Kriminalität im Internet

Experten warnen: Kinder-Fotos niemals online veröffentlichen

Für die einen sind es normale Fotos, für andere bedienen sie unvorstellbare Fantasien. Experten raten eindringlich dazu, Kinder-Bilder niemals öffentlich zu teilen.

Hannover – Fotos von Kindern auf sozialen Medien hochzuladen, das ist für viele Eltern mittlerweile zum Standard geworden. Die Gefahr, die dahinter steckt, begreifen jedoch längst nicht alle Erziehungsberechtigten. Denn was für Freunde und Bekannte der Familie harmlose Urlaubsfotos sind, lockt auch Menschen an, die anderes im Sinn haben. Zum Beispiel Pädokriminelle.

Verein:Deutscher Kinderschutzbund
Mitglieder:50.000
Gründung:1953
Vorsitz:Heinz Hilgersjo

Sie stehlen Fotos in sozialen Medien und laden sie neu hoch – auf dubiosen Portalen, auf denen einfache Kinderbilder in einen sexuellen Kontext gestellt werden. Vor allem in der Sommerzeit, wenn Eltern Bildmaterial von Stränden und aus Freibädern hochladen.

Kinderfotos im Internet – wie Eltern ungewollt Pädokriminelle beliefern

Sobald Fotos öffentlich seien, gebe man die Kontrolle darüber ab. „Es ist ja verständlich, dass Eltern und Großeltern Fotos ihrer Kinder und Enkelkinder zeigen – sie wollen ihre Freude teilen. Leider ist das Internet dafür aber der am schlechtesten geeignete Raum“, sagt das Vorstandsmitglied des Kinderschutzbundes, Joachim Türk. Die Szene der pädophilen Kriminalität sei laut Türk riesig und sehr aktiv. Die geklauten Fotos würden für Zwecke zur Verfügung gestellt, „von denen wir uns keine Vorstellung machen wollen“.

Die Polizei appelliert an Eltern, keine Kinderfotos im Internet öffentlich zu teilen.

Doch um auf die Probleme aufmerksam zu machen, beschreibt Türk dennoch: „Stellen Sie sich vor, die Bilder geraten auf Websites pädophiler Angebote, und fremde Menschen kommentieren dazu in allen Details, wie genau sie Ihren Kindern am liebsten sexualisierte Gewalt antun würden. Da hoffen Sie, dass nicht auch noch Hinweise auf Ihre Wohnung geklaut worden sind.“ In der Vergangenheit habe es mehrere Fälle gegeben, bei denen sich die Vorfälle aus dem Internet in das echte Leben verlagert hätten.

Pädophile Kriminalität: Auch auf YouTube

Doch nicht nur zwielichtige Portale bereiten Kinder- und Jugendschützern Sorgen. Selbst auf Youtube können Nutzer durch Einstellungen der Playlist-Funktion Alltagsbilder von Kindern in einen sexuellen Kontext stellen, wie die Internetwächter von „Jugendschutz.net“ kürzlich berichteten. Die Sexualisierung erfolge durch die Namen der Playlists oder durch die Zusammenstellung der Videos, heißt es in dem Jahresbericht 2020 der Experten, die als gemeinsames Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet eintreten.

 Da hoffen Sie, dass nicht auch noch Hinweise auf Ihre Wohnung geklaut worden sind.

 Joachim Türk

„Mittels einer Kombination von sexualisierenden Adjektiven (sexy, cute, hot, geil) und unauffälligen Begriffen zu Alter, Größe oder
körperbetonten Aktivitäten (young, small, gymnastics) fanden sich solche Playlists über die Suchfunktion von YouTube“, so der Bericht. Dabei würden Videos von Minderjährigen in Bade- oder Sportbekleidung mit erotischen Videos von Erwachsenen kombiniert.

