Gefährdete Säugetiere

Expertin hilft unterernährten Fledermäusen, selbst dem biestigen „Lord Voldemort“

Fledermäuse stranden immer häufiger an Türschwellen - sie suchen Hilfe. Viele sind unterernährt, weil es weniger Insekten gibt. Meike Martin päppelt die wendigen Flieger auf.

  • Fledermausbeauftragte im Landkreis Lüneburg päppelt verletzte Fledermäuse wieder auf.
  • Viele Fledermäuse finden nicht genug Nahrung und gehen unterernährt in den Winterschlaf.
  • Es gibt immer weniger geeignete Winterquartiere und Ruheplätze für die Säugetiere.

Lüneburg - Sie sind scheu, lichtempfindlich und können ganz schön zickig sein: Fledermäuse. „Lord Voldemort haben meine Kinder eine Breitflügelfledermaus genannt, sie war richtig biestig“, erzählt Meike Martin, Fledermausbeauftragte im Landkreis Lüneburg. Lord Voldemort - benannt nach dem Bösewicht aus der Harry-Potter-Reihe - wurde zu einer kleinen Berühmtheit, als er sich im vergangenen Jahr auf einem Kaufhaus in der Hansestadt an einer Feder verhakt hatte und einen Feuerwehreinsatz auslöste. Von der Feder wurde er unter Narkose befreit, Meike Martin päppelte ihn zwei Wochen lang auf: „Er hat richtig gefaucht. Ich habe ihn mit dicken Lederhandschuhen vorsichtig mit der Pinzette gefüttert.“

Wissenschaftlicher Name:Microchiroptera
Klasse:Säugetiere (Mammalia)
Höhere Klassifizierung:Fledertiere
Arten:~1000 weltweit

Auch die kleinen Zwergfledermäuse, die sich gern in Gärten aufhalten, durfte die Diplom-Biologin diese Saison coronabedingt nicht ohne Mundschutz betreuen. „Sie sind sehr intelligente Tiere. Wenn ich sie mit festem Griff halte, merken viele, dass ich ihnen helfen werde.“

Gegen Tollwut ist die ganze Familie geimpft, die Kinder helfen beim Füttern der kleinen Abendsegler oder braunen Langohren. Auch ein Topf mit Mehlwürmern zum Füttern steht stets bereit. Stolz erzählt Meike Martin, wie sie „Klein Hugo“ - einem Zwerg mit Loch im Flügel - wieder das Fliegen beigebracht hat. Beim Streicheln des Rückens habe sich ein Reflex ausgelöst, eine Kollegin habe vor dem Wendemanöver laut geschnipst. Danach konnte er ausgewildert werden.

Viele der nächtlichen Jäger gehen unterernährt in den Winterschlaf

Sorgen macht sich die umtriebige Tierliebhaberin um die Winterquartiere der nächtlichen Jäger. „Es gibt kaum noch alte natürliche Stollen, Bunker und Höhlen, die gute Bedingungen haben“, erzählt sie. Zwischen null und acht Grad Celsius sollten es sein, die Luftfeuchtigkeit am besten über 80 Prozent. Auch Keller seien mehr und mehr ausgebaut. „Viele gehen wegen fehlender Insekten unterernährt in den Winterschlaf, werden wieder wach und suchen nach Nahrung.“ Einige würden einfach nicht wieder aufwachen. Wegen des Klimawandels beendeten manche schon im Februar ihren Schlaf, vereinzelt irrten welche sogar im November umher.

Meike Martin päppelt unter anderem verletzte Fledermäuse auf, um die später wieder auswildern zu können.

