiebeln und Cashewnüsse retten das Püree

Nach kurzem Überlegen kommt Eike eine Idee: Er schneidet eine Zwiebel in feine Würfel, schwitzt diese in reichlich Butter an und karamellisiert sie mit viel Zucker. Anschließend werden die Zwiebeln unter das Püree gehoben. Zudem werden Butter und Sahne in den Brei gegeben und ordentlich nachgewürzt. Für das finale Topping sorgt schließlich Steffi. Sie entnimmt dem Studentenfutter einige Cashewnüsse, hackt diese klein und röstet sie kurz an. Nun sind beide mit dem Püree zufrieden, fast schon begeistert. „Das ist wirklich cool geworden“, entfährt es Steffi. 

Ein wahrer Festschmaus – und dazu noch in weihnachtlicher Optik... echt pfiffig.

21:35 Uhr: Hauptgang am Tisch. Ulf hat die Tafel mit neuem Geschirr und Besteck eingedeckt und Alexa frische Musik entlockt. Zum Essen ertönen Klänge von Mike Oldfield. „Der hat was drauf“, lautet Ulfs Urteil. „Slayer wäre mir lieber“, hält Eike, dessen Herz für den Heavy Metal schlägt, dagegen. Doch dann wenden sich alle dem Hauptgang zu. 

„Wirklich gelungen“, sagt Ulf. „Fantastisch“, lobt Eike und klopft sich dabei selbst auf die Schulter. Am Ende sind alle Teller leergegessen, und die Bäuche umso voller. „Das war schon eine kleine bis mittelschwere Kalorienbombe“, konstatiert Steffi. Der Nachtisch Weihnachtliche Pfannkuchen an einer Schokoladen-Creme mit einem Cocktailobst-Allerlei sowie Vanilleeis und Schlagsahne.

„Das mache ich nach Augenmaß“

22:20 Uhr: Steffi rührt den Teig an. Sie gibt drei Eier, etwas Voll- und etwas Vanillemilch, ein bisschen Zucker und Zimt, den sie ebenfalls im Gewürzregal des Gastgebers gefunden hat, sowie etwas Mehl in eine Schüssel. „Wie viel an Zutaten verwendest du dafür?“, fragt Ulf. „Das mache ich nach Augenmaß“, erklärt Steffi, die auf eine jahrelange Erfahrung als passionierte Hobbyköchin zurückblicken kann. 

Auf zum Endspurt: Nun wartet der süße Abschluss des Festmals auf seine Realisierung.

„Der Teig muss eine fluffige Konsistenz haben. Nicht zu fest und nicht zu flüssig.“ Nun ist Ulf, der sich beim Hauptgang etwas gedrückt hatte, wieder dran. Er darf die Sahne steif schlagen. Eike kommt vom Rauchen wieder ins Haus: „Man ist das ein Schietwetter draußen. Es schneit immer noch. Aber vielleicht kann man am Wochenende rodeln gehen.“ Steffi brät die Pfannkuchen, bestreicht sie anschließend mit Nutella und richtet sie mit dem Obst, der Sahne sowie dem Eis an. 

„Schön angerichtet und sehr weihnachtlich im Geschmack“

Eike unterhält sich mit Ulf derweil über dessen neuestes Buch, das er kürzlich veröffentlicht hat. Es trägt den Titel „Luftkrieg in der Region“ und berichtet über lokale Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg. „Die Recherche war wirklich spannend, und manch Schicksal sehr dramatisch und berührend.“ 

Steffi tischt auf und wechselt das Thema: „Habt ihr schon alle Geschenke?“ „Bin dabei“, erklärt Ulf, und Eike murmelt: „Noch kein einziges. Vielleicht kaufe ich Ulfs Buch.“ Dann wenden sich die drei dem dritten Gang zu. „Auch hier stimmt wieder alles: Schön angerichtet und sehr weihnachtlich im Geschmack“, fasst Ulf zusammen. 

Festliches Impro-Dinner ohne Kochbuch und Youtube gelungen

23:10 Uhr: Steffi ermahnt die Männer zum Aufräumen und Abwaschen. „Wir können hier ja keinen Saustall hinterlassen.“ Etwas träge erheben sich Ulf und Eike. Der Nachtisch hat das Sättigungsgefühl verstärkt. Unter Steffis energischer Ägide verwandelt sich das kleine Schlachtfeld nach und nach wieder in eine saubere und ordentliche Küche. Beim Arbeiten wird das Fazit gezogen: „Hat echt Spaß gemacht. Und ich bin überrascht, was wir alles zusammen gezaubert bekommen haben“, sagt Steffi. 

Ulf nickt bestätigend und ergänzt: „Toll finde ich, dass wir nicht in ein einziges Kochbuch geschaut oder uns ein Youtube-Video aufrufen mussten.“ Eike bringt sein Resümee schließlich so auf den Punkt: „Ich habe zu manchem festlichen Anlass schon deutlich schlechter gegessen. Nach dieser Völlerei muss ich morgen aber unbedingt wieder laufen gehen.“ 

00:05 Uhr: Abfahrt nach Hause.

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