Explosion in Ritterhude: Anwohner standen vor dem Nichts

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Mit einem Straßenfest wollen die Anwohner an die Explosion erinnern. Foto: Ingo Wagner/Archiv

Ritterhude - Ein Jahr nach der Explosion einer Chemiefabrik in Ritterhude sind fast alle Spuren der Verwüstung beseitigt. Die Anwohner arbeiten jedoch noch an der Bewältigung des Unglücks vom 9. September 2014. "Es wird nie wieder, wie es vor der Explosion war", sagt Bürgermeisterin Susanne Geils.

Vor einem Jahr explodierte eine Chemiefabrik in Ritterhude - mitten in einem Wohngebiet. Viele Familien verloren ihr zu Hause. Die meisten Schäden sind repariert. Doch die Ursache ist noch immer ungeklärt.

Genau vor einem Jahr zerbricht die Welt um Silvia Schwark in Tausend Scherben. Sie will gerade ins Bett gehen, erschöpft, aber zufrieden nach einem anstrengenden Tag: Ihr neues Haus ist nun endlich fertig renoviert. Sie zieht sich aus. „Dann macht es auf einmal Peng und alle Fenster kommen mir entgegen“, erinnert sie sich. Mit einem ohrenbetäubenden Knall fliegt die Chemiefabrik auf der gegenüberliegenden Straßenseite in die Luft. Danach ist für die Anwohner in der Kiepelbergstraße in Ritterhude nichts mehr, wie es früher einmal war.

Die Explosion ist bis ins nahe gelegene Bremen zu hören. Stundenlang kämpfen Feuerwehrleute gegen die Flammen. Ein Mitarbeiter der Entsorgungsfirma für Chemieabfälle stirbt später an seinen schweren Verletzungen im Krankenhaus. Die Druckwelle beschädigt rund 40 Häuser in dem Wohngebiet. Zahlreiche Familien verlieren vorrübergehend ihr Zuhause.

Ein Jahr später sind fast alle Spuren der Verwüstung in der Straße beseitigt, die Trümmer auf dem Fabrikgelände so gut wie abgetragen. Ein paar Mauerreste sind noch übrig geblieben. Eine einsame Leiter lehnt an einer verrußten Wand. Fast alle Anwohner sind inzwischen in ihre Häuser zurückgekehrt, doch vergessen können sie nicht.

„Für uns ist es wichtig, dass die Leute, die uns das eingebrockt haben, bestraft werden“, sagt Uwe Vanester. Gemeinsam mit seiner Nachbarin Silvia Schwark sitzt er in seinem Wintergarten. Er wohnt in der einen Reihenhaushälfte, sie in der anderen. Im Gegensatz zu Schwark können er und seine Frau sich an die Minuten vor und nach der Explosion am 9. September 2014 nicht mehr erinnern. „Uns fehlt da etwas.“

Ganz präsent sind für ihn dagegen die Monate danach. Erst hausten er und seine Frau im Wohnmobil, dann auf einer Baustelle. „Man hat nur noch funktioniert“, sagt er. „Wir standen vor dem Nichts“, ergänzt Schwark. „Wir hatten kein Haus mehr, keine Autos, keine Sachen.“ Dass sie nun langsam in ihr normales Leben zurückkehren können, wollen Vanester, Schwark und ihre Nachbarn am 12. September mit einem Straßenfest feiern.

Explosion in Ritterhude

Dort wollen sie auch den vielen Helfern danken, die ihnen in der schweren Zeit eine Unterkunft besorgt, mit ihnen Kisten gepackt, geputzt und renoviert haben. Seitdem sind die Menschen in dem etwa 15 000 Einwohner zählenden Ort etwas näher zusammengerückt. „So eine Krise schweißt zusammen“, sagt Bürgermeisterin Susanne Geils, „hinterlässt aber auch Spuren.“

Ein Jahr später beschäftigen vor allem die vielen offenen Fragen die Ritterhuder. Dass es in der Vergangenheit schwere Versäumnisse bei dem Unternehmen und den Aufsichtsbehörden gab, steht nach einer Untersuchung des niedersächsischen Umweltministeriums inzwischen fest. Doch wie es am Ende zu dem Unglück kommen konnte, ist noch immer nicht geklärt. Die Ermittlungen werden nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft voraussichtlich noch Monate dauern.

Messungen ergaben aber teils erhebliche Schadstoffbelastungen auf dem Gelände. Ein unabhängiger Sachverständiger soll ein Sanierungskonzept entwickeln, dessen zentrale Punkte der Rückbau einer Tiefgarage und das Abtragen des belasteten Bodens sein soll.

Jahrelang haben Anwohner wie Uwe Vanester gegen die Chemiefabrik vor der Haustür gekämpft. Wie es jetzt mit dem Gelände weitergeht, ist noch offen. Eine neue Produktionsstätte will der Eigentümer dort nicht mehr bauen, denkt aber über ein Verwaltungsgebäude nach. Geht es nach Vanester und Schwark, soll auf der anderen Straßenseiten ein reines Wohngebiet entstehen. Damit es ein richtiger Neuanfang werde, sagen sie.

dpa

Untersuchungsbericht des Umweltministeriums

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