Immer wieder rufen Leute an, die eine Fledermaus im Garten oder an der Türschwelle finden, Meike Martin leitet sie zur Selbsthilfe an. Das mit 60 Euro monatlich vergütete Ehrenamt übt sie seit eineinhalb Jahren aus - neben ihrem Job als Biologin. Und sie erklärt, wie man den eigenen Garten fledermausfreundlich gestalten kann. Denn besonders treibt sie die schwindende Population der gefährdeten Tierchen um: „Weil es in den Städten immer heller wird, jagen dort viele Arten nicht mehr und verschwinden. Sie haben leider keine so gute Lobby wie Vögel.“

So beobachtete sie den Rückzug der Wasserfledermäuse am heimischen Lösegraben, nachdem Radwege beleuchtet wurden. „Im Sommer kochte früher die Wasseroberfläche, so jagten sie über das Wasser. In diesem Jahr habe ich keine einzige gesehen.“ Mit kleinen Fledermauskästen lockt sie die Flieger vereinzelt an. Wichtig seien Wasserstellen sowie Rückzugsmöglichkeiten wie Baumritzen, nachtblühende Pflanzenarten wie Kräuter oder Nelkengewächse, weil sie unter anderem Motten anlocken - eine Nahrungsquelle für die gefährdeten Flattertiere.

Kaum noch Ruheplätze für die empfindlichen Tiere

Die empfindlichen Tiere finden kaum noch Ruheplätze, sogar die Wochenstuben, in denen sich die Mütter zum Aufziehen der Kleinen zusammentun, nehmen ab. „Die Tiere haben eine hohe Relevanz für unser Ökosystem“, betont die Fachfrau. Mit anderen Regionalberatern ist sie vernetzt und nutzt die ruhigere Winterzeit zum Austausch.

Auch der Naturschutzbund Nabu sorgt sich um die 19 Arten in Niedersachsen. Heiße Sommer, Pestizide und auch Windräder dezimierten die einzigen Säugetiere, die jemals gelernt hätten, aktiv wie Vögel zu fliegen, führt Ralf Berkhan an, Fledermausexperte beim Nabu. Hauptursache für die Gefährdung der heimischen Fledermausarten sei der Verlust von geeigneten Lebensräumen, bei der Modernisierung von Hausfassaden und Dächern gingen Ritzen, Fugen und Spalten verloren.

In Ludwigsburg hatte sich eine kleine Fledermaus in einem Büro im Polizeirevier Ludwigsburg zum Schlafen an einen Lichtschalter gehangen.

„Wir hatten ein paar milde Winter, auch dieser Oktober war noch ungewöhnlich, da sind die Tiere rumgeflogen“, sagt Berkhan. Eigentlich sollten sie zur Ruhe kommen. Im Harz und im Osnabrücker Land finden sie noch viele Stollen mit geeigneten Temperaturen, in der Region Hannover wurden sogar kleine Bunker zu Fledermausquartieren umfunktioniert, in Lüneburg ein alter Eiskeller hergerichtet. Mit Material der dpa.

Rubriklistenbild: © Philipp Schulze / picture alliance / dpa

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Fünf wirklich außergewöhnliche Erlebnistouren

Fünf wirklich außergewöhnliche Erlebnistouren

Dominikanische Republik: Der bunte Hund von Cabarete

Dominikanische Republik: Der bunte Hund von Cabarete

So fährt es sich im Ford Mach-E

So fährt es sich im Ford Mach-E

Desserts mit Gemüse zubereiten

Desserts mit Gemüse zubereiten

Meistgelesene Artikel

Corona-Impfhotline macht (noch) Probleme: „Diese Nummer ist nicht vergeben“

Corona-Impfhotline macht (noch) Probleme: „Diese Nummer ist nicht vergeben“

Corona-Impfhotline macht (noch) Probleme: „Diese Nummer ist nicht vergeben“
Coronavirus-Impfung: Heute startet die Terminvergabe auf zwei Wegen

Coronavirus-Impfung: Heute startet die Terminvergabe auf zwei Wegen

Coronavirus-Impfung: Heute startet die Terminvergabe auf zwei Wegen
Impfung in Hannover: Der Weg zum Schutz gegen das Coronavirus

Impfung in Hannover: Der Weg zum Schutz gegen das Coronavirus

Impfung in Hannover: Der Weg zum Schutz gegen das Coronavirus
Gegen das Coronavirus: So bekommt man seine zwei Impftermine

Gegen das Coronavirus: So bekommt man seine zwei Impftermine

Gegen das Coronavirus: So bekommt man seine zwei Impftermine

Kommentare