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Fachkräftemangel: Auszubildende in Niedersachsen verzweifelt gesucht

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Von: Johannes Nuß

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In vielen Branchen fehlt es in Niedersachsen an Fachkräften, doch auch jede fünfte Ausbildungsstelle bleibt unbesetzt. Droht der wirtschaftliche Totalschaden?

Hannover/Göttingen/Gütersloh – Das Thema ist nicht neu: Fachkräftemangel in Deutschland, Niedersachsen und Bremen. Für viele Unternehmen ist das einer Umfrage zufolge inzwischen ein echtes Problem. Zwei Drittel – also rund 66 Prozent – der befragten Entscheider aus unterschiedlich großen Unternehmen kämpfen mit Fachkräfteengpässen. Nur 29 Prozent sehen sich davon aktuell nicht betroffen.

Das geht aus einer Befragung des Forschungsunternehmens Civey im Auftrag der Bertelsmann Stiftung hervor, an der sich im vergangenen Herbst rund 7500 Entscheiderinnen und Entscheider beteiligt hatten. Laut Arbeitsagentur benötigt Deutschland rund 400.000 Zuwanderer jährlich, um der Krise Herr zu werden.

Fachkräftemangel in Niedersachsen: jeder fünfte angebotene Ausbildungsplatz bleibt leer

Das schlägt sich auch auf den Ausbildungsmarkt im Nordwesten nieder, wie nun aus einer aktuellen Befragung der Industrie- und Handelskammern in Niedersachsen (IHKN) hervorgeht. Die Zahlen sind dramatisch, angesichts des sowieso schon herrschenden Fachkräftemangels im ganzen Land.

Zwar wollen die Unternehmen in Niedersachsen für das kommende Ausbildungsjahr 2022 ab August rund zwei Prozent mehr Ausbildungsstellen schaffen, doch es fehlen schlicht die Bewerber für die Ausbildungsplätze*. Zuletzt blieb so knapp jeder fünfte angebotene Ausbildungsplatz leer.

Die Silhouette eines Bauarbeiters zeichnet sich auf einer Baustelle vor dem verfärbten Morgenhimmel ab.
In Niedersachsen bleibt jeder fünfte Ausbildungsplatz unbesetzt. (Symbolbild) © Julian Stratenschulte/dpa

Oft mangelt es demnach an der richtigen Ansprache oder am geeigneten Kanal. Mehr als zwei Drittel der über 2100 teilnehmenden Firmen berichteten, der „fehlende Zugang zu Bewerberinnen und Bewerbern“ sei die größte Herausforderung in der Besetzung. 71 Prozent gaben an, im vergangenen Jahr hätten sich nicht genügend Kandidaten gemeldet. Daher wird versucht, mit Aktionstagen und Messen dagegenzuhalten.

Fachkräftemangel in Niedersachsen: Nur 83 Prozent der Ausbildungsstellen können besetzt werden

Seit längerem schon klagen etwa verschiedene Teilbranchen im Handwerk und Gastronomie über große Nachwuchsprobleme. Im Gesundheitswesen verstärkt die Corona-Pandemie diesen Effekt derzeit. In vielen Betrieben verschärft dies den ohnehin bestehenden Fachkräftemangel. „Wir beobachten aktuell mehr denn je, dass das Matching von Angebot und Nachfrage am Ausbildungsmarkt nicht so erfolgreich funktioniert, wie es sollte“, so IHKN-Hauptgeschäftsführerin Maike Bielfeldt.

In den letzten zwei Ausbildungsjahren hätten nur 83 Prozent der Lehrstellen besetzt werden können. Zu beachten sei dabei, dass die Berufsorientierung für junge Leute auch durch Corona-Einschränkungen und trübe wirtschaftliche Aussichten schwieriger geworden sei. Zudem gab es Kritik an unzureichendem Digitalunterricht an Berufsschulen. Die Kammern haben eine Ausbildungskampagne („Moin Future“) gestartet.

Ein kreativer Lösungsansatz zum Überwinden des Fachkräftemangels kommt in Niedersachsen aus der Forstwirtschaft. Denn auch hier fehlen Fachkräfte und der Nachwuchs hat derzeit viel im Kopf, eine Ausbildung zum Forstwirt ist es bei den meisten sicherlich nicht. Unter anderem gibt es zu wenig Nachwuchs, wie der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft forstwirtschaftlicher Lohnunternehmer (AFL) Niedersachsen, Maurice Strunk, erklärte. Eine neue Ausbildung soll helfen.

Fachkräftemangel in Niedersachsen: Kreativer Lösungsansatz zum Überwinden der Krise

Zwei Bereiche seien besonders vom Fachkräftemangel betroffen. „Zum einen werden in unseren Betrieben vermehrt Forstwirte benötigt, die durch Borkenkäferbefall abgestorbene Waldflächen wieder bepflanzen“, sagte Strunk. Außerdem fehle es an Mitarbeitern, die hoch spezialisierte Forstmaschinen bedienen können. In Niedersachsen werden laut AFL etwa 80 Prozent der praktischen Arbeiten in Wäldern von privaten Forstunternehmern durchgeführt.

Sowohl bei der Wiederaufforstung der Wälder als auch bei den Großmaschinen gebe es nicht genug Nachwuchs. Im Buhlen um die jungen Arbeitskräfte hätte der Wald häufig das Nachsehen. Das hat laut Stunk mehrere Gründe, doch letztlich sei die Arbeit nicht reizvoll genug. Das soll sich ändern, unter anderem mit der Einführung einer neuen Ausbildung für die Arbeit mit Forstmaschinen. „Mit dem Deutschen Forstunternehmerverband setzen wir uns für die Etablierung eines Ausbildungsberufs zum Forstmaschinentechniker ein“, sagte Strunk. Bisher könne der Beruf lediglich über Fortbildungen erlernt werden. Das sei jedoch nicht attraktiv für junge Menschen.

Fachkräftemangel in Niedersachsen: Nach Borkenkäferbefall Wälder wieder aufforsten

Darüber hinaus fehlen laut AFL regional Wälder, die dauerhaft bewirtschaftet werden können, statt nur saisonal – und damit eine langfristige Perspektive für Berufsanfänger. Das liege vor allem daran, dass große Waldareale in den kommenden Jahren nicht für die regelmäßige Holzernte zur Verfügung stehen. Einerseits müssen durch den Borkenkäferbefall viele Wälder erst wieder aufgeforstet werden.

Andererseits würden Wälder zu Wildnisgebieten erklärt, wie im vergangenen Jahr im Solling, kritisierte Strunk. Forstwirtschaft darf dort dann praktisch nicht mehr stattfinden. „Dies erschwert, Fachpersonal anzuwerben und auszulasten“, sagte der AFL-Geschäftsführer. Über die Ausweisung weiterer Wildnisgebiete in Niedersachsen ist derzeit allerdings nichts bekannt.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) hatte noch zu Beginn des laufenden Ausbildungsjahres 2021 eine Lanze für das duale System gebrochen und für die Ausbildung geworben: „In Corona-Zeiten gibt es einen klaren Trend: Viele denken, dass es sicherer ist, nach der zehnten Klasse eine weiterführende Schule oder nach dem Abitur eine Universität zu besuchen. Es gibt aber durchaus gute Alternativen.“ (Mit Material der dpa) * kreiszeitung.de und fr.de sind Angebote von IPPEN.MEDIA.

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