Zurück zur Normalität

FFP2-Masken in Seniorenheimen: Erst „Pures Gold“ nun Lagerware im Keller

Der Wert einer Ware wird durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Entsprechend schnell kann es nach oben oder unten gehen. Jüngstes Beispiel: FFP2-Masken.

Nienburg - Nicht überall wo Gold draufsteht, ist auch das Edelmetall drin. Auf einem Karton schrieb Milena Syrocka „Pures GOLD“. Mit diesen Worten wollte sie im Frühjahr 2020 deutlich machen, wie wertvoll die Lieferung von FFP2-Masken war. „Diese Maske sollte unser aller Leben retten. Sie sollte uns vor dem Virus schützen“, beschreibt die 36-jährige Pflegehilfskraft aus dem Seniorenheim „Mein Zuhause Nienburg“ ihre Gedanken von damals.

Einwohner Nienburg31443 (12/2020)
Postleitzahl31582
BürgermeisterHenning Onkes
Internetwww.nienburg.de

Die Monate seitdem waren die herausforderndsten in ihrem Berufsleben. „Durch Corona war man psychisch noch mehr ausgelaugt“, sagt sie und erzählt, dass viele Bewohner des Heims Angst hatten, durch eine Corona-Infektion zu sterben. Besonders belastend für alle waren demnach Quarantäne-Zeiten. „Damit der Bewohner nicht eingeht - das sage ich jetzt mal - wie eine Primel, muss man alles geben, damit er trotzdem den Willen hat, das mit uns durchzustehen.“ Mehrfach mussten Bewohner als Schutzmaßnahme tagelang alleine in ihrem Zimmer bleiben, nachdem im Umfeld eine Corona-Infektion bekannt geworden war.

Die Leiterin der Einrichtung in Nienburg/Weser, Karin Bach, empfindet das ähnlich. „Die schlimmste Zeit für uns war die Quarantänezeit. Dann war die Einrichtung wie ausgestorben“, sagt die 37-Jährige. Das erste Mal geschah dies im Sommer 2020, als sich eine Mitarbeiterin im privaten Umfeld mit dem Coronavirus infizierte. „Das war sehr schlimm für die Bewohner und auch für uns.“

Einfach einen Angehörigen im Seniorenheim besuchen und im Rollstuhl schieben war während Corona nicht möglich.

Dass die Frau niemanden im Seniorenheim ansteckte, ist der Leiterin zufolge Schutzmaßnahmen wie Maske, Desinfektion und Abstandhalten zu verdanken. „Wir waren sehr froh, dass keiner hier an Corona erkrankt ist. Ich hatte wirklich Angst, dass so etwas wie in Wolfsburg passiert und hier ganz viele Bewohner sterben.“ In einem Alters- und Pflegeheim in Wolfsburg infizierten sich im Frühjahr 2020 mehr als 100 Bewohner und über 40 Beschäftigte mit dem Coronavirus. 47 Bewohner starben.

Schwierig wurde es für Pflege-Einrichtungen, die Bewohner mit Demenz haben. „Sie sind ohne Maske durchs Haus gelaufen“, sagte Mathias Salomé. Er ist Unternehmensberater für soziale Einrichtungen und Gesellschafter des Landhauses Lohne. Diesen Menschen war es auch nicht beizubringen eine Maske zu tragen. „Das kennen sie von früher nicht“, so Salomé. Auch musste verhindert werden, dass sie sich mit anderen Bewohnern treffen.

Auch ohne Demenz war der Arbeitsalltag für das Personal ungewohnt. Stetig die Maske tragen führte auch zu einer Entfremdung. „Die Bewohner haben das Personal gar nicht mehr erkannt und der Bezug ging verloren“, sagte Mathias Salomé.

Pflegeheime stark von Corona betroffen

Bundesweit waren Alters- und Pflegeheime im Jahr 2020 besonders hart von dem neuen Virus betroffen. Auch viele der rund 2000 Einrichtungen in Niedersachsen konnten das Virus nicht fernhalten. Zu Beginn der Pandemie und ab Herbst 2020 habe es „erhebliche Infektionsausbrüche“ in den Heimen gegeben, so die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege.

Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) räumte im Mai Fehler bei der Eindämmung der Pandemie in den Einrichtungen ein. Die Bilanz dort sei „niederschmetternd“, sagte er dem Deutschlandfunk mit Blick auf die hohen Todeszahlen. Seit Bewohner eine Corona-Schutzimpfung bekommen können, ist die Zahl derer, die nach einer Infektion sterben, stark gesunken.

In der Nienburger Einrichtung mit derzeit rund 90 Bewohnern gab es einzelne Corona-Fälle, aber keine Ausbreitung des Virus, wie die Leiterin berichtet. Fast alle Betroffenen überstanden die Erkrankung - eine Bewohnerin, die sich Bach zufolge im Krankenhaus infizierte, starb. „Das war sehr traurig“, sagt sie.

