Krieg in Afghanistan

Ende des Afghanistan-Einsatzes: Bundeswehr-Soldaten in Wunstorf erwartet

Historisches Kapitel oder gescheiterter Einsatz? 20 Jahre nach Beginn des Afghanistan-Krieges kommen heute die letzten Bundeswehr-Soldaten nach Hause.

Wunstorf – Auf dem Luftwaffenstützpunkt im niedersächsischen Wunstorf (Region Hannover) werden am Mittwochnachmittag, 30. Juni 2021, die letzten Bundeswehrsoldaten aus Afghanistan erwartet. Die drei Transportmaschinen vom Typ A400M sind nach einer nächtlichen Zwischenlandung in Georgien gestartet, wie ein Bundeswehr-Sprecher am Mittwoch sagte.

Beginn des Bundeswehr-Einsatzes:2. Januar 2002
Eingesetzte Bundeswehr-Soldaten:160.000, i.d.R. vier bis sechs Monate
Bundeswehr-Verluste:59 Menschen verloren ihr Leben in Afghanistan
Kosten:12,2 Milliarden Euro
Ständige Truppengröße:ca. 1.100
Anzahl der Fahrzeuge die zurück müssen:123
Verteidigungsminister während des Einsatzes:Rudolf Scharping, Peter Struck (beide SPD), Franz Josef Jung (CDU), Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Thomas de Maizière, Ursula von der Leyen und Annegret Kramp-Karrenbauer (alle CDU).

Mit Hinweis auf die Corona-Pandemie verzichtet die Bundeswehr auf einen großen Empfang. Wenn der letzte Soldat das Flugzeug in Wunstorf verlassen hat, war die Bundeswehr seit 2. Januar 2002 insgesamt 7119 Tage im Nato-Einsatz präsent.

Offiziell zu Ende gegangen war der Afghanistan-Einsatz bereits am Dienstag, 29. Juni 2021, nach fast 20 Jahren. Mit insgesamt vier Bundeswehrmaschinen waren die Soldaten aus dem Feldlager in Masar-i-Scharif in Nord-Afghanistan ausgeflogen worden.

Ende des Afghanistan-Einsatzes: 59 Bundeswehrsoldaten haben in Afghanistan ihr Leben verloren

Als „historisches Kapitel“ das zu Ende gehe, bezeichnete Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) den Einsatz. Es sei „ein intensiver Einsatz, der die Bundeswehr gefordert und geprägt hat, bei dem sich die Bundeswehr im Kampf bewährt hat“, gewesen. Und weiter: „Ein Einsatz, bei dem Angehörige unserer Streitkräfte an Leib und Seele verletzt wurden, bei dem Menschen ihr Leben verloren haben, bei dem wir Gefallene zu beklagen hatten.“

Insgesamt verloren bei dem Krieg in Afghanistan 59 Bundeswehrsoldaten ihr Leben, 35 davon bei Anschlägen oder im Gefecht. An Kosten hat die Bundeswehr nach fast 20 Jahren rund 12,2 Milliarden Euro zu verbuchen. Ursprünglich sollte der Einsatz der Friedenssicherung dienen, wurde aber schließlich zum Kriegseinsatz gegen die aufständischen Taliban. Zuletzt wurden durch die Nato-Truppen hauptsächlich afghanische Streitkräfte ausgebildet.

Angesichts der Eckdaten sprach die Linke von einem gescheiterten Einsatz. „Gemessen an Zielen wie Stabilität, dem Aufbau eines demokratischen Staates und dem Schutz der Grundrechte kann man den Einsatz nur als gescheitert bezeichnen“, sagte Parteichefin Susanne Henning-Wellsow am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa. Es stelle sich die Frage, ob der Einsatz überhaupt geeignet gewesen sei, die genannten Ziele zu erreichen. Und diese Frage stelle sich in ihren Augen für jeden Auslandseinsatz der Bundeswehr.

