Frauke Heiligenstadt im Interview:

"Abiturienten wissen zu wenig über ihre Karrierechancen"

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Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD).

Hannover - Für die meisten Abiturienten ist eine Ausbildung nur die zweite Wahl. Das soll die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren in Niedersachsen nun ändern. Gymnasiasten können künftig auch mehr Praktika machen.

Jahr für Jahr klagt die Wirtschaft über größere Probleme bei der Suche nach Auszubildenden, zeitgleich vermelden die Hochschulen immer neue Rekorde bei den Studierenden. Die Ursache dafür ist nach Ansicht von Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) hausgemacht: Schulabgängern fehlen Informationen über mögliche duale Berufsausbildungen. „Es ist nämlich nicht so, dass nur der Weg Schule, Abitur, Studium der Königsweg zu einer Karriere ist“, sagt sie die Ministerin im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

Frau Heiligenstadt, die Landesregierung will die duale Berufsausbildung auch für Abiturienten attraktiver machen. Warum? 

Heiligenstadt: Immer mehr Unternehmen melden, dass sie Ausbildungsplätze nicht besetzen können. Wir müssen deshalb jungen Menschen in ganz Deutschland deutlich machen, dass sie mit der dualen Berufsausbildung gute Karrierechancen und Berufsperspektiven haben. Das gilt auch gerade für Abiturienten. Es ist nämlich nicht so, dass nur der Weg Schule, Abitur,Studium der Königsweg zu einer Karriere ist.

Hat die duale Berufsausbildung ein Imageproblem? 

Heiligenstadt: Nein. Es ist aber so, dass auch die Unternehmen von ihrer Seite für mehr Attraktivität sorgen müssen. Der Wettbewerb um die Auszubildenden hat längst begonnen. Betriebe, die gute Möglichkeiten und Perspektiven bieten, haben keine Probleme, gute Auszubildende zu bekommen. Bei den anderen ist die Situation schon heute schwer.

Wenn die Perspektiven für Azubis so gut sind, warum entscheiden sich die meisten Abiturienten lieber für ein Studium? 

Heiligenstadt: Es gibt bei Schülern an vielen Gymnasien und Gesamtschulen noch ein großes Informationsdefizit. Da müssen wir mit einer besseren und früheren Berufsorientierung ansetzen. Die Rückkehr zum Abitur nach neun Jahren gibt uns die Chance, die Beratung zu verbessern. An Haupt-, Real- und Oberschulen gibt es schon hervorragende Konzepte.

Schüler sagen häufig, eine Entscheidung für eine Ausbildung sei schwer, weil sie endgültig erscheint. Was sagen Sie dazu?

Heiligenstadt: Es mag durchaus sein, dass Schüler denken, dass sie nach der Entscheidung für eine Ausbildung nicht mehr wechseln können. Man kann aber auch im Nachhinein noch ein Studium anfangen. Viele Studenten brechen ihr Studium ab. Die gilt es, für eine Ausbildung zu gewinnen. Ein Vorteil für sie ist: sie können früh ihr eigenes Geld verdienen.

Das klingt nach Orientierungslosigkeit. Muss man die Schüler mehr an die Hand nehmen?

Heiligenstadt: Vielleicht nicht an die Hand nehmen, aber mehr Informationen für eine Entscheidung geben. An den Gymnasien haben wir bislang nur ein Praktikum in der 9. Klasse, maximal drei Wochen. Wir ermöglichen jetzt ein weiteres in Jahrgang elf. Dann sind die Schüler reifer. Ich bin optimistisch, dass wir so auch an Gymnasien und Gesamtschulen mehr Orientierung bieten können. Das wird aber nicht sofort greifen.

Schlecht in Deutsch und Mathe, unpünktlich, unzuverlässig - sind Schulabgänger wirklich so schlecht, wie die Wirtschaft klagt?

Heiligenstadt: Diese Klagen hört man jedes Jahr. Ich glaube nicht, dass die Jugendlichen schlechter geworden sind. Es hat eine Verschiebung gegeben: Mehr Jugendliche machen Abitur und streben eine akademische Laufbahn an, daher gibt es einen größeren Wettbewerb um Absolventen. Und wenn ich keine guten Ausbildungsbedingungen biete, entscheiden sich die guten Schüler für ein anderes Unternehmen. Den restlichen Unternehmen bleibt dann noch ein kleiner Bereich, aus dem sie auswählen können. Das sind nicht unbedingt die leistungsstärksten. Eines möchte ich an dieser Stelle nochmal deutlich machen: Wir haben auch viele tolle und leistungsstarke Jugendliche an den Haupt- und Realschulen, die hervorragende Auszubildende sein werden.

Also sind die Erwartungen der Unternehmen zu hoch?

Heiligenstadt:  Die duale Ausbildung ist eine Ausbildung. Natürlich müssen Schüler rechnen, schreiben und lesen können. Das ist klar. Aber die jungen Menschen müssen trotzdem noch ausgebildet werden. Sie eignen sich neue Kompetenzen an und Fähigkeiten. Das heißt also, sie sind nicht „fertig“, wenn sie in die Betriebe kommen. Die Betriebe müssen das berücksichtigen, sie sind auch in der Pflicht. Denn wir können es uns nicht mehr leisten, auch nur einen einzigen Jugendlichen durch den Rost fallen zu lassen.

dpa

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