Experten über Familienvideos online stellen: Videoeinstellungen vorher anpassen

Szenen mit Minderjährigen in Badebekleidung oder in Gymnastikbodys würden mit erotischen Erwachsenen-Videos kombiniert. Das erleichtere Pädophilen den Zugang zu solchen Darstellungen und mache Minderjährige zu Opfern von Sexualisierung. Als sichere Gegenmaßnahme empfehlen die Experten, die Voreinstellungen so zu konfigurieren, dass Videos nicht wahllos weiterverbreitet werden. „Nützlich ist beispielsweise, die Möglichkeit auszuschließen, dass eigene Videos zu Playlists von anderen hinzugefügt werden.“

Cyberkriminologe: Keine Informationen über Kinder verbreiten

Auch die Polizei warnt immer wieder davor, Inhalte der Kinder im Internet zu teilen. Doch der Leiter des Instituts für Cyberkriminologie an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg, Thomas-Gabriel Rüdiger, hält es darüber hinaus nicht für richtig, wenn Eltern „vulnerable Informationen“ über Kinder verbreiten. Wo gehen sie regelmäßig essen? Wie sieht ihre Wohnung aus? Welche Haustiere haben sie? „Über diese kontextuellen Informationen können im schlimmsten Fall Kinder auch durch Täter identifiziert und eventuell auch direkt angesprochen werden“, sagt der Experte.

Eine Kriminaloberkommissarin sitzt vor einem Computer auf der Suche nach Kinderpornografie und Fällen von sexuellem Missbrauch.

Kinderbilder im Internet: Fotobuch statt Internet-Galerie

Die Gefahr hinter arglos verbreiteten Kinderbildern beginnt für Joachim Türk nicht erst außerhalb der eigenen sozialen Sphäre, sondern oft schon in einem viel engeren Kreis. „Alle Studien sagen, dass sexualisierte Gewalt gegen Kinder meist im sogenannten sozialen Nahbereich ausgeübt wird. Von Familie, Verwandten, Freunden.

Und da rede ich nicht von „sogenannten“ Freunden, wie sie auf Facebook, Instagram und Co. alltäglich sind“, sagt Türk, der statt der Nutzung von Chat-Gruppen lieber eine digitale Bildergalerie auf dem heimischen Tablet oder ein selbst gebasteltes Fotobuch empfiehlt. „Fotos gelten oft als Eintrittskarte oder Mitbringsel für den Zugang in pädophile Treffpunkte im Darknet, und sie sind online mit nur einem Mausklick verfügbar.“

Kinderbilder im Internet: Neue Technik verschärft Probleme

Thomas-Gabriel Rüdiger denkt bereits in die Zukunft und sieht eine zusätzliche Gefahrenquelle in der stetigen Verbesserung der Smartphone-Technik. Die immer bessere Auflösung von Bildern etwa sorge zum Beispiel schon heute dafür, dass biometrische Daten wie Fingerabdrücke ausgelesen werden könnten.

„Dazu kommt, dass Gesichtserkennungssoftware sich auch stetig verbessert und es auch künstliche Alterungssoftware gibt, auch für Privatanwender“, sagt der Experte. Ein Kinderbild, das heute öffentlich geteilt werde, könne demnach dazu führen, dass das Kind auch im Alter darüber „vollautomatisch“ auffindbar sein werde. „Damit kann es passieren, dass dem Kind schon in jüngsten Jahren die Möglichkeit genommen wird, eine eigene oder auch gar keine digitale Identität zu entwickeln.“

Damit kann es passieren, dass dem Kind schon in jüngsten Jahren die Möglichkeit genommen wird, eine eigene oder auch gar keine digitale Identität zu entwickeln.

Thomas-Gabriel Rüdiger

Das alles sei nur der aktuelle Stand der Technik, sagt Rüdiger, dessen Prognose für die Zukunft nicht optimistisch klingt: „Was aus den vorhandenen Bildern noch in der Zukunft ausgelesen werden kann, ist jetzt noch gar nicht ersichtlich.“ * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa/Monika Skolimowska

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