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Plastikmüll im Meer: Erschreckende Bilanz zeigt Vervierfachung

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Von: Andree Wächter

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WWF und AWI warnen: Bis 2050 droht eine Vervierfachung der Plastikmüllkonzentration im Meer. Das hat Auswirkungen auf das Ökosystem.

Bremerhaven – Die Plastik-Verschmutzung der Ozeane wächst exponentiell und wird weiter zunehmen. Die Kunststoffproduktion wird sich bis 2040 voraussichtlich mehr als verdoppeln, sagen Forscher. In der Folge vervierfacht sich das Makroplastik in den Ozeanen in den kommenden 30 Jahren. Dies sind Ergebnisse einer Meta-Studie des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven. Die Wissenschaftler haben im Auftrag der Umweltorganisation World Wide Fund For Nature (WWF) geforscht. Bei „Impacts of plastic pollution in the oceans on marine species, biodiversity and ecosystems“ wurden 2.592 Studien ausgewertet.

AWI StandortBremerhaven
Mitarbeiterrund 900
Ausstattungdrei Forschungsschiffe, ein Polarflugzeug
Gründung1980

Plastikmüll im Ozean: Verschmutzung könnte um das 50-Fache zunehmen

„Die Durchdringung des Ozeans mit Plastik ist unumkehrbar“, sagt Heike Vesper, Leiterin des Fachbereiches Meeresschutz beim WWF Deutschland. „Einmal im Meer verteilt, lässt sich Kunststoffmüll kaum zurückholen. Er zerfällt stetig, sodass die Konzentration von Mikro- und Nanoplastik noch jahrzehntelang ansteigen wird.“ Die Folge: „Bis zum Ende dieses Jahrhunderts könnten Meeresgebiete von der zweieinhalbfachen Fläche Grönlands ökologisch riskante Schwellenwerte der Mikroplastikkonzentration überschreiten, da die Menge des marinen Mikroplastiks bis dahin um das 50-fache zuzunehmen droht“, heißt es in der Studie.

Eine Echte Karettschildkröte, die an einem nahegelegenen Strand gefunden wurde, wird nach einer Autopsie zusammen mit Müll im Labor des Al Hefaiyah Conservation Center gezeigt.
Eine Echte Karettschildkröte, die an einem nahegelegenen Strand gefunden wurde, wird nach einer Autopsie zusammen mit Müll im Labor des Al Hefaiyah Conservation Center gezeigt. © Kamran Jebreili/AP/dpa

In Plastikmüll könnten sich Tiere wie Robben oder Meeresschildkröten verfangen und ersticken. Das gleiche Schicksal könne Vögel ereilen, die ihre Nester aus Plastikabfall bauten. Das sei etwa bei den Basstölpeln auf Helgoland beobachtet worden. Wenn der Müll den Meeresboden bedecke, fehle Korallen und Schwämmen Licht und Sauerstoff. Schildkröten und Raubfische oder auch Delfine und Wale verwechselten Plastikteile mit Beutetieren. Nach dem Verzehr hätten sie ein falsches Sättigungsgefühl, litten unter Verstopfung und an inneren Verletzungen. Mit dem Plastikmüll nähmen die Tiere zudem Chemikalien auf, die ihre Fortpflanzung beeinträchtigen könnten.

Plastik-Verschmutzung hat „beunruhigende Auswirkungen“ auf Meeresbewohner

Bei knapp 90 Prozent der untersuchten Meeresarten seien Auswirkungen festgestellt worden, sagte die Meeresbiologin und Mitautorin der Studie, Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut. Allerdings seien diese Zusammenhänge noch wenig erforscht. Aber: „Die dokumentierten Auswirkungen sind äußerst beunruhigend“, sagte Bergmann. Kürzlich hatten AWI-Forscher Nester von Eisfischen entdeckt.

Besonders betroffen seien das Mittelmeer, das Gelbe und das Ostchinesische Meer. Korallenriffe und Mangrovenwälder seien in Gefahr. Vor der indonesischen Insel Java sei an einigen Stellen die Hälfte des Meeresbodens mit Plastikmüll bedeckt. Dort hat die Mikroplastikkonzentration den ökologisch kritischen Schwellenwert bereits überschritten, sagen die Forscher. Besonders gefährdet seien Korallenriffe und Mangrovenwälder. Für jede Region und Art würden unterschiedliche Schwellenwerte gelten, erklärt Melanie Bergmann. Auch in der Tiefsee, die 70 Prozent der Erdoberfläche ausmache, sammele sich immer mehr Kunststoffabfall.

Plastikmüll: Von der Deponie in den Ozean gespült

Der Müll werde häufig direkt ins Meer gekippt oder bei Hochwasser von Deponien weggespült. Einwegplastik mache 60 bis 95 Prozent der Verschmutzung aus. Laut der Studie haben sich zwischen 86 und 150 Millionen Tonnen Kunststoff im Ozean angereichert. Mikroplastik gelange auch über das Abwasser in die Meere. Zwar hielten moderne Klärwerke 97 bis 90 Prozent der Partikel zurück, aber in einer Stadt wie Berlin oder Hamburg bedeute ein Prozent immer noch eine große Menge, sagte Bergmann.

Laut AWI und WWF dürfen die Auswirkungen des Mülls auf Arten und Ökosysteme nicht isoliert betrachtet werden. Es müssen auch weitere Faktoren wie globale Erhitzung, Überfischung, Überdüngung oder Schifffahrt mit berücksichtigt werden. Für stark gefährdete Arten wie Pottwale oder Mönchsrobben im Mittelmeer könnte allerdings die Plastik-Verschmutzung das gefährliche „Zünglein an der Waage“ sein.

WWF fordert globales Abkommen gegen Plastikmüll im Meer

Der WWF forderte die Ende Februar in Nairobi tagende Umweltversammlung der Vereinten Nationen (Unea) auf, ein rechtsverbindliches globales Abkommen gegen den Plastikeintrag in die Meere auf den Weg zu bringen. In Deutschland gebe es schon ein Bewusstsein für das Problem. Die EU habe vor einiger Zeit bestimmte Einwegplastikverpackungen verboten. Es sei nach ihrer Erfahrung „die schnellste Umweltgesetzgebung ever“ gewesen, lobte Vesper.

Manche Verbesserungen brauchen jedoch Zeit, wie der Sprecher des Versorgers Hamburg Wasser, Ole Braukmann, sagte. Hamburgs rot-grüner Koalitionsvertrag sehe vor, den Einbau einer vierten Reinigungsstufe im Klärwerk zu prüfen. Es gehe dabei aber um eine hohe Investition für 50 bis 60 Jahre, deren Vor- und Nachteile genau bedacht werden müssten. Reinigungsverfahren mit Aktivkohle seien zum Beispiel sehr energieintensiv und teuer. (Mit Material der dpa) * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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