Heime: Schwierigkeiten Masken zu bekommen

Neben der anfänglichen Schwierigkeit, ausreichend Schutzmaterial wie Masken und Kittel zu bekommen, empfand die Leiterin die psychosoziale Betreuung der Menschen als größte Herausforderung. „Wir hatten Bewohner, die im Sterbeprozess lagen und wo die Angehörigen nicht so dabei sein konnten wie wir es gewohnt waren.“

Manche Frauen und Männer seien einsam und traurig geworden. So habe eine Bewohnerin stark gelitten, weil sie ihren Geburtstag nicht feiern durfte. „Zu sehen, wie doll sie leidet, das war hart“, sagt Karin Bach. Die Situation sei für alle schwer gewesen. „Alles, was Spaß gemacht hat, durfte man nicht.“

Ähnlich bestätigte auch Mathias Salomé. Durch das lange Besuchsverbot haben einige Bewohner den Kontakt zu Angehörigen verloren „Aus den Augen aus dem Sinn“, nennt es der Unternehmensberater. Andere Männer und Frauen fragten viel nach Kinder und Angehörigen.

Generation, die Kriege mitbekommen hat

Dennoch hätten die Bewohner die Einschränkungen und Regeln akzeptiert. „Das ist die Generation, die Kriege mitbekommen hat“, erklärt Bach. Ihr zufolge dachten einige: „Wir haben schon andere Dinge überstanden.“ Ein kleiner Teil der Angehörigen dagegen wollte die Einschränkungen nicht hinnehmen.

„Einige Angehörige haben sich stark daneben benommen“, berichtet Karin Bach. „Wir hatten einen Angehörigen, der uns beschimpft hat, beleidigt hat, auch Drohungen ausgesprochen hat“, erzählt die Leiterin. „Ich war teilweise mit den Nerven am Ende“. Auch das Team habe das Verhalten dieser Angehörigen nicht verstanden. „Die gesamte Einrichtung wollte die Bewohner schützen. Wir wollten nicht, dass unsere Bewohner an Corona sterben.“

IPad oder Smartphone waren für viele Senioren die einzige Verbindung zur Außenwelt während der Pandemie.

Für Anette Wedemann und ihren Vater Heinz-Günther Andermann waren die Monate, in denen sie sich nur am Fenster oder per Telefon sprechen konnten, schwierig. „Mein Vater war mit den Nerven fertig und ich auch“, erzählt die 59-Jährige. „Besonders schlimm war, dass ich überhaupt keinen Kontakt haben konnte und dass ich ihn nicht anfassen durfte.“ Den Grund der Einschränkungen habe ihr 89-jähriger Vater verstanden. „Er wusste, um was es geht“, sagt Wedemann.

Der 95-jährige Hartwig Ohlmeyer spricht nüchtern über die Lockdown-Zeit. „Das war unangenehm“, sagt er. Aber alles gehe vorüber. Dass er seinen Sohn in seinem Zimmer immer noch nicht umarmen kann, weil das die Corona-Regeln des Hauses nicht erlauben, sei schade. „Das fehlt mir schon“, sagt der Witwer. „Aber - das klingt vielleicht eigenartig - man kann sich daran gewöhnen, dass das vorübergehend nicht möglich ist.“

Sohn Holger Ohlmeyer hält den strengen Anti-Corona-Kurs des Heimes für richtig. „Ich bin da sehr realistisch. Es musste eben sein“, sagt der 66-Jährige, der froh ist, dass er inzwischen ohne Corona-Test ins Heim kann und seinen Vater draußen auch ohne Maske treffen darf. „Es kann ja nur besser werden.“ Andere Einrichtungen sind strenger. Bei ihnen muss man den Besuch anmelden und einen Corona-Test am Eingang machen.

Impfungen bringen Erleichterung

Auch die Beschäftigten sind erleichtert, dass sich die Corona-Lage zunehmend entspannt und ein Großteil der Menschen im Heim einen Impfschutz hat. „Wir können wieder lachen auf dem Flur“, sagt die Pflegehelferin Syrocka. Die Bewohner seien wieder ausgeglichener. „Es ist nicht komplett wie früher, aber ein bisschen so“, beschreibt die 36-Jährige die Stimmung im Haus. Im Innenhof mit Garten sitzen derweil Bewohner bei Fruchtgetränken an Tischen zusammen, ein Mitarbeiter steht am Grill und wendet Fleisch.

In Pflege-Einrichtungen sind wieder Aktivitäten in Kleingruppen erlaubt. Eine Voraussetzung ist, dass alle zweimal geimpft sind. „Da sind wir in einer Zweiklassen-Gesellschaft angekommen“, so Salomé. Meint: Es gibt viel Personal, das sich nicht impfen lassen möchte. Für sie heißt es: Weiterhin Maske tragen, auch wenn Politiker die Maskenpflicht kippen wollen.

Heime haben ausreichend FFP2-Masken

Die Beschaffung von FFP-2-Masken ist kein Problem mehr. „Pures GOLD“ ist reichlich vorhanden, wie ein Blick ins Lager zeigt. Jede Pflegeeinrichtung hat inzwischen eine entsprechende Reserve angelegt, um auf die vierte Welle oder eine andere Pandemie vorbereitet zu sein. Denn, dass Masken zur Mangelware werden, darf nicht noch einmal passieren.

Auch wenn bei der Finanzierung der Pflege noch vieles unrund läuft, so hat sich laut Mathias Salomé der aufgespannte Rettungsschirm bewährt und funktioniert. Über ihn können die Einrichtungen Mehraufwendungen und Personalmehrkosten abrechnen. So konnte Kurzarbeit oder Entlassungen vermieden werden. Denn aktuell ist es schwierig einen freien Heimplatz zu besetzten.

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