Bundeswehr-Soldaten in Wunstorf erwartet: 160.000 Soldaten leisten in 20 Jahren Einsatz ihren Dienst

Eva Högl, Wehrbeauftrage des Deutschen Bundestag, bezeichnete den beendeten Einsatz als „bewegenden Moment“. Die Bundeswehr sei durch den Einsatz geprägt worden. „59 Soldaten haben in Afghanistan ihr Leben gelassen“, sagte Högl. Viele der 160.000 Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz gewesen seien, hätten seelische Wunden davongetragen. Högl dankte den Soldaten für ihre Leistung und betonte zugleich die besondere Verantwortung des Bundestages, „eine kritische und ehrliche Bilanz“ zu ziehen. Dies könne eine Enquete-Kommission leisten.

Am Dienstag wurden die letzten verbliebenen deutschen Soldaten aus Afghanistan ausgeflogen. Sie wurden am Mittag in Wunstorf erwartet.

Gleichzeitig forderte Högl, dass Deutschland sich weiter in Afghanistan engagieren solle. Etwa im Bereich der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung, in der Bildungsarbeit oder bei der Ausbildung der Sicherheitskräfte.

Die Bundeswehr hatte den Abzug zuletzt deutlich vorantreiben müssen, nachdem die US-Regierung unter Präsident Joe Biden den Abzug beschleunigt hatte. Die letzten internationalen Soldaten sollen bis spätestens 11. September Afghanistan verlassen haben, vermutlich werden sie das aber bereits viele Wochen früher tun. 

Ende des Afghanistan-Einsatzes – Sicherheitslage nach Truppenabzug in Afghanistan desaströs

Vor dem Beginn der Rückverlegung im Mai waren noch 1100 Männer und Frauen der Bundeswehr in Afghanistan. 750 Seecontainer Material wurde auf dem Land- und Luftweg nach Deutschland zurückgebracht, darunter waren rund 120 Fahrzeuge und sechs Hubschrauber.

Zuletzt hatte sich die Sicherheitslage in Afghanistan vor allem im Norden des Landes zugespitzt. Die militant-islamistischen Taliban hatten alleine in der Provinz Balch, in der sich das deutsche Camp Marmal befand, im Juni mindestens sechs Bezirke erobert. Auch in der Nacht zum Mittwoch gab es Berichte über Kämpfe in der Provinz.

Insgesamt haben die Islamisten seit 1. Mai 2021, dem offiziellen Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen, rund 90 der etwa 400 Bezirke des Landes neu erobert. Dabei wurden Hunderte Sicherheitskräfte der Regierung getötet, verwundet, gefangen genommen oder zur Aufgabe überredet. 

Niedersächsischer Bundestagsabgeordneter Lars Klingbeil kritisiert Verhalten der Bundeswehrsoldaten in Litauen

Die Rückkehr der Soldaten aus Afghanistan kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die Bundeswehr vor allen Dingen im Inneren in der Kritik steht. Jüngst machten Panzergrenadiere aus Munster auf sich aufmerksam, als Teile der Soldaten mit rechtsradikalen Äußerungen und sexuellen Handlungen ins Rampenlicht gerieten.

Der niedersächsiche Bundestagsabgeorndete Lars Klingbeil aus Munster, kritisierte das Verhalten der Panzergrenadiere in Litauen.

Im exklusiven kreiszeitung.de-Interview kritisierte der niedersächsische Bundestagsabgeordnete und SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil die Soldatinnen und Soldaten und forderte mehr Zivilcourage ein. Es sei „wichtig, dass andere den Mund aufmachen, dazwischen gehen und es melden, wenn sie solche Vorfälle mitbekommen“, sagte Klingbeil, der im Wahlkreis Munster kandidiert.

Die Vorfälle, die sich in Litauen im Rahmen des Nato-Einsatzes „Enhanced Forward Presence“ (zu Deutsch: verstärkte Vornepräsenz) während einer sogenannten Erholungsmaßnahme in einem Hotel abgespielt haben sollen, beschäftigen inzwischen auch die Staatsanwaltschaft. * kreiszeitung.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Rubriklistenbild: © Hauke-Christian Dittrich/dpa

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