Einsatz umsonst?

Ex-Soldat über die Lage in Afghanistan: „Frustriert und enttäuscht mich“

Chaos und Panik in Kabul: In Afghanistan herrschen die Taliban. War der Nato-Einsatz umsonst? Im Gespräch mit einem Ex-Soldaten über Hoffnung und Enttäuschung.

Hannover/Kabul – Es sind Bilder des Schreckens: Menschen stürmen den Flughafen in Kabul. Hunderte klammern sich an die wartenden Flugzeuge, die noch aus Afghanistan abheben könnten. US-Militärs feuern Warnschüsse ab. Keine Frage, nach der Machtergreifung der radikal-islamistischen Taliban herrscht die nackte Todespanik bei Zigtausend Afghaninnen und Afghanen*. Die Evakuierung von Botschaftsangehörigen und Ortskräften lief am Montag auf Hochtouren. „Die Bilder sind einfach nur herzzerreißend“, sagt Alexandre R. Wirklich überrascht ist er von der Entwicklung am Hinukusch aber nicht.

Land am Hindukusch:Afghanistan
Bevölkerung: 38,04 Millionen (2019)
Fläche:652.860 km²
Hauptstadt:Kabul

Der Niedersachse, der anonym bleiben muss und dessen Name von der Redaktion deshalb geändert wurde, hat in Afghanistan gekämpft. Als Soldat. Er war Mitglied der sogenannten Quick Reaction Force, einer schnellen Eingreiftruppe der Nato. 2005 war er für ein halbes Jahr im Rahmen der Isaf-Mission im Einsatz. Doch die Lage in Afghanistan verfolgt er bis heute – und aktuell mit sehr gemischten Gefühlen, wie er im Gespräch mit kreiszeitung.de berichtet.

Lage in Afghanistan: Die Evakuierung in Kabul verfolgt Ex-Soldat mit gemischten Gefühlen

Grundsätzlich sei der Militäreinsatz richtig gewesen. „Ich bedauer ihn jedenfalls nicht“, sagt Alexandre R. Durch die Mission seien über Jahrzehnte viele Menschenleben gerettet worden. Doch angesichts der aktuellen TV-Bilder ließe sich auch nicht verhindern, dass sich ein anderes Gefühl breitmache. „Ich schwanke da durchaus auch zwischen Frustration und Enttäuschung“, gesteht der Afghanistan-Veteran.

Rückkehr zum Kalifat? In Afghanistan regieren jetzt wieder die radikal-islamistischen Taliban.

So zerrissen wie Alexandre R. sind sicherlich derzeit viele Soldatinnen und Soldaten, die in zwei Jahrzehnten ihren Dienst am Hindukusch abgeleistet haben. 20 Jahre haben die USA mit ihren westlichen Verbündeten, darunter auch die deutsche Bundeswehr, den Krieg am Hindukusch geführt, mehr als 3000 von ihnen bezahlten dafür mit dem Leben. Sie taten dies auch für das Versprechen der westlichen Welt, Demokratie, Sicherheit und Bildung in das seit den 1970er-Jahren vom Bürgerkrieg gebeutelte Land zu bringen.

Doch offenbar vergeblich, so scheint es zumindest aktuell: Seit dem Abzug der internationalen Schutztruppen haben die radikal-islamistischen Taliban-Milizen das Land im Sturm mühelos zurückerobert – und die Regierung um Präsident Aschraf Ghani in Kabul innerhalb weniger Tage in die Flucht geschlagen. Ebenso Tausende Afghaninnen und Afghanen, die die westliche Aufbaumission unterstützt haben. Sie müssen nun Racheakte und die Todesstrafe fürchten.

Abzug der USA ein Fehler? Flüchtlinge in Afghanistan klammern sich jetzt verzweifelt an Flugzeuge

Es sei ganz, ganz bitter, dass sich „die Hoffnung vieler Menschen auf ein normales Leben innerhalb weniger Tage zerstört“, sagt Alexandre R. Doch den Taliban-Sturm hat er vorausgesehen. „Ich habe gehofft, dass es für die Menschen in dem Land anders gelaufen wäre. Aber im Prinzip hat das jeder so erwartet“, sagt er zur aktuellen Eskalation in Afghanistan. Als Soldat in der Spezialeinheit war er oft genug nah dran an den radikal-islamistischen Kämpfern.

„Wir sprechen hier über eine gut strukturierte und vor allem enorm finanzstarke Organisation“, sagt der Veteran. Die Taliban würden die Gebiete wie ihre Westentasche kennen und hätten überall ihre Unterstützer. „Dass sie nicht 20 Jahre schlafen, sondern sich auf den Tag des Abzugs der USA vorbereiten, war immer klar“, sagt der Niedersachse.

War der von den USA eingeleitete Abzug der Truppen also ein riesiger Fehler? Alexandre R. ist sich da nicht ganz sicher. „Ich bin da ganz ehrlich: Ich habe keine Idee, wie man das afghanische Problem lösen will“, sagt der Soldat, der seinen Dienst mittlerweile quittiert hat. Der Westen habe 20 Jahre enorme Summen in die militärische und zivile Aufbauarbeit gesteckt und ein „enormes Maß an Unterstützung“ geliefert, sagt er. So ein Engagement ließe sich auch nicht für die Ewigkeit aufrechterhalten. Insofern gebe es zu einem Rückzug eigentlich auch keine Alternative. „Ich war nur über das Tempo verwundert“, sagt der Niedersachse.

Taliban-Vormarsch kommt für Veteran nicht überraschend: Strukturierte und finanzstarke Organisation

Unter dem Strich bleibt aber nach dem Dauereinsatz der Eindruck vom Chaos und der Panik. In Deutschland stellt man sich bereits auf einen neuen Flüchtlingsstrom ein. So rief Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die internationale Gemeinschaft auf, die Nachbarländer von Afghanistan bei der Aufnahme von Flüchtlingen zu unterstützen*. Doch Experten gehen auch davon aus, dass auch viele Afghaninnen und Afghanen in Deutschland Schutz suchen werden.

Aus Sicht von Alexandre R. ist dies auch das Wichtigste, was das Land derzeit für Afghanistan tun kann. Nach 20 Jahren Militäreinsatz müsse man nun alles dafür tun, eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden. „Ich hoffe wirklich sehr, dass wir die Geflüchteten mit offenen Armen empfangen“, sagte der Ex-Soldat. * kreiszeitung.de, 24hamburg.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © dpa/picture alliance

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