Protestcamp in Hannover: Flüchtlinge kämpfen für ein neues Zuhause

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Tahir Hassan aus dem Sudan zeigt an: "Kein Mensch ist illegal." Mit anderen Flüchtlingen protestiert er in Hannover für ein Bleiberecht.

Hannover - Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Niedersachsen. Für ein Bleiberecht und um auf ihre Lage aufmerksam zu machen, riskieren manche sogar ihr Leben.

Tahir Hassan hat eine wahre Odyssee hinter sich. Vor elf Jahren bricht der heute 27-Jährige aus der Region Darfur im Westsudan nach Europa auf. Mit dem Auto flüchtet der Afrikaner aus seinem von Bürgerkrieg und ethnischen Spannungen zerrissenen Heimatland zunächst nach Libyen. Von dort fährt er in einem Flüchtlingsboot nach Italien. Eineinhalb Jahre später strandet er in Deutschland. In einem kleinen Zeltdorf in der Innenstadt von Hannover ist Hassan seit fast vier Wochen zu Hause.

Dort demonstriert er mit etwa 40 anderen sudanesischen Flüchtlingen. Unter anderem für ein Bleiberecht in Deutschland - und das mit drastischen Mitteln.

Sechs große Zelte haben die Afrikaner zusammen mit deutschen Unterstützern auf dem Weißekreuzplatz unweit des Hauptbahnhofs aufgeschlagen. In einem improvisierten Küchenzelt kocht ein Sympathisant Spaghetti und richtet Salat an. Manche Flüchtlinge verteilen Handzettel mit Forderungen, andere rauchen oder sitzen in ihren Zelten und vertreiben sich die Zeit.

Sogar in einen 48 Stunden dauernden Hungerstreik sind 29 von ihnen bereits getreten - aus Solidarität mit einem Landsmann, der abgeschoben wurde. Vier Sudanesen wollen bis zuletzt nicht essen. „Hungerstreik ist einfach die krasseste Form des Protests“, sagt Sören Waack, der die Sudanesen in ihren Forderungen unterstützt.

„Wir wollen arbeiten, Zugang zu vernünftiger medizinischer Versorgung und von den Behörden mit Respekt behandelt werden“, steht auf den Handzetteln geschrieben. Vorwürfe gegen die Stadt, Mitarbeiter hätten sich fremdenfeindlich gegenüber den Sudanesen geäußert, wiegen schwer. Die Stadtverwaltung versucht die Wogen zu glätten: „Die Vorwürfe wollen wir nicht bestreiten“, sagt Andreas Möser, Sprecher der Stadt. Etwa Sprachprobleme führten oft zu Missverständnissen.

Das Protestcamp erinnert an eine Aktion in Berlin. Dort haben auf dem Oranienplatz in Kreuzberg einige hundert Flüchtlinge rund eineinhalb lang Jahre campiert und ein Bleiberecht in Deutschland gefordert. Die Demonstranten erreichen im März 2014, dass über Anträge auf Asyl oder Aufenthalt im Einzellfall entschieden wird. Der Senat hat den Flüchtlingen Unterkünfte und Prüfungen ihrer Asylanträge zugesagt, damit sie den Oranienplatz nach Monaten freiwillig verlassen.

Ähnlich wie in Hannover gibt es im April in Göttingen ein Camp in der Innenstadt. Aktivisten haben gegen Abschiebung und „rassistische Sondergesetze“ demonstriert - darunter auch Flüchtlinge. Immer wieder gibt es in der Universitätsstadt nach Angaben von Stadtsprecher Detlef Johannson Proteste oder Demonstrationen zu Fragen des Ausländerrechts oder der Abschiebepraxis. Auch in Osnabrück soll es einem Sprecher zufolge öfters Proteste von Flüchtlingen geben. In Lüneburg oder Braunschweig blieb es nach Angaben der jeweiligen Städte in den vergangenen Monaten dagegen ruhig.

Rund 10.230 Menschen haben im vergangenen Jahr in Niedersachsen einen Erstantrag auf Asyl gestellt. Davon stammen 380 aus dem Sudan. Fast doppelt so viele kommen aus Somalia. Spitzenreiter ist 2013 Russland mit mehr als 1400 Asylerstanträgen. Für 2014 rechnet das niedersächsische Innenministerium mit einer deutlichen Zunahme: 16.400 Erstanträge auf Asyl könnten bis zum Jahresende gestellt werden.

In Hannover gehen die Behörden gelassen mit dem Protestcamp der Sudanesen um. Weil einige Flüchtlinge in der kleinen Zeltstadt auf dem Weißekreuzplatz übernachtet haben, entfernt die Polizei wenige Tage nach Beginn des Protests die Schlafunterkünfte. Denn: Campieren in Hannover ist verboten - das gilt auch für die Flüchtlinge. „Die Polizei sieht das Camp als Protestaktion nach Versammlungsrecht“, sagt Stadtsprecher Möser. Mitarbeiter der Stadt führten regelmäßig Gespräche mit den Afrikanern.

Tahir Hassan will solange im Protestcamp ausharren, bis die Forderungen durchgesetzt werden. Tag und Nacht verbringt er dort, um zu demonstrieren. In sein zerrüttetes Heimatland möchte er nicht mehr zurückkehren. „Ich habe Angst, von Truppen der Regierung getötet zu werden“, sagt er. 

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